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Großaktion der Polizei
Mit dem Messer zur Partynacht in die Stadt

Saarbrücken. Mehr als 90 Personen hat die Saar-Polizei bei einer Großaktion in Saarbrücken überprüft. Augenzeugen der Kontrolle waren der Ministerpräsident und der Innenminister. Von Michael Jungmann
Michael Jungmann

„Vorsicht Messer!“ Der junge Beamte der operativen Einheit der Saarbrücker Polizei steht bei der Kontrolle eines französischen Kleinwagens an der Bushaltestelle in der Betzenstraße auf der Beifahrerseite – die linke Hand an der Dienstwaffe. Er sichert seinen Kollegen ab, der sich mit dem offenbar unter Drogen stehenden Chauffeur am Steuer beschäftigt. Mit einer Taschenlampe in der rechten Hand leuchtet der Polizist den Innenraum des nicht gerade aufgeräumten Autos ab. Da kommt die deutliche Warnung. Tatsächlich liegt ein offenes Messer griffbereit im Innenraum. Es wird sofort sichergestellt. Für den Fahrer, der aus Lothringen mit Begleitung, aber ohne Fahrzeugpapiere und Ausweis angereist ist, um eine Partynacht in der Landeshauptstadt zu feiern, ist schon bei der Anfahrt in die City am frühen Samstagmorgen gegen 0.30 Uhr Feierabend. Er kommt mit zur Inspektion. Drogentest, Feststellung der Personalien, Überprüfung im Fahndungscomputer. Das übliche Alltagsprogramm für die Polizeibeamten.


Hin und wieder müssen sie sich noch unfreundliche, beleidigende Bemerkungen anhören. Auch in dieser kühlen Frühlingsnacht in der City. Manche offenbar berauschte Zeitgenossen wollen zudem beim Anblick der massiven Polizeipräsenz provozieren. „Sie machen mich wirklich nervös, das nervt“, kommentiert etwa eine eigentlich unbeteiligte Beobachterin das Vorgehen der Beamten, die ihren Job machen und der Frau, die zugibt, angetrunken zu sein, nicht deren neugierige Fragen beantworten wollen.

Augen- und Ohrenzeugen dieser und anderer Vorfälle in der Nacht von Freitag auf Samstag sind zwei prominente Beobachter aus der Landespolitik. Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) und dessen Parteifreund und Innenminister Klaus Bouillon schauen den Einsatzkräften – insgesamt sind es über 70 von Bundes- und Landespolizei – bei der Arbeit über die Schulter. Bei der Einsatz- und Lagebesprechung in der Inspektion St. Johann (Karcher Straße) sagt der Regierungschef den Polizisten kurz und bündig, warum er die nächtliche Großaktion („eine sinnvolle Sache und ein wichtiges Signal an die Bevölkerung“) vor Ort begleitet. „Wir wollen nicht stören, aber sehen, unter welchen Bedingungen Sie in einer sicher angespannten Sicherheitssituation Ihre Arbeit machen.“



Bouillon verweist auf die laufenden Planungen für das 35 bis 38 Millionen Euro teure Projekt für den Neubau einer Saarbrücker Großinspektion. Bei den Polizisten kommt der für die meisten unerwartete und überraschende Arbeitsbesuch der Regierungsspitze durchweg positiv an. Hauptkommissar Patrick End vom Verkehrsdienst: „Unsere Leute finden, das ist eine gute Sache, wenn sich der Ministerpräsident einmal anschaut, wie wir arbeiten.“ Polizeidirektor und Einsatzleiter Udo Schneider spricht von einem „Zeichen großer Wertschätzung“.

