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Pfiffige Ideen machen Kleidermarkt zum Erfolg

In 72 Stunden organisierte die katholische Jugend St. Jakob (kurz: die "Jäbser") einen Second-Hemd-und-Hose-Markt. Dabei stand die Gruppe vor vielen Herausforderungen. Am Ende freute sie sich über knapp 2000 Euro für ein Bolivien-Projekt. Von SZ-Redaktionsmitglied Gerrit Dauelsberg

Saarbrücken. Erwartungsvoll blicken 275 junge Menschen auf dem St. Johanner Markt in Richtung Bühne. Eine knisternde Spannung liegt in der Luft. Der Tatendrang mischt sich mit Ungewissheit. Denn alle 13 Gruppen fragen sich: Was kommt in den nächsten 72 Stunden auf uns zu?Darüber spekulieren auch die "Jäbser" seit Tagen. "Ich denke, unsere Aufgabe wird viel mit Organisation zu tun haben", glaubt Gruppenleiter Bernd Schnabel (28). Denn darin liegt die Stärke der katholischen Jugend St. Jakob. Die 16- bis 28-Jährigen organisieren jedes Jahr eine Kinder- und Jugendfreizeit mit über 120 Teilnehmern.


Jetzt steht die 25-köpfige Gruppe in den Startlöchern, einheitlich gekleidet in schwarzen Polo-Shirts. Zwischen ihnen weht ein großes Banner. Darauf ist ein buntes Kreuz zu sehen, das Symbol von St. Jakob.

Donnerstag, 17.07 Uhr. Die "Jäbser" bekommen ihren Auftrag: Sie sollen einen Second-Hemd-und-Hose-Markt in der Kirche der Jugend (St. Elisabeth) organisieren. Der Erlös kommt einem sozialen Projekt in Bolivien zugute. Sie sind auch für die Abschlussfeier für alle Gruppen in St. Elisabeth verantwortlich.

Donnerstag, 17.45 Uhr. Bei der ersten Lagebesprechung entpuppt sich die Aufgabe als anspruchsvoller als gedacht. Das Problem: Die St. Elisabeth-Kirche liegt weit ab vom Zentrum. Gruppenleiter Bernd hat Bedenken: "Da haben wir keine Laufkundschaft." So ist von Anfang an klar: Die Werbung ist das Wichtigste. Der Markt braucht auch ein gutes Rahmenprogramm, um mehr Kunden anzulocken. Das ist Aufgabe der PR-Abteilung. Zudem werden Gruppen für die Organisation von Essen und Trinken, den Verkauf der Kleidung sowie für Material gebildet.

Donnerstag, 20 Uhr. Jetzt geht es los. Vor allem die PR-Abteilung ist gefordert. Bis tief in die Nacht entwirft die Untergruppe Plakate und Flyer. Währenddessen wird im Pfarrheim ein Hauptquartier eingerichtet. In der Kirche packt die Verkaufsgruppe die Ware aus, die schon im Vorfeld der 72-Stunden-Aktion geliefert wurde.



Freitag, 10 Uhr. Um die St. Elisabeth-Kirche herum ist viel los. Von Müdigkeit nach der kurzen Nacht keine Spur. Auch Nadine Mrozek (22) aus der PR-Abteilung ist im Stress. "Wir müssen jetzt dringend Flyer verteilen und ein Rahmenprogramm ausarbeiten", gibt sie zu Protokoll.

Im Nebenraum sitzt ihr Bruder Marc (17) und spricht hektisch in ein Telefon. Mit verkniffenem Blick legt er den Hörer auf. "Das mit dem Essen läuft noch nicht so gut", klagt er. Viele Geschäfte spenden nichts oder nur wenig. Dabei ist der Bedarf groß: Die "Jäbser" wollen am Rande des Marktes Speisen und Getränke anbieten. Dazu brauchen sie noch Verpflegung für die Abschlussfeier.

Auch im Hauptquatier läuft nicht alles rund. Bernd bearbeitet fieberhaft einen Laptop und schüttelt immer wieder den Kopf: "Das Internet funktioniert nicht. Nach ein paar Sekunden ist die Verbindung weg." Doch jetzt hat er erst einmal Wichtigeres zu tun: Um 11.15 Uhr kommt Ministerpräsident Peter Müller, den die "Jäbser" als Projektpaten gewinnen konnten.

Freitag, 12.15 Uhr. Eine Stunde hat sich der Ministerpräsident Zeit genommen, doch jetzt geht es wieder an die Arbeit. Essen und Getränke müssen her, so lange die Geschäfte offen sind. Die Verkaufsgruppe ist da schon weiter: Eine große Warenhauskette hat Kleiderbügel und -stangen zur Verfügung gestellt. Jetzt wollen die Jugendlichen dort auch noch nach Plastiktüten fragen. Bernd: "Es ist ein Pokerspiel: Einerseits will man nicht unverschämt werden, andererseits will man soviel herausschlagen wie möglich."

Freitag, 15 Uhr. Die "Jäbser" rühren die Werbetrommel. Nicht nur in der Nachbarschaft von St. Elisabeth, sondern auch in der Innenstadt werden Flyer verteilt. Matthias Weiten (19) versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gekleidet in einem modisch fragwürdigen, blau-gelb karierten Hemd, einer braunen Großvater-Mütze und einer überdimensionalen Sonnenbrille wirbt er mit blumigen Worten für die Aktion. Doch nur wenige Passanten zeigen wirkliches Interesse. Die meisten nicken brav, stecken den Flyer ein und gehen weiter. Matthias' Laune verschlechtert sich: "Ich rede mir hier den Mund fusselig und keinen interessiert es." Das Hauptproblem: Vielen ist die St. Elisabeth-Kirche zu weit außerhalb.

