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Notfälle im Saarland nehmen zu
In der Klinik brennt immer Licht

Trotz hoher Patientenzahl müssen sie immer Ruhe bewahren: Die Pflegerinnen Bianca Schuler, Nina Krieger, Selina Schmitt (v. li.) und Dr. Marlene Biehl-Schönenberger (hinten) sind im Einsatz in der Notaufnahme der Caritas Klinik auf dem Rastpfuhl in Saarbrücken.
Trotz hoher Patientenzahl müssen sie immer Ruhe bewahren: Die Pflegerinnen Bianca Schuler, Nina Krieger, Selina Schmitt (v. li.) und Dr. Marlene Biehl-Schönenberger (hinten) sind im Einsatz in der Notaufnahme der Caritas Klinik auf dem Rastpfuhl in Saarbrücken. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Überfüllte Notaufnahmen waren einst Standard. Heute bringen Bereitschaftspraxen Entlastung. Ein Besuch im Saarbrücker Caritas Klinikum. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Die wenigen Stühle vor der Glastür – leer. Zweifelsohne ist das, was sich an diesem Sommer-Freitagabend in der Notfallambulanz am Caritas Klinikum auf dem Saarbrücker Rastpfuhl abspielt, ein Zufallsbefund. In den vergangenen Jahren hat sich rund um den „Notfall Notaufnahme“ ein Berg an Negativ-Meldungen aufgetürmt: berstende Warteräume, verzweifelte Patienten, hektische Ärzte, ruppige Pflegekräfte. Im Rastpfuhl-Krankenhaus finden sich diese chaotischen Zustände zumindest am Besuchstag der SZ nicht wieder. Natürlich gibt es auch im Saarland einen eklatanten Zuwachs an Notfallpatienten. Laut Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung lag die Steigerungsrate beispielsweise für die Saarbrücker Kliniken seit 2012 bei etwa elf Prozent, die Rastpfuhl-Klinik meldet allerdings eine nur sechsprozentige Zuwachsrate. Derzeit kommen rund 80 Notfall-Patienten pro Tag. In der Inneren Ambulanz haben sich die Fälle sogar halbiert.


Woran liegt’s? Hauptsächlich wohl an der Bereitschaftsdienstpraxis (Portalpraxis) der Kassenärzte, die die Kassenärztliche Vereinigung (KV) personalisiert und finanziert, um ihrem gesetzlichen „Sicherstellungsauftrag“ in der ambulanten Versorgung zu genügen. Bereitschaftspraxen  gibt es an allen saarländischen Kliniken. Die KV-Praxis auf dem Rastpfuhl ist an den Wochenenden sogar rund um die Uhr besetzt – ein Modellprojekt, von allen Klinik-Mitarbeitern, die die SZ befragte, ausnahmslos gelobt. Denn die Bereitschaftsdienstpraxis sorgt für weniger Stress.

Sie funktioniert wie eine Art Clearingstelle, die die leichten von den schweren Fällen trennt. Rund die Hälfte der Patienten werden gleich dort versorgt und gehen wieder nach Hause, ohne je die eigentliche Klinik-Notfallambulanz betreten zu haben. Oberarzt Dr. Zuhair Ataya, am Rastpfuhl verantwortlich für die Notaufnahme Innere, spricht von einer „spürbaren Entlastung“. Früher hätten Bagatellfälle das System „verstopft“. Ohne Not in die Notaufnahme, das ist bundesweit zur Regel geworden. Laut einer Umfrage, die das Deutsche Ärzteblatt veröffentlichte, geben 54,7 Prozent der Patienten selbst an, kein dringender Fall zu sein. Jeder Dritte sagt, er komme schlicht deshalb, weil der Hausarzt gerade nicht geöffnet habe. Experten gehen bundesweit von einem Schaden von etwa einer Milliarde Euro jährlich aus.



Für die Ärzte und Pflegekräfte, die am Caritas-Klinikum den Patienten begegnen, spielt das keinerlei Rolle. „Jeder, der kommt, wird mit seinen Beschwerden ernst genommen“, sagt Fachärztin Dr. Marlene Biehl-Schönenberger. Seit sechs Jahren arbeitet sie in der Notaufnahme Innere. Selbst Juckreiz-Geplagte werden durch die ganz große Diagnostik-Mangel gedreht, bis klar ist, was ihnen fehlt. „Wir haben hier eben einen tollen Service“, sagt Biehl-Schönenberger, und das klingt stolz. Gleichwohl ist die hohe Behandlungsqualität ein Lockmittel. Außerdem gilt: In der Klinik brennt immer Licht. Auch nachts, wenn die Ängste übergroß werden.

Biehl-Schönenberger ist die Ruhe selbst, nie klingt sie genervt. Selbst dann nicht, wenn sie der Mutter eines jungen Mannes mit einer Angststörung mehrfach die gleichlautende Auskunft gibt: Nein, der Bluttest sei noch nicht zurück aus dem Labor, nein, zu Hause warten sei aus Versicherungs-Gründen nicht erlaubt.

