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Gesundheit
Mother Hood kämpft für sichere Geburtshilfe

Arabella Strassner hat die Landesgruppe von Mother Hood im Saarland gegründet.
Arabella Strassner hat die Landesgruppe von Mother Hood im Saarland gegründet. FOTO: Sebastian Voltmer
Saarbrücken. Die Initiative macht den Hebammenmangel und zu wenig Geburtskliniken für die hohe Kaiserschnittsrate im Saarland verantwortlich. Von Jana Bohlmann

Im Saarland ist die Kaiserschnittrate so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Besorgniserregend und erschreckend findet das Arabella Strassner vom Verein Mother Hood. Aber nicht nur dieser Aspekt stört die 29-Jährige aus Saarbrücken an der momentanen Situation für werdende Eltern im Saarland. „Es gibt unheimlich viele Missstände, auch neben der hohen Kaiserschnittsrate, wie zum Beispiel die Schließung vieler Kreißsäle, aber auch der extreme Personalmangel in den Kliniken ist deutlich zu spüren“, erzählt Strassner, die sich seit 2016 als Landeskoordinatorin im Saarland für den gemeinnützigen Verein engagiert, der bundesweit agiert. Der Verein sieht sich als Lobby, die sich für die Rechte von Eltern und Kindern einsetzt. „Der Name ‚Mother Hood’ ist an Robin Hood angelehnt. Wir setzen uns für die Rechte der Eltern so ein, wie sich Robin Hood für die Rechte von benachteiligten Menschen eingesetzt hat“, erklärt Strassner.


Mother Hood bietet Eltern vor, während und nach der Geburt Unterstützung an. Das kann in Form von Gesprächen, Stammtischen, Mama-Schwangeren-Treffen oder Infoveranstaltungen sein, die alle dazu dienen sich untereinander auszutauschen, sich die bestehenden Probleme bewusst zu machen und aktiv zu werden. Eine unbeschwerte Schwangerschaft, eine optimal begleitete Geburt und eine gute Betreuung danach steht bei Mother Hood im Mittelpunkt. „Uns ist es besonders wichtig, dass jede Frau selbstbestimmt ihr Kind auf die Welt bringen kann. Wir unterstützen und stehen hinter jeder Frau, egal für welche Geburtsform sie sich entscheidet. Auch wenn es ein Kaiserschnitt sein sollte“, sagt Strassner, die vor ihrer Elternzeit im Kulturbereich tätig war. Wenn die Landeskoordinatorin von einer selbstbestimmten Schwangerschaft spricht, meint sie damit, dass jede schwangere Frau selbst alles entscheiden können sollte. Zum Beispiel sollte eine Frau bei einem Klinikaufenthalt selbst bestimmen, ob sie bei einer Geburt Schmerzmittel verabreicht bekommt oder nicht.

Strassner kämpft mit Mother Hood aber auch um Aufmerksamkeit aus der Politik und Gesellschaft, um an den bestehenden Problemen in der Geburtshilfe etwas ändern zu können. Konkret nennt sie hier die hohe Kaiserschnittrate im Saarland bei fast 40 Prozent der Geburten, den Personalmangel in Krankenhäusern und von Hebammen sowie die schlechte Versorgung von schwangeren Frauen, die in Frankreich leben, aber in Deutschland versichert sind.

Für die hohe Kaiserschnittrate im Saarland wurde in der Vergangenheit das steigende Alter der Frauen sowie deren Gesundheitszustand, aber auch eine veränderte Risikobewertung durch die Geburtshelfer verantwortlich gemacht. Dem ersten Punkt widerspricht Strassner vehement. Für sie ist ganz klar, dass sich die hohe Zahl der Eingriffe vor allem durch den Personalmangel an den Kliniken entwickelt hat. „Oft wird schwangeren Frauen gesagt, dass sie in einer Klinik besser aufgehoben und dort alles sicherer sei, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Viele Frauen erfahren dort Interventionen und im schlimmsten Fall kann es zu einem Kaiserschnitt kommen“, erklärt Strassner. Ihrer Meinung nach funktioniert eine Geburt am Besten je weniger von außen eingegriffen wird. In den Kliniken gebe es derzeit zu wenige angestellte Hebammen, die sich um eine viel zu hohe Anzahl an Patienten kümmern müssen, was kaum noch machbar sei und zu vermehrten Kaiserschnitten führe, sagt Strassner. „An dem Spruch ‚Eine Hebamme mehr, ein Kaiserschnitt weniger’ ist definitiv etwas Wahres dran.“ Im Saarland sind bei rund 8000 Geburten im Jahr, ungefähr 300 freiberufliche und festangestellte Hebammen tätig – allerdings sind nicht alle in Vollzeit beschäftigt und viele arbeiten auch nicht mehr in der aktiven Geburtshilfe, sondern betreuen Mütter lediglich in der Vor- und Nachsorge. Rund 120 Hebammen sind in Kliniken angestellt. Nur 60 aller im Saarland ansässigen Hebammen sind freiberuflich in allen drei Bereichen, also der Vor- und Nachsorge und in der aktiven Geburtshilfe tätig.

Ein Problem sieht Mother Hood in der geringen Verfügbarkeit von den selbstständigen Hebammen, die schwangere Frauen entweder in einer Klinik oder zu Hause betreuen. Dies führe nach Angaben des Vereins dazu, dass Frauen in ihrer Entscheidung, wo sie gebären möchten, nicht mehr frei sind. Werdende Eltern können dabei zwischen einer Klinik, einem Geburtshaus oder einer Hausgeburt wählen, wobei letzteres nach Angaben des saarländischen Hebammenverbandes nur ein Prozent aller Geburten ausmacht. Aber auch die Kosten spielt bei der Ortswahl einer Geburt eine Rolle. „Wir sprechen hier schon fast von einem Zwei-Klassen-System in der Geburtshilfe. Bei einer Hausgeburt übernimmt zwar die Krankenkasse die Kosten für eine Hebamme, aber für die Rufbereitschaft muss man selbst aufkommen. Das kann sich nicht jeder leisten,“ sagt Strassner, die ihre Tochter mit Hilfe einer Hebamme in den eigenen vier Wänden zur Welt brachte. Damit ist sie eine von wenigen. Im Jahr 2016 entschieden sich nur 18 Saarländerinnen für eine Geburt zu Hause.



Strassner sieht die sichere Geburt im Saarland eindeutig in Gefahr. „Eine sichere Geburtshilfe bedeutet, dass Frauen angstfrei ihre Schwangerschaft durchleben, ärztlich betreut werden und im ersten Jahr danach Ansprechpersonen finden. Das ist im Saarland nicht mehr gegeben.“