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Flüsse werden renaturiert
Landesregierung will zurück zu alten Ufern

Reinhold Jost
Reinhold Jost FOTO: SPD-Landtagsfraktion/Tom Gundelwein
Überherrn. Viele Flüsse und Bäche werden wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Doch mancherorts regt sich dagegen Widerstand. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Die Bist holt sich zurück, was einmal ihr gehörte. In der Vergangenheit war das Flüsschen begradigt, das Ufer mit Steinen befestigt worden. 2015 wurde es an einzelnen Stellen, etwa bei Überherrn, renaturiert. Steine wurden herausgebrochen und als kleine Inseln in den Fluss gelegt, das Ufer wurde mit Baggern abgeflacht. Einzelne Bäume wurden gefällt, das Totholz in den Fluss geworfen.


Die Bist ist nur eines von mehreren Fließgewässern im Saarland, das in den vergangenen Jahren zu seinem natürlichen Verlauf zurückgefunden hat. Seit 2010 hat das Umweltministerium rund 3,5 Millionen Euro in die Renaturierung von Flüssen und Bächen gesteckt. Mit einer Million Euro wurden 13,5 Kilometer von Blies, Bist und Theel in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Mit 2,5 Millionen Euro unterstützte das Land 38 Projekte von Kommunen.

Die sind nämlich für kleinere Bäche, sogenannte Gewässer dritter Ordnung, zuständig, die rund 90 Prozent der Saar-Gewässer ausmachen. Das Land selbst ist für Blies, Prims, Theel, Nied, Bist und Rossel verantwortlich. Saar und Mosel sind in der Hand des Bundes. Noch ist es undenkbar, diese zu renaturieren, die Schifffahrt hat Vorrang.

Mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Menschen, Flüsse und Bäche zu begradigen, um Fläche für Landwirtschaft, Besiedlung und Industrie zu gewinnen. „Alles, was sich nicht wehren konnte, wurde in ein Bett gezwängt“, sagt Umweltminister Reinhold Jost (SPD). Ein „fataler Fehler“, wie sich herausstellte. Immer öfter traten die eingeengten Flüsse über die Ufer, gleichzeitig nahm die Artenvielfalt ab – zum Beispiel bei den Fischen: Der Kies, den viele Arten zum Laichen benötigen, wurde im schneller fließenden Wasser weggespült. „Ruhezonen“ für die Tiere, an denen die Strömung langsamer ist, gab es nicht mehr.

Doch inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt. „Die Zeiten der Waschbeton-Romantik sind vorbei“, sagt Jost. Die Wasserrahmenrichtlinie der EU aus dem Jahr 2000 schreibt den Mitgliedstaaten vor, bis 2027 ihre Gewässer in einen guten Zustand zu versetzen. Dazu zählt auch die Renaturierung, das „Entfesseln“ der Flüsse und Bäche, wie Harry Scheer, Gewässer-Experte im Umweltministerium, sagt. Rund ein Drittel der Vorhaben im Saarland sei bereits umgesetzt worden, ein weiteres Drittel in Arbeit.



Dabei stoßen die Behörden auf teilweise erbitterten Widerstand. So sind nicht alle Landwirte und Anwohner bereit, Teile ihres Grundes dem Fluss zu überlassen. „Diejenigen, die uns eine enteignungsgleiche Vorgehensweise vorwerfen, sind oft die Ersten, die sich beschweren, wenn bei ihnen das Wasser im Keller steht“, sagt Jost. Theoretisch könnte das Land dem Fluss auch ohne deren Zustimmung zu seinem Recht verhelfen. Da man das aber nicht will, ist Überzeugungsarbeit gefragt.

Bei der Renaturierung setzt das Ministerium auf das Prinzip „Lassen vor Machen“. Der Fluss soll mit minimalen Eingriffen in die Lage versetzt werden, sich sein altes Bett selbst zurückzuerobern. Ein Vorteil dieser Vorgehensweise: „Sie ist relativ kostengünstig“, sagt Scheer.

Und dennoch zu teuer für viele Kommunen, die „mit dem Rücken zur Wand stehen“, wie Jost es formuliert. Rund 90 Prozent der Kosten übernimmt das Land. Doch selbst die restlichen zehn Prozent aufzubringen, falle vielen schwer.

Freut sich für die Bist: Umweltminister Reinhold Jost (SPD).
Freut sich für die Bist: Umweltminister Reinhold Jost (SPD). FOTO: Nora Ernst