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Massengrab in Mettlach?
Mettlacher Gruselstory um ein Massengrab

Unter dem Bürgersteig an der Heinertstraße in Mettlach liegen Gebeine. Die Schilderungen eines ehemaligen Bauarbeiters lösten eine aufgeregte Debatte aus. Um Fakten ging es dabei nicht.
Unter dem Bürgersteig an der Heinertstraße in Mettlach liegen Gebeine. Die Schilderungen eines ehemaligen Bauarbeiters lösten eine aufgeregte Debatte aus. Um Fakten ging es dabei nicht. FOTO: Ruppenthal
Mettlach. In einem Internet-Video berichtet ein Mann von einem Massengrab mitten in  Mettlach. Doch die Aufklärung geht im Netz unter. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

„Die Toten von Mettlach“, das klingt nach  flotter Fernsehserie – oder nach einer historisch verbürgten  Gruselstory, jedenfalls suggeriert das ein gleichnamiges Video auf Facebook und Youtube. Dort wird ein Mann anonym seine bösen Erinnerungen los: 1988/89 war’s, in Mettlach. Ein Kollege, ein Bauarbeiter, bricht bei Straßenarbeiten in der Mettlacher Heinertstraße plötzlich in eine Art Hohlraum ein, landet auf Leichenresten, Totenschädeln, Schuhen, Knochenteilen, Kleidungsfetzen  – hunderte Tote. Ein Massengrab, womöglich von Zwangsarbeitern?


Die Grusel-Grube wird einfach wieder zugeschüttet.  Vor 30 Jahren war Heinrich H. (Name von der Red. geändert) 28 Jahre alt, Polier, und hielt was aus. Doch bis heute beschäftigt ihn diese Sache, denn er bekam nie eine Antwort, wer die Toten waren. Zweimal hat Heinrich H. nach eigenem Bekunden bei der Gemeinde nachgehört, direkt nach dem Unfall seines Kollegen, und dann vor zwei, drei Jahren wieder: „Das wurde alles abgetan“, so Heinrich H. gestern gegenüber der SZ.

Also lebte er weiter mit den Zweifeln und Verdachtsmomenten. Bis er kürzlich auf einem Campingplatz in Kroatien zufällig einen saarländischen Nachbarn hatte, dem er beim Bier das Mettlacher Geheimnis enthüllte. Die Campingbekanntschaft war Sven Herzog, Marketing-Fachmann bei der Firma Medien Saarland, die sich auf „virale“ Internet-Werbung und hier vor allem auf „authentische Videos“ spezialisiert hat, auch die Seite „Breaking News Saarland“ betreibt er.



Die Geschichte vom zugepflasterten Grab löste eine aufgeregte, emotionale Debatte aus. Da ist von einem möglichen „schweren Verbrechen“ und von Vertuschung die Rede, der Staatsanwalt wird auf den Plan gerufen und die nahe gelegene Firma Villeroy & Boch ins Gerüchtespiel gebracht. Bis gestern Nachmittag wurde die Bauarbeiter-Story fast 105 000 Mal angesehen. Ohne Zweifel ein Marketingerfolg. Ein journalistischer Erfolg ist sie nicht, das sieht selbst der Macher des Videos, Sven Herzog, so.  „Ich wollte einfach nur seine Geschichte erzählen“, erklärt er auf SZ-Nachfrage. Herzog sagt, die Tatsachen zu ermitteln, das sei Sache der redaktionellen Profis. Er selbst habe kaum recherchiert.

Deshalb reichte es dann auch nur für eine Räuberpistole. Bereits einen Tag nach der Video-Veröffentlichung, am 17. August,  rückte eine Internet-Botschaft des Mettlacher Bürgermeisters Daniel Kiefer (SPD) die Sache zurecht: Es handele sich in der Heinertstraße um das Gelände eines alten Friedhofs: „Zur damaligen Zeit wurden Gräber auf Grund von Platzmangel mehrfach belegt. Die noch nicht verrotteten Gebeine sind dann in sogenannten Massengrabkammern zusammengeführt worden! Der hier erwähnte Friedhof wurde ordnungsgemäß entwidmet.“ Doch der Bürgermeister-Post geht unter hunderten Kommentaren unter, die Debatte lief weiter.

Freilich belegt die Chronik „1300 Jahre Mettlach“ des Heimatforschers Reinhold Junges die Existenz des alten Friedhofs „am Ende der Heinert“. Der Friedhof habe bis  1925 bestanden, heißt es. Auf SZ-Nachfrage berichtet Kiefer, dass bereits 1983/84 bei Bauarbeiten menschliche Überreste aufgetaucht seien, die „entnommen und nach einer Messe würdevoll umgebettet wurden“. Zeuge sei ein noch im Dienst befindlicher Bauamts-Mitarbeiter. Aussagen über den zweiten Bauabschnitt, der 1988/89 in Angriff genommen wurde, könne dieser Mitarbeiter aber nicht treffen. Der Frage, warum 1988/89 womöglich anders als üblich mit den Leichenresten verfahren wurde, geht die Gemeinde laut Kiefer nun nach. Der Rathaus-Chef  schließt aus, dass die Menschen in den Grabkammern gewaltsam ums Leben kamen: „Das wäre dann schon 1983/84 festgestellt worden.“ Kiefer weiter: „Das Trauma des Mannes ist nachvollziehbar, aber der Vorschlag, alles wieder aufzugraben, steht in keiner Relation.“

Heinrich H. hält die Erklärungen Kiefers zwar  für plausibel, aber er meint: „Dass die unter der Straße liegen, gefällt mir immer noch nicht. Vielleicht reicht die Grabkammer ja bis in die Vorgärten?“ Darüber sollte die Gemeinde die Anwohner aufklären, meint er.  „Ich hab meins getan. Besser ein blinder Schuss als keiner.“