Der Großeinsatz in der City auf der Achse von Hauptbahnhof bis St. Johanner Markt sowie im Kaiser- und Nauwieser Viertel läuft im Rahmen der von Bouillon mit Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) vereinbarten Sicherheitspartnerschaft. Es ist bereits die neunte Kontrolle dieser Art, die erneut von Mitarbeitern der Ausländerbehörde mit Sitz in Lebach begleitet wird. Das Ordnungsamt der Stadt ist dieses Mal nicht mit unterwegs. Inspektionschef Schneider und sein Stellvertreter Bertram Stoll schicken neben eigenen Kräften Beamte der Operativen Einheit (OPE), der Verkehrspolizei, der Drogenfahndung, des Kriminaldienstes und eine auf Festnahmen und Beweissicherung spezialisierte Einheit der Bereitschaftspolizei auf City-Streife.

Zwölf Beamte der Bundespolizei konzentrieren sich auf das Umfeld des Hauptbahnhofs. Schwerpunkte gelten, so der Einsatzbefehl, insbesondere Drogen und Waffen, da es in der Vergangenheit insbesondere im Umfeld von Kebab-Läden, Discos und Clubs in Kaiserstraße und Kaiserviertel zu gewalttätigen und blutigen Auseinandersetzungen gekommen ist. Polizeichef Schneider betont ausdrücklich, dass der Brennpunkt-Einsatz keine Blitzreaktion auf den schriftlichen Hilferufe von Handel und Gewerbe an die Politik war. Die Aktion ist seit Wochen geplant. Der Termin für den nächsten Einsatztag stehe bereits fest. Schneider: „Wir zeigen Flagge und greifen durch. Wir wollen uns zeigen und für Sicherheit sorgen.“

Kaum ist dieser Satz gesprochen, melden die Fußstreifen der Bereitschaftspolizei bereits von der Freitreppe an der Berliner Promenade den ersten Aufgriff: Ein mutmaßlicher Drogendealer, der gerade mit einem Konsumenten ein Geschäft abwickeln wollte. Anschließend widmen sich die geschulten Eingreifteams speziell der Überprüfung und Durchsuchung von größeren Gruppen Jugendlicher und Heranwachsender. Mit Erfolg.

Die erste Zwischenbilanz der langen Nacht mit Streifen, mobiler und stationärer Verkehrskontrolle von 0 bis sechs Uhr: 92 Personenüberprüfungen, darunter viele mit einschlägigen Eintragungen, etwa wegen Raub, Körperverletzung oder Drogendelikten. Ein Großteil dieser Klientel stammt aus dem benachbarten Frankreich oder gehört ethnischen Minderheiten an. Neun Strafverfahren werden eingeleitet, je zwei davon wegen Drogendelikten, Beleidigung von Polizeibeamten, vier wegen Verkehrsdelikten (Trunkenheit, Fahren ohne Führerschein, nicht zugelassene Fahrzeuge). Zudem wird ein Graffitisprayer auf frischer Tat ertappt, verfolgt und festgenommen. Ein weiterer Fahndungstreffer: Fünf alkoholisierte Tatverdächtige werden festgenommen. Sie waren in einem Auto unterwegs, das als gestohlen gemeldet war. Ein 21-jähriger Afghane aus Saarbrücken räumt freimütig ein, das Fahrzeug in diesem Zustand auch gefahren zu haben. Zudem registrieren die Beamten acht Ordnungswidrigkeiten – vom Fahren unter Alkohol- beziehungsweise Drogeneinfluss bis hin zur Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Drei Trunkenheitsfahrten können verhindert werden.

Fehlt noch das Fazit des prominenten Beobachters, Ministerpräsident Hans, der die Begegnung mit Drogenspürhund „Benni“ bei der Arbeit per Handyfoto dokumentiert: „Eine sehr sinnvolle und beeindruckende Aktion, die wiederholt werden sollte. Die Beschwerden aus der Bevölkerung sind nicht unberechtigt. Das ist kein Aktionismus, die Polizei setzt Signale und demonstriert Handlungsfähigkeit.“

Ministerpräsident Tobias Hans machte sich ein Bild von der nächtlichen Arbeit der Polizisten.
Ministerpräsident Tobias Hans machte sich ein Bild von der nächtlichen Arbeit der Polizisten. FOTO: BeckerBredel