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Widerstand gegen Großpfarreien
Kritiker der Bistumsreform rufen zur Demo

Gegen die Pläne, im Bistum Trier 35 Großpfarreien einzurichten, wollen Kritiker vor dem Dom demonstrieren.
Gegen die Pläne, im Bistum Trier 35 Großpfarreien einzurichten, wollen Kritiker vor dem Dom demonstrieren. FOTO: roland morgen (rm.) - roland morgen (rm.)
Saarbrücken/Trier. Eine Initiative kämpft für den Erhalt der kleinen Kirchengemeinden und will Bischof Ackermann zum Umdenken bewegen. Von Ute Kirch

Kritiker der geplanten Strukturreform im Bistum Trier gehen auf die Barrikaden: Die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ ruft für Samstag, 20. Oktober, um 11.55 Uhr zu einer Protestkundgebung in Trier auf. „Die Entscheidung zu demonstrieren, ist uns nicht leicht gefallen, aber wir sind mit unserem Latein am Ende“, sagt Harald Cronauer, Vorsitzender des Pfarreienrats Quierschied und Mitbegründer der Initiative. Mit dem Bistum habe es vier Gespräche gegeben. Doch seien die Argumente auch von Professoren und Wissenschaftlern nicht ernstgenommen worden. Wie genau die Demonstration aussehen soll, darüber will die Initiative heute informieren.


Im Bistum Trier gibt es derzeit noch 887 Pfarreien, die in 172 Pfarreiengemeinschaften organisiert sind. Ab dem Jahr 2020 soll es in Deutschlands ältestem Bistum nur noch 35 Großpfarreien geben – davon zehn im Saarland – , die das Bistum „Pfarreien der Zukunft“ nennt. „Dieser Raumzuschnitt lässt uns auf die Zukunft hin handlungsfähig bleiben und kann ein Grundgerüst für eine Neuausrichtung des kirchlichen Lebens sein“, sagte der Trierer Bischof Stephan Ackermann Anfang Februar.

Diesen Optimismus teilen Cronauer und seine Mitstreiter nicht. Sie befürchten durch die Fusion einen „epochalen Wandel“ mit negativen Folgen für Kirche und Gläubige. 213 Pfarreien unterstützten die Initiative bereits. „Die Gläubigen sind total verunsichert, schwanken zwischen Protest und Resignation“, sagt Cronauer, der von 1991 bis 1994 Vorsitzender der Saar-FDP war. Auch die Priester seien verunsichert, viele trauten sich nicht, dies öffentlich zuzugeben. Von der Reform gehe das Signal an die Ehrenamtlichen aus: „Wir brauchen Eure Mitarbeit nicht mehr!“



Die „Strukturreform 2020“ laufe noch. Jede Pfarrei sei dabei eine selbstständige Körperschaft des öffentlichen Rechts geblieben, mit Entscheidungsgewalt über ihre Finanzen. Dies würde mit der Reform wegfallen, das Eigentum fiele an die neue Großpfarrei. „Dort würde zentral entschieden, was mit dem Geld passiert. Das wäre eine kalte Enteignung. Die Menschen vor Ort hätten keinen Einfluss mehr, was mit dem Geld passiert, das sie etwa durch Pfarrfeste, Spenden oder Erbschaften eingenommen haben“, sagt der Jurist, der darin auch eine mögliche Zweckentfremdung dieser Mittel sieht. Verwaltungs- und Pfarrgemeinderat gäbe es in Zukunft nicht mehr, sondern nur noch ein Gremium pro Großpfarrei, das entscheide, wo Kirchen renoviert oder geschlossen werden.

„Der Einfluss des einzelnen Menschen vor Ort wäre gleich null“, befürchtet der Katholik. Auch die Rolle des Priesters würde sich stark wandeln. Den Plänen nach soll eine Großpfarrei durch ein Dreierteam aus einem Priester und zwei hauptamtlichen Laien geleitet werden. Sie entschieden, wo welcher Priester eingesetzt wird. Cronauer fürchtet, dass die Gemeindebindung zu einem festen Seelsorger verloren geht.

„Wir sind nicht gefragt worden“, ärgert sich der Jurist. Dass die Bistumssynode sich für eine Strukturreform ausgesprochen hat, will er so nicht stehen lassen. „Die Synode ist ein Alibi. Die Idee der Großpfarrei war vorher schon da“, glaubt er. Zudem hätten Priester, Klerikale und Vertreter kirchlicher Verbände die Mehrheit gestellt. Die Synode, deren Beschlüsse lediglich beratenden Charakter für den Bischof haben, habe nie 35 Großpfarreien, sondern rund 65 verlangt und nie beschlossen, Gemeinden zu enteignen oder die Gremien abzuschaffen.

