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Interview Dietrich Grönemeyer
„Ich wünsche mir eine Weltmedizin“

Arzt und Autor Dietrich Grönemeyer wünscht sich ein Zusammenwirken verschiedener therapeutischer Methoden.
Arzt und Autor Dietrich Grönemeyer wünscht sich ein Zusammenwirken verschiedener therapeutischer Methoden. FOTO: Dressler Verlag GmbH/obs / DRESSLER / Andrea Janssen
Saarbrücken. An diesem Sonntag stellt der Radiologe und Autor auf der Homburger Buchmesse „Hom-Buch“ seinen neuen Band vor. Von Teresa Bauer

Professor Dietrich Grönemeyer (65) ist Radiologe und hat vor 20 Jahren das Institut für Mikrotherapie in Bochum gegründet. Der Bruder des Sängers Herbert Grönemeyer schreibt auch Bücher über Rückenleiden und gesunde Ernährung. Nun ist sein neues Werk „Weltmedizin. Auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Heilkunst“ erschienen. Vor seiner Lesung an diesem Sonntag auf der Homburger Buchmesse „Hom-Buch“ sprach die SZ mit Grönemeyer über ganzheitliche Heilkunst, und was wir selbst tun können, um gesünder zu leben.


Herr Professor Grönemeyer, welche Ratschläge und Antworten geben Sie Ihren Lesern, die sie bei ihren Ärzten womöglich nicht erhalten?

GRÖNEMEYER Geht es um den Rücken, so sind meist Verspannungen die Ursache der Schmerzen. Nur in drei bis vier Prozent aller Fälle handelt es sich um Bandscheiben-Probleme. Also ist Wärme, Dehnen und Bewegung notwendig. Bewegung, die Spaß macht. Insofern möchte ich Ihnen als Rückenexperte den Tipp geben: Gehen Sie auch mal wieder tanzen! Entspannt Körper und Kopf!



Sie sind ein Verfechter der „Hilfe zur Selbsthilfe“ und plädieren für einen ganzheitlichen Ansatz – ein Netzwerk, in dem auch Naturheilkunde eine Rolle spielt. Werden viele Arztbesuche dadurch überflüssig?

GRÖNEMEYER Nein, Das denke ich nicht. Ich selbst bin Schulmediziner, plädiere aber seit langem für ein Zusammenwirken der verschiedenen therapeutischen Methoden. Die Naturheilkunde kann in vielen Fällen hilfreich sein. Wenn beide Seiten bereit wären voneinander zu lernen, käme das den Patienten zugute. Wer wollte zum Beispiel bestreiten, dass wir Schulmediziner hinsichtlich der menschlichen Zuwendung noch manches von den Vertretern der alternativen Medizin lernen können? Weil sie sich die Zeit nehmen, die wir selbst immer weniger zu haben glauben, gehen die Patienten zu ihnen. Diese Bereitschaft, „sich einzulassen“, ist das Entscheidende. Sie heilt oft mehr als die verschriebenen Pillen. Das heißt aber nicht, dass ich dem Handauflegen oder irgendwelcher Geisterbeschwörung das Wort reden will. Für die Naturheilkunde gilt das Gleiche wie für die Schulmedizin: Das heilende Ergebnis der Verfahren muss nachweis- und wiederholbar sein, selbst wenn der Wirkungsmechanismus nicht immer erklärbar sein mag – noch nicht.

Wie kann ein solches Netzwerk funktionieren, wenn in der Realität oft nicht einmal der Hausarzt weiß, welche Medikamente der Facharzt verschreibt und umgekehrt?

GRÖNEMEYER Dabei könnte gerade der Hausarzt so etwas wie ein Koordinator sein. Technisch wäre das durchaus machbar. Auch gibt es bereits erste Ansätze. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass Ärzte und Heiler sich vielfach ihrer jeweiligen Schule und deren Anspruch, die beste aller möglichen zu sein, so sehr verpflichtet fühlen, dass sie Gefahr laufen, das Eigentliche aus dem Auge zu verlieren – das Wohl des Patienten als ganzheitlicher Mensch. Der Eid, den wir geschworen haben, verpflichtet uns, den Menschen zu helfen, nicht einem Lager zu dienen. Wenn wir uns daran halten, werden wir keine Mühe haben, modernste Diagnostik und Apparatemedizin mit dem Respekt vor der Naturheilkunde zu verbinden.

