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Geologie
Messstellen für Radon-Gas im Saarland geplant

Radon-Konzentration in Deutschland
Radon-Konzentration in Deutschland FOTO: SZ / Steffen, Michael
Saarbrücken. Bis zu 1000 Kontrollpunkte sollen installiert werden, um Gefahren einschätzen zu können. Ein Überblick über den gegenwärtigen Sachstand. Von Johannes Schleuning
Johannes Schleuning

Eine von Grünen, Linken und FDP mit Blick auf die geplante Grubenflutung geforderte Überwachung der Radon-Konzentrationen im Saarland steht unmittelbar bevor. Denn anlässlich des neuen Strahlenschutzgesetzes, das Ende 2018 bundesweit in Kraft tritt, müssen die Bundesländer in den kommenden zwei Jahren die Konzentrationen des natürlichen Edelgases in ihrem Land ermitteln, um gegebenenfalls sogenannte Radon-Vorsorgegebiete auszuweisen. Nach Angaben des saarländischen Umweltministeriums sollen dazu „bis zu 1000 Messstellen“ landesweit verteilt aufgebaut werden. Damit wird quasi ein Kataster für das in höheren Dosen krebserregende Edelgas Radon erstellt, wie es die Oppositionsparteien in der Vergangenheit mehrfach gefordert hatten (wir berichteten).


Radon tritt aus dem Boden aus und kann sich in Gebäuden anreichern. Das Einatmen von hohen Radon-Konzentrationen zählt nach dem Rauchen zu den größten Risiken, an Lungenkrebs zu erkranken. Die durchschnittliche Radon-Konzentration in Wohnungen in Deutschland beträgt nach Expertenangaben etwa 50 Becquerel pro Kubikmeter. Etwa die Hälfte der natürlichen Strahlenbelastung des Menschen wird durch Radon verursacht. Hinzu kommen radioaktive Strahlenbelastungen durch die Medizin (u.a. Röntgen), Nahrungsmittel, Baustoffe (u.a. Granit und Klinker) und die Höhenstrahlung beim Fliegen. Der Transport von Radon wird von der Durchlässigkeit des Bodens bestimmt sowie von der Witterung.

In Bergbaugebieten wie dem Saarland sind Klüfte und Risse im Erdreich entstanden, durch die Radon ebenso wie das für den Kohlebergbau typische Methangas zusätzlich entweichen kann. Der Bergbau muss jedoch nicht zwangsläufig zu einer erhöhten Radon-Konzentration an der Erdoberfläche führen. So hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) etwa die höchsten Radonwerte in der Bodenluft zu aktiven Bergbauzeiten im Saarland im Bliesgau (Muschelkalkboden) gemessen – kein Abbaugebiet. Die Bodenluftmessungen im Karbon im Saarland, wo abgebaut wurde, seien dagegen „für Deutschland eher durchschnittlich“ gewesen, so das BfS. Die Berliner Behörde weist denn auch auf SZ-Anfrage ausdrücklich darauf hin, dass sich ein Zusammenhang zwischen erhöhten Radon-Vorkommen und ehemaligen Bergbaugebieten „nicht eindeutig herstellen“ lässt. Entsprechend lasse sich auch nicht belegen, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bergbaugebieten und der Zahl der Lungenkrebserkrankungen gebe (siehe Text unten). Die Radon-Konzentration etwa in einem Haus hänge vielmehr von der Verfügbarkeit von Radon im Boden ab und wie gut es dort transportiert werde. Sogenannte Primärlagerstätten von Radium, zu dessen Zerfallsprodukten Radon gehört, sind das Erzgebirge, der Thüringer Wald oder der Harz. Nicht das Saarland. Aus einer Radon-Prognose des BfS für Deutschland (siehe Grafik) geht hervor, dass das Saarland in Bezug auf die Radon-Konzentrationen in der Bodenluft zumindest nach bisheriger Datenlage nicht zu den Risikogebieten in Deutschland zählt.



Das BfS verfügt nach eigenen Angaben über 116 Bodenluftmessungen aus dem Saarland sowie über 2570 Innenraummessungen aus 1250 Gebäuden. Die Daten stammten aus den Jahren 1980 bis 2004 (aktive Abbauzeiten) und wiesen keine signifikante Entwicklung auf, teilt das BfS mit. Bei den Innenraummessungen wurden die höchsten Werte in Schiffweiler gemessen (bis zu 7700 Becquerel pro Kubikmeter). Allerdings nur in Häusern, die Bergschäden aufwiesen. Demnach spräche vieles dafür, dass die Gefahr einer erhöhten Radon-Konzentration in intakten Häuser erheblich geringer sei. Doch garantiert sei das nicht. „Hohe Radon-Konzentrationen in Gebäuden können in allen Regionen des Saarlandes auftreten“, warnt die Behörde. Also unabhängig davon, ob es in einem ehemaligen Abbaugebiet steht. „Nur die individuelle Messung in einem Gebäude kann Auskunft darüber geben, wie groß die Gesundheitsgefährdung ist.“ Im Strahlenschutzgesetz, das am 31. Dezember in Kraft tritt, ist ein Referenzwert für Radon in Höhe von 300 Becquerel pro Kubikmeter verankert. Das BfS rät: „Oberhalb von Konzentrationen über diesem Wert sollten Haus- und Wohnungsbesitzer Maßnahmen zum Schutz vor Radon ergreifen.“ Gemeint ist etwa das Abdichten der Kellerräume und regelmäßiges Lüften. Radon-Messgeräte (Dosimeter) gibt es für rund 30 Euro im Fachhandel.

