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Saarländisches Staatstheater
Saarbrücker Intendant positioniert sich

Saarbrücken . Von Özil bis Seehofer – lange war keine Ensemblebegrüßung am Staatstheater derart politisch wie die gestrige. Intendant Bodo Busse erinnerte an die Aufgabe der Kultur, „gegen populistische Stimmungsmache“ anzugehen. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Soweit ist es jetzt schon, in der zweiten Spielzeit. „Lieber Bodo!“, rief Kultusminister Ulrich Commerçon gestern während der Ensemblebegrüßung Richtung Generalintendant. „Lieber Ulrich!“, tönte es von Bodo Busse zurück. Der Weg von Busses Vorgängern bis zum Du mit ihren jeweiligen Dienstherren war entschieden länger. Busse zählt zu den unverkrampfteren Charakteren.


Doch Rituale müssen sein. Wie jedes Jahr nach der Sommerpause begrüßte die Staatstheater-Führung – Busse sowie der kaufmännische Direktor Mathias Almstedt –  die Mitarbeiter, holte die neuen auf die Bühne im Großen Haus. 51 Namen standen gestern auf der Zugangsliste, vom Orchesterwart über die  Maskenbildnerin bis zur zweiten Trompete. Auch gab’s die üblichen Team-Befeuerungen. Durch Erfolgsmeldungen – gesteigerte Besucherzahlen: „So sehen Sieger aus!“ – und durch Komplimente. Unter anderem lobte Busse die „Strahlkraft“ des Ensembles, die das Haus durch die erste Spielzeit getragen habe  „wie ein durchgängiger Energiestrom“.

Doch dann war Busse für eine satte Überraschung gut. Er hielt die seit Jahrzehnten politischste Rede eines Saarbrücker Theaterchefs. Verpackt in einen launigen Ton, gespickt mit Analogien zur Fußball-Weltmeisterschaft und aufgepeppt durch Sport-Jargon, steuerte Busse auf eine bemerkenswerte Positionierung in der Rassismusdebatte zu. Er kritisierte nicht nur die Geburtstagsäußerungen Horst Seehofers über 69 zurückgeführte Afghanen als „menschenverachtend“, Busse verteidigte dezidiert auch Münchner Intendantenkollegen im Mesut-Özil-Streit. Sie hatten zu Demonstrationen („Ausgehetzt!“) aufgerufen und waren in Folge von CSU, Oberbürgermeister und Stadtrat an ihre „Pflicht zur Neutralität“ erinnert worden. Busse sagte gestern wörtlich: „Bei aller richtigen Verpflichtung auch auf Zerstreuung und Unterhaltung – auch das sind Formen Gemeinsinn stiftender kollektiver Erfahrungen – ist es doch nicht das Hauptgeschäft der Kultur, sich im Status quo zurückzulehnen, sondern (. . .) sich aufzulehnen, auch gegen populistische Stimmungsmache und eitle Selbstgerechtigkeit.“ Es sei schwierig geworden, einen „aufgeklärten, moralisch fairen humanistischen  Diskurs zu führen“, so Busse. Die bisher unbegrenzt geglaubten Freiheitsräume für Kultur seien bedroht. Auf dem Spiel stehe die Idee eines freiheitlichen Theaters in einer „offenen, wandlungsfähigen und zur Wandlung auch bereiten Gesellschaft“. Demokratische und moralische Grundwerte müssten gerade „in Zeiten schneller und komplexer gesellschaftlicher Transformationsprozesse (. . .) immer wieder neu verhandelt oder bestimmt, modifiziert und erweitert werden“, so Busse. 50 Nationen arbeiteten am SST, eine Aufführung könne nur als „kollektives Produkt“ auf die Bühne kommen. Busse: „Wir müssen mit aller Entschiedenheit für einen offenen Diskurs einstehen“. Dies sage auch das Spielzeitmotto aus: „Verwandlungen – Veränderungen oder: Ruhe gibt es nicht!“



Wobei einer der Hauptverantwortlichen für neue Töne gestern noch fehlte: der neue Generalmusikdirektor Sébastien Rouland. Ein Gastdirigat an der Hamburger Staatsoper hielt ihn fern. Seine Stellvertreter waren freilich zugegen. Zukünftig teilen sich die Position des Ersten Kapellmeisters zwei Kräfte: Aus Aachen kommt Justus Thorau. Ebenfalls auf diesen Posten wurde, aus der Orchestermannschaft heraus, Stefan Neubert befördert. Was das künstlerische Ensemble angeht, gibt es wie immer im Ballett mit acht Zugängen den stärksten Wechsel, das Sänger-Ensemble komplettieren Olga Jelinkova und Carmen Seibel, die in der vergangenen Saison bereits als Gäste am SST zu sehen waren. Im Schauspiel, das sich ja in Busses erster Spielzeit personell gehäutet hat, kommt diesmal nur ein neues Gesicht hinzu.

Für die Mannschaft fühlt sich Busse in besonderer Weise verantwortlich. Dank eines Facebook-Algorithmus hätten er und sein Kollege Almstedt jetzt herausgefunden, welche Berufe zu ihrem Profil passten, erzählte er. Busse sei als Bodyguard ideal, Almstedt als Polizist. Man habe die wahre Identität dann bei Facebook weiter recherchiert: „Seien Sie alle unbesorgt. Starsky und Hutch werden über Euch alle wachen!“

Theaterfest am 19. August ab 15 Uhr, Erste Premiere der neuen Spielzeit: „La Traviata“ am 26. August.