Freitag, 19 Uhr. Die Waren sind mittlerweile ausgepackt, sortiert und aufgehängt. Rebecca Frosch (19) und Benjamin Olschewski (24) legen jetzt die Preise fest. Zur Orientierung haben sie von einem Experten eine Liste mit empfohlenen Preisen bekommen. Benjamin geht mit ratlosem Gesichtsausdruck die Liste durch: "Was da alles draufsteht! Gehrock, Talar, Muff - was bitte ist ein Muff?" Er wendet sich den Bergen von Kleidern zu: "Normalerweise braucht man dafür ein ganzes Wochenende."

Doch soviel Zeit haben sie nicht. Jetzt rätseln sie über einen Pelzmantel: "Ist der echt?" fragt Rebecca - "Nein, niemals!" antwortet Benjamin. Viel Arbeit liegt vor ihnen.

Unterdessen gibt es gute Nachrichten: Die Verpflegung für den Verkaufstag ist fast gesichert. Ein Supermarkt hat Fleisch für 70 Euro gespendet. Auch das Internet läuft mittlerweile. So können sich alle um das Auszeichnen der Ware kümmern.

Samstag, 9.30 Uhr. Der Markt öffnet seine Pforten. Doch die Besucher lassen auf sich warten. Erst gegen 10 Uhr hat Rebecca ihre erste Kundin. Martina Scholer kauft einen Poncho und Tischdecken. Sie kennt die "Jäbser", war früher Gemeindereferentin in St. Jakob. Augenzwinkernd fragt sie nach Rabatt, um dann doch 20 Euro statt 12,50 Euro zu geben. Der Rubel rollt.

Samstag, 12.40 Uhr. Eine Werbeaktion in der Nähe eines Flohmarktes erweist sich als Glücksgriff: Von dort kommen viele Kunden, auch wenn der ganz große Ansturm ausbleibt. Doch die Leute, die da sind, gehen meist mit drei bis vier Einkaufstüten nach Hause. Zum Glück ist die Ware in einem Top-Zustand. Eine Musikeinlage mit St. Jakob-Chorleiter Alwin Michael Schronen sorgt unterdessen für eine besinnliche Atmossphäre.

Samstag, 21 Uhr. Der Verkaufstag ist zu Ende, der 72-Stunden- Marathon zeigt erste Spuren: "Man hängt jetzt schon durch", gibt Bernd zu. Trotzdem wird bis kurz vor Mitternacht aufgeräumt.

Sonntag, 10 Uhr. Eine spontane Verkaufsaktion an der St. Jakob-Kirche bringt weitere 230 Euro ein. Das respektable Gesamtergebnis: Der Kleidermarkt erzielt trotz mäßiger Besucherzahl 1500 Euro, dazu kommen 430 Euro durch den Verkauf von Speisen und Getränken. Die "Jäbser" haben unter den Bedingungen das Optimum herausgeholt.

Sonntag, 12 Uhr. Der Aufbau für die Abschlussfeier in der St. Elisabeth-Kirche beginnt. Der Malteser Hilfsdienst kocht das Essen für 250 Besucher.

Sonntag, 17.07 Uhr. Endlich geschafft! Nach und nach versammeln sich die 13 Gruppen in der St. Elisabeth-Kirche zur Abschlussfeier. Die Bilanz: "Wir haben unser Organisationstalent wieder unter Beweis gestellt", sagt Rebecca mit einem müden Lächeln. Doch auch ein "Jäbser" freut sich nach 72 Stunden Stress auf ein wenig Ruhe. "Ich rede mir hier den

Mund fusselig

und keinen interessiert es."

Matthias Weiten (19)

Auf einen Blick

12 weitere Projekte hielten die jungen Leute während der 72-Stunden-Aktion auf Trab: Im Kulturbahnhof beschäftigten sich Jugendliche mit dem Thema Flucht und bauten ein Zimmer der Landesaufnahmestelle Lebach eins zu eins nach. Ein Garten der Sinne entstand am Altenheim Hanns-Joachim-Haus in Kleinblittersdorf. Im Kindergarten Klarenthal wurde eine Matschgrube angelegt. Auf dem St. Johanner Markt boten Jugendliche und Obdachlose gemeinsam eine Tafel für alle an. In Alt-Saarbrücken entstanden ein Hochbeet und weitere ökologische Kleinode an der Deutschherrnschule. An der KZ-Gedenkstätte Neue Bremm wurde ein Mahnmal für Menschenrechte errichtet. Im Margaretenstift wurde eine ehemalige Werkstatt neu gestaltet und renoviert. Zusammen mit der Verdi-Jugend beschäftigten sich junge Menschen mit dem Thema Leih- und Zeitarbeit - neues Sklaventum? Um Garten- und Raumgestaltung ging es im Theresienheim. In einem Kunstprojekt im Saarlandmuseum wurden Jugendliche zu Museumsführern ausgebildet. In St. Ingbert setzten junge Leute einen Wasserlehrpfad instand. In Rilchingen wurde der Jakobsweg kreativ gestaltet. gda