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Leben zwischen Hoffen, Bangen und GlückSpender werden immer gesucht

Kreis Neunkirchen. Samstag, 21. April 2007, 23.45 Uhr. Das Telefon schreckt Annemarie Haßdenteufel in Elversberg aus dem Schlaf. "Hier Uni-Klinik Homburg, wir hätten ein neues Nierchen für Sie", hört die damals 49-Jährige. Seit acht Jahren ist Annemarie Haßdenteufel zu diesem Zeitpunkt bereits Dialyse-Patientin Von SZ-Redakteurin Claudia Emmerich

Kreis Neunkirchen. Samstag, 21. April 2007, 23.45 Uhr. Das Telefon schreckt Annemarie Haßdenteufel in Elversberg aus dem Schlaf. "Hier Uni-Klinik Homburg, wir hätten ein neues Nierchen für Sie", hört die damals 49-Jährige. Seit acht Jahren ist Annemarie Haßdenteufel zu diesem Zeitpunkt bereits Dialyse-Patientin. Seit zwei Jahren steht ihr Name auf der Liste für eine Organtransplantation. Annemarie Haßdenteufel weckt ihren Mann Peter. Um selbst am Steuer zu sitzen, sind beide zu aufgeregt. Sie lassen sich von einem Taxi zur Klinik fahren. Um Viertel nach eins nachts wird eine Blutprobe genommen für einen letzten Abgleichungstest. Warten. Annemarie Haßdenteufel: "Das waren die längsten 10 Minuten meines Lebens." Dann das Ergebnis: Spenderniere passt. "Da war ich fertig, hab geheult." Hoffnungstränen. Es folgen noch in der Nacht eine letzte vierstündige Blutwäsche, am nächsten Morgen die siebenstündige Operation. Als Annemarie Haßdenteufel abends aufwacht, sitzt ihr Mann Peter am Bett: "Die Niere funktioniert." Da flossen wieder Tränen. Glückstränen.1988 waren unerträgliche Schmerzen aufgetreten. Beide Nieren geschädigt, ergaben Untersuchungen. 1989 wurde die eine Niere entfernt: Die andere erholte sich, hielt noch zehn Jahre. 1999 dann entschloss sich Annemarie Haßdenteufel zu einer Bauchfelldialyse, nach weiteren vier Jahren zum Umstieg auf die Hämodialyse beim Nephrologen Dr. Artem Goldmann im Neunkircher Boxbergweg. Drei Mal die Woche, jeweils acht Stunden. Die verbliebene Niere war inzwischen auf Haselnussgröße geschrumpft. Maximale Trinkmenge am Tag: ein dreiviertel Liter. Zwei Jahre hat Annemarie Haßdenteufel jetzt ihre neue Niere. Bis heute sind keine Komplikationen aufgetreten. An den Menschen, mit dessen Niere sie jetzt lebt, muss Annemarie Haßdenteufel oft denken: "Ich weiß, dass es eine Kinderniere ist. Aber nicht mehr." Sie empfindet tiefen Dank gegenüber der Familie dieses kleinen Menschen, will ihr schreiben. Da der Spender anonym bleibt, wird sie ihren Danke-Brief im Transplantationszentrum in Homburg abgeben. Von dort wird er seinen Weg finden.Wie Annemarie Haßdenteufel ist auch Brigitte Ackermann ein optimistischer, kämpferischer Mensch. Die 47-Jährige wartet noch auf eine Spenderniere, muss seit 2006 an die Dialyse. 1981 bekommt sie plötzlich Schmerzen und Fieber. Diagnose: Schrumpfniere. 1986 wird die rechte Niere entfernt. Mitte der 90er Jahre macht die linke Niere Probleme. Brigitte Ackermann sträubt sich gegen die Dialyse, aber dann ist ihr im Frühjahr 2006 so übel, "dass ich alles gemacht hätte". Und nach den ersten Sitzungen, ebenfalls bei Dr. Goldmann, fühlt sie sich "wie neu geboren". Die verbliebene Niere hat inzwischen noch zehn Prozent Leistungsfähigkeit. Wegen ihrer Söhne legt die Neunkircherin die Blutwäsche auf den Abend: drei Mal die Woche, jeweils viereinhalb Stunden. "Ich sollte keine Kinder bekommen", erzählt Brigitte Ackermann. Aber daran wollte sie sich nicht halten. 