| 20:32 Uhr

Saarlouis
Ratten in Saarlouiser Promi-Viertel

Die Steinskulptur des Anstoßes: Monika Bugs mit ihrer „Wächterkatze“.
Die Steinskulptur des Anstoßes: Monika Bugs mit ihrer „Wächterkatze“. FOTO: Cathrin Elss-Seringhaus
Saarlouis. Nager-Plage in der Saarlouiser Gartenreihe VI: Lockt eine Steinskulptur Ratten an? Die Künstlerin spricht von „Menschenhatz“. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Sie kamen bis auf die marmorgeflieste Terrasse, lagen tot unter der Edel-Limousine, sprangen durch akkurat gepflegte Beete. Wochenlang. Jetzt sind die Ratten aus einem der besten Saarlouiser Wohnviertel wieder weg, und die „Wächterkatze“, die wuchtige, hohe Stein­skulptur der Künstlerin Monika Bugs, lächelt freundlich und weise, als sei nie etwas passiert. Keine heimlichen Video-Aufnahmen, keine Anzeigen, keine anonymen Warnzettel in den Briefkästen. Nur vereinzelte Rattenköder in den Gärten erinnern beim SZ-Besuch an die Akutphase der „Rattenplage“ Anfang Mai. Alles wieder ruhig Blut in der „Gartenreihe VI“.


Aber der Vertrauensverlust und der Nachbarschaftszwist werden wohl bleiben. „Ich bin den Ratten dankbar. Sie haben mir die Augen geöffnet über meine Nachbarn“, sagt Monika Bugs. Seit 1970 lebt sie in der Gartenreihe VI, seit dem Tod ihrer Mutter vor rund einem Jahr allein. Jetzt fühlt sie sich ausgegrenzt, observiert, gemobbt, spricht sogar von „nationalsozialistischen Strukturen“. Alles habe sich langsam hochgeschaukelt, sie sei mehrfach verbal attackiert worden: „Man hat in mir den Sündenbock gefunden.“ Genauer: in ihrer Katzen-Skulptur, die sie über zwei Jahre aufgebaut habe, und die jetzt angeblich Ratten angelockt hätte.

Dabei seien in allen Gärten Ratten gesichtet worden, sagt Bugs. Aber nur gegen sie seien Anzeigen beim Gesundheits- und Ordnungsamt eingegangen, insgesamt vier. Auch sei nur in ihrem Briefkasten kein Informationsblatt einer Bürgerinitiative gelandet, das über die Rattenbekämpfungs-Verordnung aufklärte. Also darüber, dass der Umgang mit den Tieren keineswegs Privatsache ist. Nicht nur Kommunen, auch Grundstückseigentümer und Pächter sind dazu verpflichtet, Rattenbefall zu melden und dann gegen sie vorzugehen.

Am 7. Mai fand eine Ortsbegehung der beiden Behörden statt. Ohne dass sich der Verdacht bestätigte. Das erzählt Monika Bugs, das bestätigt auch Andreas Jäckel vom Saarlouiser Ordnungsamt, der zusammen mit Markus Paulus vom Kreis-Gesundheitsamt selbst vor Ort war. Jäckel: „Es hieß, im Steinhaufen würden Ratten brüten. Wir fanden im gesamten Außenbereich keinerlei Befall-Hinweise, weder Wegespuren noch Kot, und fanden nichts, was Ratten anlocken könnte.“

Trotzdem wird wohl die Mehrheit der Nachbarn bei der gegenteiligen Meinung bleiben, so der Eindruck nach einer SZ-Recherche. „Frau Bugs hat die Ratten gefüttert. Überall lagen Erdnüsse herum“, heißt es. Keiner will namentlich genannt werden. Als Beweis dienen Videoaufnahmen: Ratten laufen munter über die „Wächterkatze“, als sei es eine Spielwiese. Man habe versucht, Monika Bugs dazu zu bewegen, etwas gegen die Ratten zu unternehmen, aber das habe nur zu lautstarken Konfrontationen geführt.



Den Grund nennt Bugs: „Ich bin eine Tierfreundin. Ich habe nichts gegen Ratten und vergifte sie nicht.“ Sie weist auf die Gefahren des Giftes für Hunde und Katzen hin, berichtet vom Verschwinden einer fünfköpfigen Igelfamilie aus ihrem liebevoll angelegten, naturnahen Garten. Bugs: „Dass ich die Ratten geduldet habe, war meinen Nachbarn suspekt.“ Zweifelsohne ist dies eine unübliche, womöglich absonderlich anmutende Haltung gegenüber Tieren, die als Krankheitsüberträger eingestuft sind und bei vielen Menschen Ekel auslösen. So etwas wirkt schnell wie eine Provokation.

Nicht auf alle. Zwei Anwohner der Gartenreihe VI distanzieren sich gegenüber der SZ ganz ausdrücklich von dem Streit, dessen tiefere Ursache sie in Ressentiments gegenüber einer Künstlerin vermuten, mit deren Lebensstil mancher fremdele. Es sei aber nun mal Unsinn, eine einzige Person oder ein einziges Grundstück für den Rattenbefall verantwortlich zu machen. Außerdem könne jeder selbst auf seinem Grundstück mit Gift für Abhilfe sorgen, die Stadt habe zudem in der Kanalisation Köder ausgelegt. Tatsächlich sind die Kanaldeckel in zwei angrenzenden Straßen mit gelben Kreuzen markiert, was als Zeichen für Rattenköder gilt. In der Gartenreihe VI fehlten die Markierungen. Auf Nachfrage heißt es bei der Stadt, der Betriebshof sei informiert und werde sicher auch noch in der Gartenreihe VI tätig.

Alle Ratten tot, Ende gut? Monika Bugs wird ihre Irritation, ja Erschütterung, behalten.

Eine Rattenplage in der Saarlouiser Gartenreihe VI erhitzt die Gemüter der Nachbarn.
Eine Rattenplage in der Saarlouiser Gartenreihe VI erhitzt die Gemüter der Nachbarn. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka