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Nahverkehr im Saarland
Grüne fordern rasche Reform des ÖPNV

Mehr als jeder zweite Saarländer nutzt einer Umfrage zufolge nie den öffentlichen Personennahverkehr.
Mehr als jeder zweite Saarländer nutzt einer Umfrage zufolge nie den öffentlichen Personennahverkehr. FOTO: BECKER&BREDEL / bub
Saarbrücken. Seit Längerem arbeitet das Verkehrsministerium schon an einer Reform des Nahverkehrs. Den Grünen dauert das zu lange, sie haben nun einen eigenen 10-Punkte-Plan vorgelegt. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Die Grünen hätten sich kaum einen passenderen Tag aussuchen können, um ihr 10-Punkte-Programm für einen attraktiveren Nahverkehr im Saarland vorzulegen. Just am Freitag teilte der Saarländische Verkehrsverbund (SaarVV) mit, dass die Ticketpreise zum 1. Januar 2019 wieder steigen (siehe unten). Das dürfte Unmut hervorrufen, schon heute empfinden viele die Fahrpreise als zu teuer, wie eine repräsentative Befragung des saarländischen Verkehrsministeriums gezeigt hatte. Gleichzeitig halten viele das Tarif- und Vertriebssystem für zu kompliziert und die Taktung von Bus und Bahn für nicht ausreichend. Mehr als jeder zweite Saarländer nutzt demnach nie den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Damit liegt das Saarland zusammen mit Thüringen und Schleswig-Holstein bundesweit auf dem zweitletzten Platz. Das kann so nicht weitergehen, finden die Saar-Grünen und haben zehn Vorschläge erarbeitet, wie der ÖPNV zeitnah reformiert werden könnte:


▶ Ticketpreise: Die Grünen fordern, die Preise nicht weiter anzuheben. „Unter den regelmäßigen Preiserhöhungen leidet die Attraktivität der Busse und Bahnen enorm“, sagt Landeschef Markus Tressel. Damit müsse Schluss sein. Verluste würden die Verkehrsbetriebe dadurch nicht machen, ist Tressel überzeugt: Wären die Fahrpreise „angemessen“, würden mehr Menschen den ÖPNV nutzen, die Einnahmen würden steigen.

▶ Tarife: Um das kleinteilige Wabensystem zu verstehen, müsse man „beinahe studiert haben“, findet Tressel. Es müsse radikal vereinfacht werden. Als Ergänzung schlagen die Grünen einen Luftlinientarif vor wie im Verkehrsverbund Rhein-Neckar. Der Tarif orientiere sich an der Luftlinie zwischen Einstiegs- und Ausstiegshaltestelle statt am tatsächlichen Fahrweg, der manchmal Umwege erfordere, erklärt Christian Bohr, Mitglied im Landesvorstand der Grünen.



▶ Fahrkarten: Während Handy- und Onlinetickets bei der Deutschen Bahn Normalität seien, hinke der SaarVV hier hinterher, kritisieren die Grünen. Auch Fahrkartenangebote wie 24-Stunden-Tickets als Ergänzung zum Tagesticket seien nötig.

▶ Mobilitätsgarantie: Die Grünen plädieren dafür, Fahrgästen mehr Rechte einzuräumen, wenn Busse und Bahnen ausfallen oder sich verspäten. Ein Vorbild könne Nordrhein-Westfalen sein. Bei mindestens 20 Minuten Verspätung können sich Fahrgäste dort ein Taxi nehmen und bekommen die Kosten erstattet.

▶ Großregion: Die Grünen fordern einen gemeinsamen ÖPNV-Tarif für die Großregion. Kurzfristig seien Übergangstarife denkbar, insbesondere mit Rheinland-Pfalz.

▶ Fahrgastinformation: Fällt ein Bus aus, kann man sich an einer Haltestelle schon mal die Beine in den Bauch stehen, denn elektronische Anzeigetafeln gibt es nicht überall. „Wir brauchen mehr und bessere digitale Lösungen“, sagt Tressel.

▶ WLan: Kostenloses WLan müsse es in allen Bussen und Bahnen geben, heißt es in dem 10-Punkte-Plan, nicht nur im Süwex.

▶ Barrierefreiheit: Die Grünen sehen im Saarland „massiven Nachholbedarf“ bei der Barrierefreiheit von Bahnhöfen und Bushaltestellen. Sie sehen das Land in der Pflicht, Geld in die Hand zu nehmen, um den Umbau zu forcieren.

▶ Fahrradmitnahme: Mit dem Fahrrad ließen sich Lücken im Nahverkehr schließen, doch die Kosten für die Mitnahme im Zug schreckten viele Pendler ab, sagt Bohr. Wie etwa im Rhein-Main-Gebiet müsse die Fahrradmitnahme den ganzen Tag kostenlos möglich sein.

▶ Fahrradparken: Um mehr Pendler dazu zu bewegen, mit dem Fahrrad zu fahren, seien günstige, trockene und sichere Parkmöglichkeiten für Räder nötig, so die Grünen. Vor allem an größeren Bahnhöfen könnten Fahrradgaragen nach Trierer Vorbild eingerichtet werden.

Wie viel die Umsetzung kosten würde, haben die Grünen „nicht im Detail durchgerechnet“, sind aber überzeugt, dass es leistbar wäre, ohne einen „mehrstelligen Millionenbetrag“ auszugeben. Statt „ein Gutachten nach dem anderen in Auftrag zu geben“, solle Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD) endlich handeln, meint Tressel. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsdefizit.“

Das Verkehrsministerium gab am Freitag auf Anfrage keine Einschätzung zu den Vorschlägen der Grünen ab, verwies stattdessen darauf, dass man dabei sei, einen neuen Verkehrsentwicklungsplan ÖPNV zu erstellen. Der sollte ursprünglich bereits im Frühsommer 2018 fertig sein. Was genau er vorsieht, ist noch unklar. Vier sogenannte Fokusgruppen sollen Vorschläge zu verschiedenen Aspekten des ÖPNV erarbeiten: Barrierefreiheit, ländlicher Raum, Digitalisierung und grenzüberschreitender Verkehr. Drei Gruppen haben ihre Arbeit inzwischen aufgenommen. Anfang nächsten Jahres sollen die Ideen öffentlich vorgestellt und diskutiert werden.