„Es geht nicht darum, dass wir jede Reform ablehnen und auf ein ,Weiter so wie bisher’ pochen“, sagt der Anwalt. In einem Brief an Bischof Ackermann hat er im August 2017 Vorschläge unterbreitet, wie ein Reformprozess aussehen könnte. So könnten die Großpfarreien nicht als zentrale Pfarreien ausgestaltet werden, sondern analog der zivilen Verbandsgemeinden in Rheinland-Pfalz als Verbundgemeinden, in denen freiwillige Fusionen zwischen einzelnen Pfarreien stattfinden könnten. „Sollte es Pfarreien geben, die nicht mehr in der Lage sind, selbstständig zu überleben, könnten diese in der Großpfarrei aufgehen. Dort, wo es nach wie vor ein lebendiges kirchliches Leben gebe, würde dies fortbestehen und nicht hauruckartig auf einen Schlag zerstört“, regt er an. Das neue Leitungsteam solle zunächst nur koordinierende Aufgaben übernehmen, die nach Bedarf ausgeweitet werden können. Die aktiven Gremien könnten fortbestehen.

Ohne die lokale Verwurzelung vor Ort würden Ehrenämter niedergelegt oder gar nicht übernommen, schreibt die Initiative in einem Thesenpapier. Auch Cronauer erhält Rückmeldungen von Ehrenamtlichen, die im Falle der Reform hinschmeißen wollen. Auch er würde dann sein Engagement reduzieren.

Die These, dass bei einem Wegfall der Kirchengemeinden auch die Ehrenamtlichen wegblieben, bezweifelt die Sprecherin des Bistums, Judith Rupp. Im Bistum seien 80 000 Gläubige ehrenamtlich tätig. Bislang habe noch keiner signalisiert, dass er mit der Neugründung der Pfarrei den Dienst aufgeben wolle.

Dass sich durch die Strukturreform Geld sparen ließe, glaubt Cronauer nicht. Eine These, die auch der Paderborner Professor Gerhard Henckel unterstützt: Das Bistum mache bei seiner Reform die gleichen Fehler, die auch bei der staatlichen Gebietsreform gemacht worden seien. Es gebe keine finanziellen Vorteile, aber „verheerende soziale und demokratische Mitmachverluste“. „Das Bistum hatte 2017 die höchsten Kirchensteuereinnahmen aller Zeiten trotz der Austritte“, sagt Cronauer. Die Ausgaben für die Gemeinden beliefen sich auf rund 15 Prozent des Haushalts. „Da kann man gar nicht viel einsparen.“

Auch der Priestermangel sei nicht akut: „Es gibt im Bistum fast 300 aktive Priester und zusätzlich 270 Pensionäre, von denen über 50 Prozent noch aktiv sind“, rechnet er vor. Ob die Prognose, dass es 2040 nur noch 40 bis 50 Priester geben werde, zutreffen wird, lasse sich heute nicht sagen. „Es darf doch heute noch nicht alles kaputt gemacht werden, wie sollen so Menschen motiviert werden und neue Priester berufen werden?“ Er frage sich daher, was die wahren Motive für die Strukturreform sind. „Bisher wurden sie der Öffentlichkeit nicht genannt.“

Cronauer hofft, dass eine starke Beteiligung an der Demonstration ein Umdenken beim Bischof einleitet. „Je mehr kommen, desto größer ist die Chance.“ Es sollen Busse gechartert werden, die die Menschen kostenlos nach Trier fahren. Bewirke der Protest nichts, dann schließt der Jurist nicht aus, vor dem Kirchengericht zu klagen. Großpfarreien sind seiner Auffassung zufolge nach dem Kirchenrecht nicht zulässig. Fusionen nur möglich, wenn ein akuter Priestermangel bestehe. Zudem sehe das Kirchenrecht vor, dass der „Priester Hirte der Gemeinde“ ist, ein dreiköpfiges Leitungsgremium, bei dem zwei Laien den Priester überstimmen könnten, sei nicht zulässig.

Mit diesem Plakat ruft die Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" zu einer Protestkundgebung in Trier auf.
Mit diesem Plakat ruft die Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" zu einer Protestkundgebung in Trier auf. FOTO: Initiative Kirchengemeinde vor Ort