| 21:13 Uhr

Plastik-Embryos im Briefkasten

Das Modell eines zehn Wochen alten Embryos. Solche Püppchen sollen kommende Woche an alle Haushalte im Land verschickt werden.Foto: Durchblick
Das Modell eines zehn Wochen alten Embryos. Solche Püppchen sollen kommende Woche an alle Haushalte im Land verschickt werden.Foto: Durchblick
Saarbrücken. Mit einer provokanten Aktion will der Verein Durchblick darauf aufmerksam machen, dass auch das ungeborene Kind bereits ein vollwertiger Mensch sei. Von Dienstag, 17. August, an will der Verein an alle Haushalte im Saarland mit der Tagespost ein Modell eines Embryos im Alter von zehn Wochen verschicken Von SZ-Redaktionsmitglied Sonja Riedel

Saarbrücken. Mit einer provokanten Aktion will der Verein Durchblick darauf aufmerksam machen, dass auch das ungeborene Kind bereits ein vollwertiger Mensch sei. Von Dienstag, 17. August, an will der Verein an alle Haushalte im Saarland mit der Tagespost ein Modell eines Embryos im Alter von zehn Wochen verschicken. Diese Aktion werde allein durch Spenden finanziert und koste 63 000 Euro, sagt Vereinsvorsitzender Thomas Schührer.Der Verein Durchblick kommt aus Baden-Württemberg, besteht seit 1997, hat nach eigenem Bekunden einen katholischen Hintergrund und ist grundsätzlich gegen Abtreibungen. Zusätzlich zu dem Verschicken der Embryomodelle stellten die Mitglieder gestern in der Saarbrücker Bahnhofstraße 1278 Paar Kinderschuhe auf. Die Zahl entspricht den Abtreibungen, die im vergangenen Jahr saarländische Frauen vornehmen ließen, wie das statistische Landesamt auf SZ-Anfrage bestätigte.

In Deutschland dürfen Frauen bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche strafffrei abtreiben lassen, wenn sie vorher an einer staatlich anerkannten Beratung teilgenommen haben. Diese Beratung geht Thomas Schührer nicht weit genug. Auf der der Internetseite von Pro Familia, so Schührer, könne man etwa lesen, "dass bei einer Abtreibung nur Schwangerschaftsgewebe entfernt wird, aber es ist nicht bloß ein Zellklumpen, es ist Leben." Der katholische Verein wolle darauf aufmerksam machen, dass bei jeder Abtreibung ein Mensch getötet werde.

Bei der CDU stößt der Verein damit durchaus auf positive Resonanz. "Eine Kampagne, die sich für das Leben ausspricht, ist zu begrüßen", erklärt Hermann Scharf, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.

Die Frauenbeauftragte der Stadt Saarbrücken, Petra Messinger, lehnt die Aktion des Vereins dagegen strikt ab. "Hier werden Methoden angewandt, die Frauen an den Pranger stellen und durch Begriffe wie 'vorgeburtliche Kindstötung' kriminalisieren", sagt sie. 300 000 saarländischen Haushalten ein Embryomodell zu schicken, wie es der Verein vor hat, halte sie "für einen Übergriff auf arglose und völlig unbeteiligte Menschen. Ich empfehle, den Umschlag ungeöffnet zu entsorgen."

"Zur Vorbeugung ungewollter Schwangerschaften sind aus unserer Sicht eine verbesserte Sexualaufklärung sowie ein partnerschaftlicher Umgang mit Verhütungsmitteln erforderlich", sagt die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Claudia Willger-Lambert. Ähnlich sieht das Birgit Huonker, Sprecherin der Linken im Saarland. "Jede Frau hat das Recht, allein und ohne staatliche Bevormundung oder Belehrungsversuche über sich und ihren Körper zu entscheiden." Eine vorurteilslose Aufklärung sei die Basis, damit Frauen die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung "verantwortungsvoll, eigenständig und unbeeinflusst treffen können", erklärt Christoph Kühn, frauenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Die SPD gab keine Stellungnahme ab.

Der Verein Durchblick will mit dem Embryomodell auch auf die Folgen von Abtreibungen für betroffene Frauen hinweisen. Dazu gehöre das so genannte "post abortion syndrome". Damit seien alle psychischen Symptome gemeint, die nach einer Abtreibung auftreten könnten. "Es gibt kein post abortion syndrome. Das ist von christlichen Sektierern erfunden und eingeführt worden, um den Frauen ein schlechtes Gewissen einzureden", sagt der Leiter der Beratungsstelle Pro Familia in Saarbrücken, Heinz Krämer.

Meinung

Aufklären statt nur provozieren

Von SZ-RedaktionsmitgliedSonja Riedel

Der Verein Durchblick stellt sich vehement gegen Abtreibungen. Natürlich können die Vereinsmitglieder ihre Meinung frei äußern, selbst wenn große Teile unserer Gesellschaft dies liberaler sehen. Der Verein tut sich aber keinen Gefallen damit, Embryo-Püppchen per Postwurfsendung zu verschicken. Das ist provokant, und viele dürften es als geschmacklos empfinden - auch Abtreibungsgegner. Dabei könnte der Verein Engagement und Geld sinnvoller investieren. Etwa in Aufklärung über Verhütung, von der erstaunlich viele junge Menschen viel zu wenig wissen. Vor allem trifft das die Männer, die Verhütung ohnehin gern den Frauen überlassen. Gut informierte Paare kämen dann gar nicht erst in die Lage, sich für oder gegen ein Kind entscheiden zu müssen.