Durchschnittlich 135 Minuten verbringen die Patienten auf der Notfallstation, sechs Betten gibt es, um sie zwischenzulagern, bis feststeht, wie es mit ihnen weitergeht. Nicht wenige bekommen sogar Besuch. Angeblich üben in manchen deutschen Kliniken vielköpfige ausländische Familien-Clans in den Wartezonen eine Art Belagerungszustand aus. Auch das ist im Saarland selten(er), so jedenfalls lautet die Einschätzung der Saarländischen Krankenhausgesellschaft (SKG). Die Beobachtung teilt der Chefarzt der Medizinischen Klinik am Rast­pfuhl – Professor Dr. Manfred P. Lutz: „Solche Zustände sind bei uns kein Massenphänomen.“ Oberarzt Ataya meint, Menschen aus anderen Kulturkreisen würden das deutsche Gesundheitssystem oft nicht durchschauen und aus ihrer Heimat als Anlaufstelle nur Polikliniken kennen, und deshalb auch in Deutschland direkt ins Krankenhaus fahren: „Was fehlt, ist eine effiziente Aufklärungsarbeit über unsere Strukturen.“

Als ausländische Gruppe tauchen an diesem Abend nur drei Syrer auf. Über mehrere Stunden bleiben sie an der Seite ihres Freundes, gehen nach draußen rauchen, schauen in ihr Handy. Sie wirken tiefenentspannt. Kein einziges Mal klopfen sie an die Tür des Schwesternzimmers. Das ist nicht die Regel, obwohl da ein Schild hängt: „Eintritt nur nach Aufforderung“. Schwester Nina berichtet, sie müsse sich von Angehörigen oft Beleidigendes anhören: „Jeder sieht nur sich“, sagt sie. Nebenan würden Patienten reanimiert und dann stehe da jemand mit Rückenschmerzen und frage: „Wann komme ich jetzt endlich dran?“

Wartende wissen oft nicht, dass es in der Notfallambulanz nicht der Reihe nach geht, sondern nach der Dringlichkeit. „Viele verstehen nicht, warum andere vorgezogen werden“, sagt Professor Lutz. Darüber entscheidet die Ersteinschätzung durch geschulte Pflegekräfte nach dem Manchester Triage-System. Rot bedeutet lebensbedrohlich, orange, dass der Patient nach spätestens zehn Minuten von einem Arzt angeschaut werden muss. Bei blau hat der Kontakt theoretisch 120 Minuten Zeit. Praktisch auch länger, wenn Herzinfarktpatienten dazwischenkommen, wie an diesem Abend. Oder ein zweiter Akut-Fall, den die Malteser Rettungssanitäter hereinbringen. Der Mann spuckt schwallartig Blut – Alkoholmissbrauch, Krampfadern in der Speiseröhre. Sofort erhöht sich die Drehzahl im Team, die Maschinerie funktioniert geschmeidig. Routine wäre das falsche Wort dafür. Kein Tag sei wie der andere, sagt Notfall-Ärztin Biehl-Schönenberger, deshalb empfindet sie ihre Tätigkeit auch als „Traumjob“: „Man geht mit jedem Patienten auf eine neue Entdeckungsreise.“ Auch die Pflegekräfte Nina, Bianca und Natalie möchten nirgendwo anders arbeiten. In der Notfallambulanz sehe man nicht zwei Wochen lang immer denselben Fall, sagen sie. Und weil die Ärzte mehr delegieren müssen, fühlen sie sich „mehr gefordert“.

Was trübt die allgemeine Freude? Die Unzufriedenheit der Patienten, deren mitunter forderndes, aggressives Auftreten. Auch dafür gibt es am SZ-Besuchsabend kein Beobachtungsbeispiel. Das Problem sind nicht die Betrunkenen oder Drogenabhängigen im Brennpunkt Burbach. „Alles ist konfliktträchtiger geworden“, stellt Professor Lutz fest, wegen der erhöhten Serviceansprüche der Patienten. Deshalb wurde auch ein Sicherheitsdienst installiert: ein Wachmann. An der Berliner Charité hat man sieben professionelle Personenschützer engagiert, etwa 500 Mitarbeiter wurden in einem Deeskalationstraining geschult. Das berichtet Dr. Tobias Lindner, Stellvertretender Ärztlicher Leiter Notfallmedizin/Rettungsstellen. Er setzt auf „gute Kommunikation“. Wenn Ärzte ins Wartezimmer kämen, um den Patienten zu erklären, warum es nicht weitergehe, sei dem Unmut oft schon die Spitze genommen, sagt der Berliner Mediziner. Auch der Saarbrücker Kollege, Professor Lutz, argumentiert ähnlich: „Eine Notfallambulanz ohne Wartezeiten ist unrealistisch. Aber was leistbar ist, wäre eine transparente Information der Patienten über die Organisation der Notfallversorgung.“