Worin liegen dagegen die Vorteile der Schulmedizin?

GRÖNEMEYER In ihrem Aufbau auf naturwissenschaftlicher Forschung. Nur so konnte es der Schulmedizin in den letzten 150 Jahren gelingen, unglaubliche Behandlungserfolge zu erzielen. Denken Sie nur an den Sieg über die Epidemien oder die Fortschritte der Radiologie. Das alles hat die Schulmedizin freilich auch in dem Glauben bestärkt, alles irgendwie nach den Gesetzen der Naturwissenschaft richten zu können. Erst langsam beginnen wir uns wieder darauf zu besinnen, dass man dem Menschen am besten helfen kann, wenn man ihn eben nicht als die Zusammenschaltung verschiedener Organe, sondern als die Einheit von Körper, Geist und Seele begreift. Es gilt den ganzen Menschen zu behandeln, nicht nur die Krankheit.

Was wünschen Sie sich von der Medizin in Zukunft?

GRÖNEMEYER Eine interdisziplinäre Integrale Medizin – ich nenne sie Weltmedizin, in der Ärzte und Therapeuten verschiedenster Schulen und Denkansätze gemeinsam danach streben, für ihre Patientinnen und Patienten das Beste zu erreichen. Aus der Verknüpfung des ärztlichen Erfahrungsschatzes früherer Epochen mit dem medizinischen Fortschritt wird sich die Weltmedizin der Zukunft ergeben. Zurück in die Zukunft.

Sie betreiben auch gesundheitliche Aufklärung für Kinder, unter anderem mit Ihrer Bücherreihe „Der kleine Medicus“. Was können Schulen tun?

GRÖNEMEYER Gesundheitsunterricht einführen. Mir ist es wichtig, dass Kinder über ihren Körper Bescheid wissen. Dass sie wissen, was sie tun können, wenn sie krank sind, oder was sie tun können, um gar nicht erst krank zu werden. 70 Prozent der zehn- bis 17-Jährigen haben heute Rückenschmerzen. Warum? Es sind die „tonnenschweren“ Tornister, die viel zu früh auf ihnen lasten: der Leistungsdruck, das viele Sitzen vor dem Computer. Wir beobachten zunehmend, dass schon Kinder unter zehn Jahren unter Stress leiden, Kopfschmerzen haben oder an Diabetes erkranken, junge Menschen Opfer von Burnout werden. 14-Jährige mit Bandscheibenvorfällen oder 20-Jährige mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Es ist höchste Zeit, da gegenzusteuern! Insgesamt sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, sechs Prozent aller Kinder sogar krankhaft, was dann neben der Diabetes auch Herz-Kreislauf-Probleme, Rücken- und Gelenkschmerzen nach sich zieht. Vieles davon müsste nicht passieren, gäbe es einen Gesundheitsunterricht, der schon die Kinder mit ihrem Körper, seine Funktionen und Bedürfnissen vertraut machen würde und der sie in Kochkursen sowie anderen Formen des praktischen Unterrichts hierzu klug machen würde.

Nehmen die Brüder Grönemeyer Notiz von der Arbeit des Anderen?

GRÖNEMEYER Ja, und wir sind Fans voneinander.

Wie halten Sie sich selbst gesund?

GRÖNEMEYER: Wie viele Berufstätige habe ich während der Woche oft zu wenig Zeit. Aber ich ernähre mich gesund, trinke viel, auch warmes Wasser, verzichte auf Zucker. Und jogge zwischendurch, wandere total gerne im Urlaub, treffe mich mit meiner lieben Familie und Freunden.

Die Fragen stellte
Teresa Bauer