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Kreativzentrum in Neunkirchen
Mietfrei ins Neunkircher Kreativzentrum

Eine Denkfabrik für sozial integrative Projekte: Das historische Kutscherhaus in Neunkirchen.
Eine Denkfabrik für sozial integrative Projekte: Das historische Kutscherhaus in Neunkirchen. FOTO: Cathrin Elss-Seringhaus/SZ / Cathrin Elss-Seringhaus
Neunkirchen . So geht Stadtentwicklung mal anders: Heute startet das Kutscherhaus. Es fördert soziokulturelle Projekte. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Der Neunkircher Oberbürgermeister Jürgen Fried (SPD) versteht sich bekanntlich als Stadtentwicklungs-Unternehmer. Insofern wundert es nicht, dass er zum Pressetermin ins historische Kutscherhaus auf dem Hochofenareal, das heute offiziell als neues „Kreativzentrum“ an den Start geht, bereits Pläne für dessen Erweiterungsbau mitgebracht hat. Warum, versteht man sehr schnell, wenn man die für 335 000 Euro tiptop sanierten Räume besichtigt hat. Das ehemalige Wohnhaus, das 1902 für den Kutscher der Stummschen Hüttengründer-Dynastie erbaut wurde, besitzt zwar massig Retro-Charme, hat aber nur sieben Büroräume, die alles andere als großzügig geschnitten sind. Maximale Größe: 18 Quadratmeter. Das ist nichts für Teams, eher was für Einzelkämpfer. Dafür sind die bereits mit EDV und Mobiliar ausgestatteten Räume mietfrei – für Menschen, die der Stadt etwas zurückgeben sollen: soziokulturelle Projekte, Identitätsstärkung und Imagewandel. Nach dem Modell: Tausche kostenfreie Räume gegen kulturelles Knowhow und Engagement. Willkommen ist jeder, allerdings muss man sich bewerben. Bevorzugt werden Kreative aus dem Bereich Musical/Bühne und Film, passend zum Neunkircher Stadtentwicklungs-Profil.


Im kleinteiligen Kutscherhaus existieren freilich keine Atelier- oder Probenräume. Womit klar ist: Neunkirchen geht nicht in Konkurrenz zum gleichnamigen Kreativzentrum Saarland, das als Start-up-Netzwerk für Kultur- und Kreativschaffende funktioniert, und auch nicht zum reinen Künstlerhaus am Saarbrücker Eurobahnhof, dem Kuba. In Neunkirchen hat man weder ökonomische noch kulturpolitische Effekte im Auge. „Wir möchten über Kultur die Stadtentwicklung vorantreiben“, sagt OB Fried. Ziel sei die Optimierung des Stadtviertels, auch des gesamten städtischen Zusammenlebens durch sozial integrative Projekte etwa mit Behinderten oder Migranten.

Möglich macht’s das Bund-Länder-Programm „Investitionspakt Soziale Integration im Quartier“. An der Gesamtfördersumme von 430 000 Euro beteiligt sich auch das Land mit 15 Prozent, zehn Prozent kommen aus dem Stadthaushalt. Nicht nur die Herrichtung der Räume wurde mit dieser Summe finanziert, sondern es steckt für zwei Jahre auch ein Projektetat drin, der offensichtlich so bescheiden ist, dass OB Fried ihn nicht nennen will. Inkludiert ist zudem das Gehalt für die halbe Stelle einer „Integrationsmanagerin“. Die heißt Edda Petri, ist als Staatstheater- und „Tatort“-Schauspielerin bekannt, letzthin erlebte man sie im Saarland vor allem als Musical-Darstellerin des Zeltpalastes in Merzig. Von Firmen-Chef Joachim Arnold lebt Petri seit geraumer Zeit getrennt und baut sich in Neunkirchen ein zusätzliches berufliches Wirkungsfeld auf.



„Ich sehe mich in einer Lotsenfunktion“, sagt Petri. Das Kutscherhaus funktioniere wie ein Scharnier zwischen Stadtverwaltung, Künstlern und Institutionen, die sich um sozial Benachteiligte kümmern. Das Kutscherhaus sieht sie als „Workcamp“ und Denkfabrik. Drei Mieter sind bereits gefunden. Der Schauspieler Wolfgang Reeb, der den Saarbrücker Kulturclub „Die Winzer“ betreibt, kommt mit einem Film-Event-Treff nach Neunkirchen und will damit Jungfilmer in die Stadt holen. Auch die Zweibrücker Filmproduktionsfirma „Marmorfilm“ wird im Kutscherhaus eine Dependance haben. Außerdem hat sich der aus Neunkirchen stammende Sänger Francesco Cottone eingemietet, der eine Gesangsschule („Vocalstudio“) und ein Musiklabel managt. Konkrete Vorhaben sind laut Petri noch nicht verabredet, Allerdings hat sie selbst schon Pläne, etwa für Workshops am „Weltmädchentag“ im Oktober oder für Podiumsrunden mit begleitendem Kulturprogramm zum Thema „Altersbilder im Wandel“. Für Edda Petri ist wichtig, dass „etwas sichtbar“ und konkret wird für die Menschen. Das Kutscherhaus, es soll kein Wolkenkuckucksheim sein.

 
 
 
Integrationsmanagerin Edda Petri.
Integrationsmanagerin Edda Petri. FOTO: Cathrin Elss-Seringhaus/SZ / Cathrin Elss-Seringhaus