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Schlager im Saarland
Saarland einig Schlagerland

Früher Star: Zarah Leander war 1948 in Saarbrücken zu Gast. Hier bei der entspannenden Lektüre im feinen Hotel Exelsior.
Früher Star: Zarah Leander war 1948 in Saarbrücken zu Gast. Hier bei der entspannenden Lektüre im feinen Hotel Exelsior. FOTO: Foto: Paul Hartmann, Landesarchiv Saarbrücken, NL Paul Hartmann, © Gabi Hartmann.
Saarbrücken . Nicole, Dieter Thomas Heck und Cindy & Bert: Wie gerade das kleine Bundesland zum Schlagermekka wurde, berichtet das neue Buch von Kerstin Rech.
Oliver Schwambach

Wie nur kommt man bloß darauf, ein Buch über den Schlager und das Saarland zu schreiben? Lohnt das? Muss das nicht zwangsläufig zu einer schnöden Auflistung der Die-waren-auch-mal-da werden? So wie Goethe hier ja einst auch Durchreisender war, als er am Brennenden Berg rastete; sich Sulzbach und Dudweiler deshalb aber nicht gleich mit dem Lorbeer Goethe-Stadt krönten.



Doch Tatsache: Das kleine Saarland ist SchlagerIand, wie Autorin und Journalistin Kerstin Rech auf 280 Seiten in „Der Schlager, das Saarland und die Siebziger“ lesenswert darlegt. Womöglich, weil hier, wo man sich für ein bisschen Wohlstandsglück erst lange in Gruben und an Hochöfen krumm legen musste, viele empfänglich waren für „Kleine-Kneipe“-Harmonien. Ganz sicher aber lag’s daran, dass hier zur rechten Zeit die richtigen Leute zusammen fanden. Schnellsprecher Dieter Thomas Heck gehörte allen voran dazu, der König unter den Schlagermachern. Der gebürtige Flensburger und Gelegenheitssänger („Wirf noch ein Stück Holz ins Feuer“) war via Südwestfunk und Radio Luxemburg in den 60ern beim Saarländischen Rundfunk gelandet. Die Luxemburger sahen damals Nebenher-Werbeverträge ihrer Moderatoren ungern, der öffentlich-rechtliche Saar-Sender nahm’s legerer. Allerdings war in den Sixties auch auf dem Halberg Englisch cool und Deutschsprachiges igittigitt. Den einstigen Autoverkäufer Heck focht das nicht an. Seine „Deutsche Schlagerparade“ wurde rasch zu einer der Top-Radiosendungen.

Wichtiger aber noch: Beim SR traf Heck auf Truck Branss, den in jenen Jahren wohl innovativsten Fernseh- und Show-Regisseur. Branss, der zwar bei Schlager die Nase rümpfte, aber nach Einschaltquoten gierte, sah in Heck die Idealbesetzung für die ZDF-Hitparade, die ebenfalls in seinen Händen lag. Und dank seiner beiden „Parade“-Rollen avancierte Heck zu einer Art Leichtere-Muse-Halbgott, der Stars und Sternchen en gros nach Saarbrücken lockte. Und stand gerade eine Wahl an, ließ sich der bis in Brusthaar schwarz gefärbte Heck nicht lange bitten, machte Reklame für die Union. Mit eigenem Liedgut: „Wir wählen CDU, wähl’ auch Du CDU“. Aber er ließ zum Lobpreis der Schwarzen auch Heino, Bata Illic sowie Cindy & Bert in der Völklinger Turnhalle zur Landtagswahl 1970 Wahlkampfschlager singen. Hinter der Willy-Brandt-SPD sammelten sich damals Intellektuelle wie der Schriftsteller Günter Grass. Hinter der CDU die Herzschmerzpoeten. Die Parteien waren halt noch unterscheidbar.

Heck kreierte beim SR übrigens auch die „Goldene Europa“ mit, ein lange hoch angesehener Showpreis, bis dem kleinen Sender 2003 das Geld ausging. Der SR aber hatte in seinen guten, frühen Tagen einen Ruf wie Donnerhall in Sachen Unterhaltung. Was sich wiederum mit Truck Branss’ Produktionen hier verbindet. Der Saar-Sender war für viele Show- und Musik-Karrieren der Katalysator. Das Epizentrum des Schlagers im Saarland aber war das Tanzcafé Thomé in Quierschied. Eigentlich hätte es gar keinen Grund geben, dass die Bergarbeiter-Kommune mal auf der deutschen Schlager-Landkarte eine Landmarke sein könnte. Dem cleveren Otto Thomé jedoch fiel für seinen Laden stets was Zündendes ein. Etwa, dass Radiomoderatoren in den 60ern zwar populär waren, kaum jemand aber ihr Gesicht kannte. Das lässt sich doch ändern, dachte Thomé, und bot den SR-Radio-Größen Manfred Sexauer und Martin Arnhold an, ihre Sendungen direkt aus seinem Tanzlokal aus zu moderieren. Von 1969 an wurde dann immer wieder aus Quierschied gesendet. Mit „Martins Discothek“ ging’s los; bei der ersten Vor-Ort-Ausgabe hatte Arnhold Costa Cordalis zu Gast. Um 18.05 Uhr folgte „Sexi“ mit „Hallo Twen“. Hörfunk, den man einfach sehen musste: Und Otto Thomés Laden brummte. Musikstars aller Couleur gaben sich das Mikrofon in die Hand. 

Schon davor aber waren die Partys im Tanzcafé ein Renner. Zur Fastnachtszeit 1967 ließ man eine Western Night steigen. Sexauer moderierte. Und der Clou: Tony Marshall sollte auf einem Pferd sitzend ins Lokal hinein reiten. Der Gaul aber scheute, galoppierte stattdessen mit Marshall auf dem Rücken durch die Quierschieder Marienstraße, bis Cowboy Tony endlich das Pferd zügeln konnte.

Seit Jahren schon befasst sich Kerstin Rech, eine gebürtige Blieskastlerin, die aber in Stuttgart lebt, intensiv mit der Alltagshistorie und Popularkultur des Saarlandes. Für ihren Band hat sie mit enormer Akribie selbst Spurenelemente des Schlagers hier aufbereitet und verdichtet. Selbstredend hat sie sich auch den eingeborenen Größen gewidmet, Grand-Prix-Gewinnerin Nicole, der Völklingerin Jutta Gusenburger, besser bekannt als Cindy, und Ingrid Peters. Der Reiz von Rechs Buch liegt aber jenseits dieses allzu Bekannten. Sie bemüht sich auch um eine historische Einbettung des Schlager-Begriffs, der übrigens 150 Jahre bis zum Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ zurückgreift und versucht ihn, was oft schwerfällt, im Definitionsnebel der Popularmusik  greifbar zu machen. Gerade regionalhistorisch Interessierte dürften ihre Freude an dem Band haben, weil Rech ihr Schlager-Resümee auch als Heimatgeschichte auffasst. Mit manchen Fundstücken: Wie jenem, dass Zarah Leander 1948 im damaligen Saarbrücker Hotel Exelcisor für Starrummel sorgte. Man erfährt viel, manchmal leider auch recht Nebensächliches. Nicht immer glückt es ihr, die doch eine versierte Krimiautorin ist, Faktenflut und Anekdotisches in einem reißfesten Erzählstrang zu bündeln. Immer wieder muss sie sich mit einem „Doch zurück zu...“ selbst zur Ordnung rufen. Doch wer den Schlager liebt – heimlich oder ganz offen – und nebenbei in die leichtere Geschichte des Saarlandes eintauchen will, für den ist ihr Buch ein Hit, pardon, ein Schlager.

Kerstin Rech: „Der Schlager, das Saarland und die Siebziger“, Geistkirch Verlag, 281 Seiten, 16,80 Euro.

Regisseur Truck Branss (r.), hier mit Schauspieler Thomas Fritsch, verantworte die großen SR-Shows und die ZDF-Hitparade.
Regisseur Truck Branss (r.), hier mit Schauspieler Thomas Fritsch, verantworte die großen SR-Shows und die ZDF-Hitparade. FOTO: Foto: Archiv Otto Thomé
Buch Schlager Saarland
Buch Schlager Saarland FOTO: Geistkirch Verlag