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Naturschutzbund Saar
„Natur braucht mehr nackte Erde“

Viele Pflanzen verschwinden nach und nach, da sie laut Schmetterlingskundler Werner Kunz nicht mehr genug Platz zum Entfalten haben. Damit schwinde auch die Nahrungsgrundlage für Schmetterlinge.
Viele Pflanzen verschwinden nach und nach, da sie laut Schmetterlingskundler Werner Kunz nicht mehr genug Platz zum Entfalten haben. Damit schwinde auch die Nahrungsgrundlage für Schmetterlinge. FOTO: dpa / Holger Hollemann
Lebach. Es gibt immer weniger Wildbienen, Vögel und Schmetterlinge. Experte macht auch Streuobstwiesen dafür verantwortlich. Von Udo Lorenz

Die Zahl der Wildbienen, Singvögel, Schmetterlinge und Erdkröten nimmt auch im Saarland rapide ab. Doch das liegt nicht nur am Klimawandel, dem Gifteinsatz der Landwirte oder dem Schadstoffausstoß der Autos und Heizungen, sondern auch daran, dass es vom Stadtpark bis zum Wegesrand immer weniger offene Landschaftsflächen gibt. So finden manche Tierarten keine Insektennahrung mehr oder ihnen wird der Lebensraum genommen. Mit diesen teils überraschenden wissenschaftlichen Erkenntnissen wartete am Wochenende der renommierte Vogel- und Schmetterlingskundler Professor Werner Kunz von der Universität Düsseldorf bei der Landesvertreterversammlung des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) Saar in Lebach auf. „Die Feldlerche war früher im Singflug, heute befindet sie sich im Sinkflug“, hieß es beim NABU Saar. „Zur Rettung der Schleiereule ist es fünf vor zwölf.“


Ob Parks, Weg- und Straßenböschungen oder auch zugegraste Gewerbegebiete: „Deutschland wächst zu“, beklagte Ornithologe Kunz. „Der Gartenrotschwanz sieht für seine Nahrung die Insekten gar nicht mehr. Artenschutz muss gegen die Natur ankämpfen.“ Wettbewerbe wie „Unser Dorf soll schöner werden“ hätten zwar Orte schöner gemacht, aber Schwalben und Spatzen vertrieben, Pflanzen wie Löwenschwanz und Schwarznessel den Garaus gemacht. „Die Arten sind weg.“ Selbst in den Wäldern, der Deutschen liebstes Kind, wenn es um Umwelt geht, gebe es Tier- und Pflanzenarten, die nur deshalb verschwänden, weil sie nicht mehr genug Kahlschlag zum Entfalten haben. „Waldschutz ist kein Artenschutz für Schmetterlinge und Vögel“, sagte Kunz und plädierte dafür, wieder „mehr Flächen mit nackter Erde“ statt manch unsinnige Naturschutzgebiete oder nach vier Jahren verwaiste Streuobstwiesen zu schaffen.

„Wenn das Artensterben in Deutschland gestoppt werden soll, müssen wir umdenken und Gesetze ändern“, die das Pflücken mancher Blumen oder das Anfassen von Kaulquappen unter Strafe stellten, aber nicht die Verantwortlichen für das Artensterben. Dazu sei viel Aufklärung der Naturschutzverbände unter der Bevölkerung notwendig. Mehr offene statt zugewachsene Landschaft (Rudolf Krumm vom RAG-Bergbaukonzern brachte dafür aktuell die Umgestaltung alter Halden und Absinkweiher im Land ins Gespräch), aber auch weiterhin naturnahe Waldwirtschaft und wuchernder Urwald vor den Toren der Stadt. „Es geht beides. Es ist ein guter Mix“, sagte Ulrich Heintz, der seit dem Jahr 2000 den NABU als größten Umweltverband im Saarland führt. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl seiner Mitglieder um rund 600 auf inzwischen 19 500. Auf Antrag der NABU-Gruppe Schiffweiler protestierten die NABU-Verbandsvertreter in einer Resolution gegen weitere Rallye-Motorsport-Veranstaltungen im Saarland, die nicht mehr zeitgemäß seien.



Umwelt-Staatssekretär Roland Krämer (SPD) appellierte an die Saar-Bevölkerung, beim Kauf von Fleisch, Gemüse und anderen landwirtschaftlichen Produkten nicht zu den billigsten Waren zu greifen, da diese den geringsten Aufwand an Natur- und Tierschutz hinter sich hätten: „Der Markt hat in diesem Bereich die größte Macht“, sagte Krämer.

Vögel würden in den zugewachsenen Streuobstwiesen ihre Nahrung wie Insekten gar nicht mehr sehen, sagt Werner Kunz.
Vögel würden in den zugewachsenen Streuobstwiesen ihre Nahrung wie Insekten gar nicht mehr sehen, sagt Werner Kunz. FOTO: SZ / Felix Ackermann