| 20:52 Uhr

Saar-Soldaten in Mali im UN-Einsatz
Mit dem Heiligen Michael auf Patrouille

Ein Gespräch in der Kantine von Camp Castor in Mali: Soldat Steven B. (links) findet in Mali beim katholischen Militärpfarrer Marius Merkelbach immer ein offenes Ohr. 
Ein Gespräch in der Kantine von Camp Castor in Mali: Soldat Steven B. (links) findet in Mali beim katholischen Militärpfarrer Marius Merkelbach immer ein offenes Ohr.  FOTO: Enric Boixadós
Gao. Saarländische Soldaten bekommen bei ihren Einsätzen in Mali Medaillons vom Militärpfarrer mit auf den Weg. Von Sabine Ludwig

Pfarrer Marius Merkelbach drückt Steven B. ein kleines Medaillon in die Hand. „Wenn eine Patrouille ansteht, mache ich das immer“, sagt der katholische Militärseelsorger. Der Heilige Michael ist der Schutzpatron der Soldaten. Steven B. gehört dem Fallschirmjägerregiment 26 an, sein Heimatstandort ist die Kaserne Auf der Ell in Merzig. Im Camp Castor in Mali leistet der 32-Jährige seinen Dienst in der Aufklärungskompanie. „Wir überwachen Gebiete im Umkreis bis zu 80 Kilometern. Mit allem, was uns optisch und sensorisch zur Verfügung steht.“ Dazu gehört auch das Beobachten einheimischer Motorräder und Pick-Ups. Denn passieren kann immer etwas.


Sein Kamerad Denis W. zeigt auf seinen Arm mit dem dunklen Kreuz. Flankiert wird es von einem Rosenkranz. „Ich trage meinen Glauben auf der Haut“, sagt der in Zweibrücken stationierte Fallschirmjäger. Ich bin sehr religiös.“ Das war nicht immer so – ein Anschlag in Afghanistan hat sein Leben verändert. Den überlebte der 32-Jährige nur knapp. Es geschah 2011, während einer Patrouille im Norden des Landes. Mehr möchte er darüber nicht sagen. „Danach habe ich mein Leben Revue passieren lassen. Und so fing es mit dem Kreuz als erstem Tattoo an.“ Angst hat er nicht. „Man muss schon viel Pech haben, um gleich zweimal Opfer eines Anschlages zu werden“, glaubt er heute.

Steven B. und Denis W. sind stationiert in Gao im Norden Malis und gehören zur UN-Mission Minusma. 12 000 Blauhelme helfen den malischen Behörden, für Sicherheit und Stabilität des Wüstenstaates zu sorgen. Zu den rund 1000 Deutschen, die im Camp Castor stationiert sind, gehören seit Mai auch bis zu 420 Angehörige der Saarland-Brigade aus den Kasernen in Zweibrücken (210), Lebach (100), Merzig (80) und Saarlouis (30). In Kürze endet ihr Einsatz.



Der Kontingentführer der 1000 deutschen Soldaten, Oberst Aslak Heisner aus Saarlouis, hatte unlängst in einem SZ-Interview gesagt, es gebe keine hundertprozentige Sicherheit. Die Lage in Mali sei „speziell“. Für die Soldaten sei es unabdingbar, mental und physisch auf ein Gefecht vorbereitet zu sein. Solche Situationen sind den Fallschirmjägern aus der Region bislang aber erspart geblieben.

Auf Patrouille sein bedeutet draußen sein, jenseits der relativen Sicherheit des Lagers. Es gibt sowohl Tages-Missionen wie auch Fahrten, die bis zu einer Woche dauern können. Immer in geschützten Fahrzeugen oder Panzern. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass auch eine unwirtliche Wüstengegend gefährlich sein kann. Falls Steven B. Angst hat, zeigt er sie nicht. Er schaut auf das kleine Abbild des Erzengels Michael in seiner Hand und erinnert sich an seine Kindheit in Püttlingen.

„Die Bundeswehr war mein Traum von Kindheit an. Wenn Freunde an Fasching zu Cowboys und Indianern wurden, habe ich mich als Soldat verkleidet.“ Nach der Metzgerlehre bei der Firma Schröder in Saarbrücken ging sein Wunsch in Erfüllung: Er kam zum Landeskommando der Bundeswehr in Saarlouis. „Mein nächstes Ziel war das Ausland, um die Realität draußen kennenzulernen. Als ich die Chance bekam, in Mali zu dienen, war ich sofort dabei.“

Noch bis Anfang Oktober dauert sein viermonatiger Einsatz im Wüstensand. Dass der nicht immer einfach ist, ist jedem klar. Mit der langen Abwesenheit von seinem vertrauten Umfeld kommt nicht jeder zurecht. „Meine Tätigkeit als Seelsorger bedeutet auch, mit den Soldaten ein Stück ihres Weges gemeinsam zu gehen“, sagt Pfarrer Merkelbach, der als Militärseelsorger normalerweise in Saarlouis arbeitet.

Warum begeben sich Soldaten in Westafrika in Gefahr? „Deutschland im Ausland gut vertreten und etwas für mein Land leisten – das ist für mich sehr wichtig“, sagt Steven B. Der Familienvater gibt zu, dass er schon an den nächsten Auslandseinsatz denkt. „Afghanistan steht ganz oben auf der Wunschliste. Für einen Fallschirmjäger wie mich wäre das ein wichtiges Einsatzgebiet.“

Einziger Wermutstropfen ist die Trennung von der Familie. „Doch meine Frau kennt mich nur als Soldaten und akzeptiert meinen Beruf. Wie jetzt eben auch.“ Auf die Familie freut er sich ganz besonders. Und auf einen Ring Lyoner vom Grill und ein Karlsberg Urpils. Bis es so weit ist, bleibt er mit seiner Familie über Telefon, Whatsapp und Facetime in Kontakt.

Es geht los. In gepanzerten Fahrzeugen fahren die Soldaten hinaus, in die Wüste, in die Hitze. Wenn es erforderlich ist, gehen sie auch mal zu Fuß, den Blick auf den flimmernden Horizont gerichtet. Immer in dem Bewusstsein, dass überall Gefahren lauern können.

Und genau für diesen Fall hat der Seelsorger die runden Medaillons mit dem Heiligen Michael parat, die er allen Soldaten auf Patrouille in die Hand drückt. Es sind kleine Rituale mit großer Wirkung und dem festen Glauben, dass ein Anschlag, wie ihn Denis W. erleben musste, gar nicht erst passieren wird.

Soldat Denis W. hat sich das Kreuz nach einem Anschlag in Afghanistan auf den Oberarm tätowieren lassen.
Soldat Denis W. hat sich das Kreuz nach einem Anschlag in Afghanistan auf den Oberarm tätowieren lassen. FOTO: Enric Boixadós