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Olympia-Qualität aus Saarlouis

Saarlouis. Das Boot über dem Tresen weckt im Vereinsheim des Kanu-Clubs Undine gleich mehrere Erinnerungen. Armin Thirion, Jürgen Eckert und Volker Stallner erinnert es an ihre Jugend im Verein, als sie unter anderem in jenem Rennkajak, das heute die Zimmerdecke ziert, die ersten Paddel-Versuche auf der Saar machten Von SZ-Mitarbeiterin Frauke Scholl

Saarlouis. Das Boot über dem Tresen weckt im Vereinsheim des Kanu-Clubs Undine gleich mehrere Erinnerungen. Armin Thirion, Jürgen Eckert und Volker Stallner erinnert es an ihre Jugend im Verein, als sie unter anderem in jenem Rennkajak, das heute die Zimmerdecke ziert, die ersten Paddel-Versuche auf der Saar machten. Oft unter den gestrengen Augen des Mannes, der nicht nur der Saarlouiser Bootsbauer, sondern auch ein Original der Vereinsgeschichte war.Corinna Maas beeindruckt die Erfolgsgeschichte, die mit dem Boot verknüpft ist. Und Marie-Luise Reichert denkt an ihren Vater Otto, der das Boot in seiner Schreinerei gebaut hatte. Alle Erinnerungen setzen sich dann zu einer Episode Stadtgeschichte zusammen, in der die Qualitäts-Rennboote aus der "Reichert-Werft Saarlautern" weltweit und sogar bei Olympia Erfolg hatten: "Reichert-Boote in Front!", freuten sich die Werbetexter der Firma.


Das Rennkajak, das seit kurzem im Vereinsheim der Undine ausgestellt ist, trat nicht bei Olympia an. Aber auch dieses Boot - 5,20 Meter Handarbeit auf Holzspanten, bespannt mit Nesseltuch, fixiert mit Messingknöpfen, zwölf Kilo schwer - ist "etwas ganz Besonderes", sagt Armin Thirion, Ehrenvorsitzender des Kanu-Clubs: "Darin haben wir früher geübt. Schwieriger zu bedienen als die heutigen Kunststoffboote, aber trotzdem: Die Reichert-Boote waren von ganz großer Qualität." Und sie hatten noch "Charakter", ergänzt Vereinsmitglied Jürgen Eckert.

Anspruchsvoll, stabil und erfolgreich - genauso sei auch der Erbauer Otto Reichert gewesen. "Und er war leidenschaftlicher Kanute, sehr engagiert im Verein. Wir verdanken ihm viel", sagt Volker Stallner, zweiter Vorsitzender.



Unbemerkt

Jahrzehnte lag das Reichert-Boot von 1936 unbemerkt im Undine-Bootshaus. Als es der Verein kürzlich wiederentdeckte, war noch nicht absehbar, welchen Schatz man da ausgegraben hatte. Corinna Maas, Pressewartin des Kanu-Clubs: "Unser Bootswart Stefan Gemenich hat es liebevoll aufgepäppelt. Dann haben wir recherchiert und festgestellt, was für eine Rarität wir da haben."

Unter der Staubschicht versteckte sich die Saarlouiser Erfolgsgeschichte aus den 1930ern, die Otto Reichert schrieb. "Mein Vater war ein begeisterter Sportler. Der Kanu-Sport hat es ihm besonders angetan, als er nach Saarlouis kam", erinnert sich Marie-Luise Reichert, deren Vater (geboren 1909) 1991 verstarb.

Aus der schwäbischen Heimat hatte sich der gelernte Schreiner auf die Walz gemacht, in Saarlouis blieb er hängen. Er eröffnete in der Wallerfanger Straße eine Schreinerei, trat dem 1925 gegründeten Kanu-Club Undine bei und baute zwischen Schränken und Tischen bald auch Boote: "Dass er zum Bootsbau kam, hatte wohl mit seinem Hobby zu tun", vermutet seine Tochter. Die hochwertigen Kajaks und Kanadier aus der Bootswerft Reichert - feste Konstruktionsboote, die die bis dato üblichen Faltboote ersetzten - waren um 1936 deutschlandweit gefragt und weltweit erfolgreich.

Olympia-Sieg

Bei Deutschen oder Europa-Meisterschaften fuhr sich die deutsche Nationalmannschaft (die übrigens noch heute an der Weltspitze paddelt) mit Reichert-Booten aus der einzigen saarländischen Werft fast immer aufs Treppchen.

"Der größte Erfolg waren die Olympischen Spiele 1936 in Berlin", sagt Thirion: "Platz eins und zwei für die Viererkajaks, die in Saarlouis gebaut wurden."

75 Jahre später soll das wieder entdeckte Reichert-Boot im Vereinsheim des Kanu-Clubs Undine künftig zeigen, welche erfolgreichen Wurzeln der Kanu-Sport in Saarlouis hat, sagt Corinna Maas: "Das hat viele überrascht und es kommt bei allen unseren Mitgliedern sehr gut an."

Die Wurzeln der Saarlouiser Werft verloren sich nach 1945, übrig blieb die Schreinerei. Nach dem Krieg wurden Fenster und Türen dringender gebraucht als Rennkajaks. Trotzdem haben Reicherts Rennboote überlebt: Im Undine-Vereinsheim - und in der Erinnerung.

Bootsbauer Otto Reichert im Jahr 1980. Foto: SZ/Kanu Club
Bootsbauer Otto Reichert im Jahr 1980. Foto: SZ/Kanu Club
Bootsbauer Otto Reichert im Jahr 1980. Foto: SZ/Kanu Club
Bootsbauer Otto Reichert im Jahr 1980. Foto: SZ/Kanu Club