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Schiedsleute
Wenn zwischen Nachbarn dicke Luft herrscht

(Symbolbild)
(Symbolbild) FOTO: dpa / Oliver Berg
Saarbrücken/Landsweiler-Reden. Rund 300 Schiedsleute im Saarland schlichten bei kleineren Auseinandersetzungen und nehmen damit den Gerichten viel Arbeit ab. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Es könnte so schön sein: Man sitzt im Garten und genießt die Sonne. Doch von Jahr zu Jahr hat man weniger Sonne, weil der Baum des Nachbarn wächst und einen immer größeren Schatten wirft. Man spricht den Nachbarn an, erst freundlich, dann immer verärgerter, denn der denkt gar nicht daran, die Äste zurückzuschneiden. Was tun? Ein typischer Fall für Manfred Stein. Der 67-Jährige ist Schiedsmann in Landsweiler-Reden, einer von 306 im Saarland. Er wird aktiv, bevor ein Streit vor Gericht landet. „Schlichten statt Richten ist unser Wahlspruch“, sagt Stein, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bunds Deutscher Schiedsmänner und -frauen ist.


Schiedsleute sollen in zivil- und strafrechtlichen Streitigkeiten einen Vergleich erzielen und damit die Gerichte entlasten – natürlich nur bei kleineren Delikten, bei denen die Staatsanwaltschaft keine Anklage erhebt. Bei Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Bedrohung und Verletzung des Briefgeheimnisses ist das Schiedsverfahren oft sogar vorgeschrieben. Ein Gericht nimmt solche Fälle nur an, wenn der Schiedsmann oder die Schiedsfrau bescheinigt, dass die Schlichtung erfolglos verlief.

Schiedsmann Manfred Stein
Schiedsmann Manfred Stein FOTO: Andreas Stein


Ein Urteil fällt Stein nicht, vielmehr hilft er den Streithähnen, sich einander anzunähern, eine Lösung zu finden, mit der beide leben können. „Keiner soll sich übers Ohr gehauen fühlen. In den meisten Fällen müssen die Parteien ja noch etliche Jahre nebeneinander wohnen.“ Wird der Vergleich schriftlich festgehalten, ist er in der Regel 30 Jahre gültig.

Seit zwölf Jahren legt der 67-Jährige Zwiste bei. Im Schnitt hat er fünf Fälle pro Jahr und fünf bis zehn sogenannte „Tür- und Angelfälle“, einfachere Auseinandersetzungen, die ohne förmliches Verfahren mündlich beigelegt werden. In vier von fünf Fällen gelingt es ihm, die Streitenden zu einer Einigung zu bewegen. Jurist ist Stein nicht, bis zu seinem Ruhestand arbeitete er als Angestellter im öffentlichen Dienst. In einem Einführungslehrgang eignete er sich grundlegendes Wissen über Strafrecht und Nachbarrecht an, regelmäßig besucht er Fortbildungen und er setzte freiwillig einen Mediator-Lehrgang oben drauf. Selten hat er es mit Straftaten zu tun. Meist ist es doch der wild wachsende Baum, der Freund, der das geliehene Geld nicht zurückzahlt, oder eine Garage, die nicht richtig entwässert wird, so dass das Abwasser zum Nachbarn läuft.

„Es wird immer schwieriger, Leute zu finden, die das Amt übernehmen wollen“, sagt Stein. Das Schiedsamt ist ein Ehrenamt, die Aufwandsentschädigung von 15 bis 30 Euro pro Fall sei kaum der Rede wert, dafür müssten Schiedsleute aber zwei bis sechs Stunden pro Fall aufbringen, sagt Stein. Sie müssen sich vor Ort ansehen, um was es überhaupt geht, Formulare vorbereiten und dann die Beteiligten zu einem Schlichtungstermin einladen, der sich schon mal zwei Stunden hinziehen kann.

Warum tut Stein es trotzdem? „Ich unterhalte mich gern mit Menschen, und ich habe schon immer versucht zu vermitteln.“ Um eine gute Schiedsperson zu sein, müsse man vor allem zuhören können und ruhig bleiben, meint Stein. Auch eine Sprecherin des Justizministeriums sagt, gefragt sei weniger „juristische Trittsicherheit“, sondern vielmehr „ein gesunder Menschenverstand, ein wenig Zeitaufwand und der Wille, zwischen Parteien Rechtsfrieden herzustellen“.

Auch ein gewisses Fingerspitzengefühl sei von Vorteil, sagt Stein. Denn manchmal geht es nur vordergründig um den Ast, der über den Zaun hinwegwächst. „Manchmal sind es Fehden, die seit Jahrzehnten schwelen, wo schon die Großväter Krach miteinander hatten.“ Der Ast ist nur der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Dann versucht Stein die Menschen zu überzeugen, dass es doch viel schöner sei, ab und an gemeinsam ein Bierchen zu trinken, statt am Haus des Nachbarn vorbeizulaufen und zu denken: „Was für ein blöder Hund!“