1994 kam Dennis, 1995 Sascha. "Ich versuche, normal weiter zu leben", sagt die alleinerziehende Mutter. Aber das Klingeln des Telefons bedeutet immer auch die Hoffnung auf einen Anruf aus Homburg: "Wir hätten da ein Nierchen für Sie." Gibt es eine Altersgrenze für Organspender? Blome: Nein. Entscheidend ist das biologische und nicht das kalendarische Alter. Werden Organspender irgendwo registriert? Blome: Es gibt keine Registrierung. Es reicht, einen Organspende-Ausweis auszufüllen und diesen stets bei sich zu tragen. Und man sollte mit der Familie darüber sprechen. Erfährt der Empfänger die Identität des Spenders? Blome: Der Name des Spenders wird dem Empfänger nicht mitgeteilt. Auch die Angehörigen des Spenders erfahren nicht, wem ein Organ gespendet wurde. Wird für eine Organspende Geld bezahlt?Blome: Das Transplantationsgesetz schreibt zwingend vor, dass die Bereitschaft zur Organspende nicht von wirtschaftlichen Überlegungen abhängig sein darf. Unter welchen Bedingungen ist eine Organspende zu Lebzeiten möglich?Blome: Das regelt das Transplantationsgesetz. Dabei räumt der Gesetzgeber der Organspende nach dem Tode grundsätzlich Vorrang vor der Lebendspende ein. In Deutschland ist eine Organspende zu Lebzeiten nur unter Verwandten ersten oder zweiten Grades, unter Ehepartnern, Verlobten und unter Menschen möglich, die sich in besonderer persönlicher Verbundenheit nahe stehen. Eine Gutachterkommission prüft, ob die Spende freiwillig und ohne finanzielle Interessen geschieht. Es muss außerdem sicher gestellt sein, dass für den Empfänger zum Zeitpunkt der geplanten Übertragung kein Organ aus einer postmortalen Organspende zur Verfügung steht. Welche Voraussetzungen müssen für eine Organspende nach dem Tod erfüllt sein?Blome: Es gibt zwei grundlegende Voraussetzungen: Der Tod des Spenders muss nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt worden sein - Hirntod-Diagnostik. Zweitens muss für die Entnahme eine Einwilligung vorliegen, entweder in Form einer schriftlichen Einverständniserklärung des Verstorbenen, also Organspendeausweis, oder indem eine vom Verstorbenen dazu bestimmte Person einer Entnahme zustimmt. Ich habe bereits einen Organspendeausweis. Wird auf einer Intensivstation trotzdem alles für mich getan, wenn ich lebensbedrohlich erkranke?Blome: Ziel aller medizinischen Maßnahmen im Falle eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung ist es, das Leben des Patienten zu retten. Erst wenn der Tod durch vollständiges irreversibles Hirnversagen - also Hirntod - festgestellt worden ist, wird die Frage der Organspende erörtert. Die Intensivmediziner haben mit Organentnahme und Transplantation nichts zu tun.Das Infotelefon Organspende ist unter (0800) 90 40 400 montags bis donnerstags von 9 bis 18 Uhr und freitags von 9 bis 16 Uhr geschaltet. "Das waren die längsten 10 Minuten meines Lebens."Annemarie Haßdenteufel über das Warten auf das Ergebnis, ob die Spenderniere passt


HintergrundRund 12 000 Menschen in Deutschland warten auf eine Organspende, meldet die Deutsche Stiftung für Organtransplantation. An jedem Tag sterben im Durchschnitt drei Patienten auf der Warteliste. cleAuf einen BlickAn diesem Samstag stehen Mitarbeiter des Kreisgesundheitsamtes beim 19. Sparkassen-Citylauf in Neunkirchen von 13.30 bis 18.30 Uhr mit einem Infostand "Organspende" an der Strecke. Experten von der Uni-Klinik Homburg und Menschen, die eine Transplantation hinter sich oder noch vor sich haben, beantworten Fragen. cle