Auch der Bergbaukonzern RAG hat während der Abbauzeiten über mehrere Jahre hinweg für das sogenannte Kemski-Gutachten Innenraummessungen in Häusern in Fürstenhausen und im Raum Dreisbach veranlasst. Dabei seien „bis auf vereinzelte Ausnahmen im Wesentlichen Messwerte unter 250 Becquerel pro Kubikmeter und nur wenige kurz darüber gemessen worden, so dass in den allermeisten Fällen ausschließlich das Lüften der Räume als Gegenmaßnahme notwendig war“, wie die RAG erklärt.

Derzeit werden die Radon-Ausgasungen im Saarland nicht eigens gemessen. Es gibt jedoch landesweit zirka 320 Messstellen für Methangas. Davon werden 250 von dem Bergbaukonzern RAG und 70 vom Bergamt Saarbrücken (außerhalb ehemaliger Bergbauflächen) überwacht. Nach übereinstimmenden Angaben von RAG und Bergämtern lassen die Methan-Ausgasungen jedoch Rückschlüsse auf die Radon-Konzentrationen zu. Das heißt, erhöhte Methangas-Austritte könnten „als Warnsignal für eventuell höhere Radon-Ausgasungen verstanden werden“, wie Michael Drobniewski, Betriebsdirektor für Grubenwasserhaltung bei der RAG, erklärt. Bei einer Gefahrenvermutung „könnte man im Bedarfsfall extra Radonmessungen in Kellerräumen von Seiten der RAG veranlassen“. Gemünzt ist diese Aussage vor allem auf den von der RAG beantragten Grubenwasser-Anstieg in ehemaligen Bergwerken im Saarland. Denn während dieses Anstiegs hat die RAG „keine extra Radongas-Messungen geplant“, so Drobniewski. In dem einzig vom Anstieg betroffenen ehemaligen Abbaugebiet Reden werde man jedoch eine zusätzliche Absaugstation (Sinnerthaler Schacht) einrichten und „gezielt die sich bildende Gasblase anbohren und absaugen“. Eine Absaugstation existiert dort bereits. Insgesamt gibt es derzeit fünf Gas-Absaugstationen der Steag an ehemaligen Schächten im Saarland.

Ob es im Falle eines genehmigten Grubenwasser-Anstiegs zu erhöhten Radon-Ausgasungen kommt, ist umstritten. Die RAG geht davon aus, dass es in der beantragten Phase „nicht zu erhöhten Ausgasungen kommt“, sagt RAG-Betriebsdirektor Drobniewski. „Gutachten planen dies als Möglichkeit zwar ein, die RAG selbst hält es aber für wenig wahrscheinlich.“ Denn die Flöze würden vom Wasser überstaut und Gase damit eingebunden. Dass neue Klüfte und damit die Möglichkeit neuer Austrittswege für das Gas entstehen könnten, hält die RAG ebenfalls für „sehr unwahrscheinlich“. Denn es seien nur leichte Hebungen zu erwarten. Der Hydrologe Professor Jürgen Wagner nennt in seinem Gutachten das Risiko von Ausgasungen dagegen bei einem Grubenwasser-Anstieg am höchsten. Deshalb sei eine Überwachung von Radon- und Methan-Ausgasungen notwendig. Außerdem solle ein „schubladenfertiger Maßnahmen- und Alarmplan“ ausgearbeitet werden. Allerdings gehe die Gefahr nach der Flutung zurück.

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags, den der FDP-Landeschef und Bundestagsabgeordnete Oliver Luksic beauftragt hatte, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis: Die Radongas-Austritte und -Konzentrationen könnten bei einem Anstieg zwar temporär ansteigen, dann aber mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft zurückgehen und unter die Messwerte fallen, die aktuell zu messen sind. Auch der neue Leiter des Oberbergamtes, Heinz-Georg Schramm, hatte Anfang des Jahres im Gespräch mit der SZ prognostiziert, dass sich die Radon-Belastungen und Methan-Ausgasungen durch den Grubenwasser-Anstieg letztlich „wohl verringern, weil diese Gase quasi unter Tage durch die Flutung eingeschlossen sind“. Dies vermuten auch Experten im Umweltministerium. Sie glauben, „dass sich die bergbaubedingten Ausgasungen durch die Flutung letztlich deutlich reduzieren“.