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Kultur des Helfens und der Gemeinschaft muss bleibenGezielt auf die Neuankömmlinge zugehen

Das Archivfoto zeigt Manfred Peter mit seinem Buch "Das vergessene Erbe". Foto: dia-saar.de
Das Archivfoto zeigt Manfred Peter mit seinem Buch "Das vergessene Erbe". Foto: dia-saar.de
Otzenhausen. Früher fand die Integration der Neubürger über die Kinder, Vereine oder die Kirche statt; heute ist es hingegen schwierig, gezielt auf Neuankömmlinge zuzugehen, um sie in das Dorfleben einzubinden. "Es liegt an uns, wir als Gruppe dürfen Neue nicht auflaufen lassen", so das Fazit einer Teilnehmerin des Zukunftsforums. Besonders wichtig: die persönliche Ansprache

Otzenhausen. Früher fand die Integration der Neubürger über die Kinder, Vereine oder die Kirche statt; heute ist es hingegen schwierig, gezielt auf Neuankömmlinge zuzugehen, um sie in das Dorfleben einzubinden. "Es liegt an uns, wir als Gruppe dürfen Neue nicht auflaufen lassen", so das Fazit einer Teilnehmerin des Zukunftsforums. Besonders wichtig: die persönliche Ansprache. Als Beispiele wurden in der Diskussion über die Thesen von des Experten Klaus Brill Sportaktionen genannt, Integrationskurse, Kaffeerunden für Ältere, Tanzrunden, Back- und Kochkurse mit internationalen, aber auch traditionellen Rezepten unter Einbeziehung der Neubürger.Eine weitere Idee war, einen Wettbewerb zu organisieren, in dem Arbeiten zu einer besonders fruchtbaren Dorfentwicklung prämiert werden, um die Akteure zu ermutigen und über die Medien einen Multiplikatoreffekt zu erzielen.


Dörfliche Initiativen sollten sich dabei möglichst in regionale Strategien einfügen. Im St. Wendeler Land komme einer Organisation wie der Kulturlandschaftsinitiative St. Wendeler Land eine besondere Rolle zu. Bereits in der Vergangenheit habe die Kulani durch ihre Projekte zahlreiche Partner vernetzt, Vorhaben vorangetrieben und wertvolle Konzepte für die Zukunft entwickelt.

Diese Entwicklung bleibt nicht stehen: Die Kulani und ihre Partner, in diesem Fall die Europäische Akademie Otzenhausen und die Stiftung europäische Kultur und Bildung, haben sich jedenfalls weitere Projekte auf die Fahnen geschrieben, um die Identität der Menschen im St. Wendeler Land weiter zu stärken. In den kommenden Monaten wird die Reihe regionaler Vorträge zu geschichtlichen Themen weitergeführt. Zudem wird eine Ausstellung mit wichtigen historischen und kulturtouristischen Themen und Persönlichkeiten aus dem St. Wendeler Land konzipiert, um den Bürgern, aber auch Touristen und Zugezogenen die Besonderheiten des St. Wendeler Lands zu vermitteln. Kulturreisen in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule St. Wendel sind geplant, und all diese Elemente sollen auch in außerschulische Lernorte eingebracht werden. Kerstin Adam



Otzenhausen. "Wo geht es hin, und was ist die Zukunft des St. Wendeler Landes?" Mit diesen Fragen eröffnete Klaus Brill seinen Vortrag anlässlich eines Zukunftsforums in der Europäischen Akademie Otzenhausen. Das Zeitalter der Globalisierung sei, so Brill, "geprägt von vielen technischen, wirtschaftlichen, kommunikativen und sozialen Prozessen", die sich gerade auf das alltägliche Leben in unserer ländlich geprägten Region auswirken. Und so lautete die zentrale Frage nicht nur, wohin das St. Wendeler Land geht, sondern auch, was getan werden kann, um den Weg, den die Region nimmt, beeinflussen zu können.

Dieses Forum war das letzte der Veranstaltungsreihe "St. Wendeler Land steinreich: Auf den Spuren einer 2500-jährigen europäischen Kulturentwicklung". Während sich die ersten fünf Seminare mit der Vergangenheit und den großen historischen Persönlichkeiten des St. Wendeler Landes befasst hatten, richtete sich die letzte Veranstaltung auf die Zukunft. Der folgende Text enthält eine Zusammenfassung aus beiden Vorträgen sowie der anschließenden Diskussion.

Blick von außen und innen

Die Referenten, die sich dem Thema widmeten, können auf das St. Wendeler Land einen Blick sowohl von innen als auch von außen werfen: Der gebürtige Primstaler Manfred Peter, der heute in Luxemburg lebt, sowie der aus Alsweiler stammende Klaus Brill, der als Korrespondent in Warschau arbeitet. Beide widmen sich mit Engagement der Geschichte ihrer Heimat.Zunächst gab Manfred Peter einen Überblick über die großen Epochen der Geschichte im St. Wendeler Land: die keltische, die römische, die fränkische, die Epoche des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die europäische. Diese Epochen dauerten grob gesagt jeweils 500 Jahre und orientierten sich an der Kultur, die gerade herrschte. Manfred Peter hat mit seinen Überlegungen zur Einteilung der 2500-jährigen Kulturgeschichte in fünf jeweils 500-jährige Epochen und der Zuordnung von markanten Landmarken und Persönlichkeiten die entscheidende Kernidee zur Entwicklung der "Erzählung Europa" geliefert. Gleichzeitig hat er mit seinem Talent, geschichtliche Fakten kreativ zu interpretieren und spannend darzustellen, in den sechs Seminaren zu den einzelnen Epochen wertvolle Beiträge geliefert.

Besonderen Wert legte Peter auf den Epochenwandel und wie die Menschen diesen Übergang von einer Epoche zur anderen gestalteten. Im St. Wendeler Land gab es zwei Mal einen direkten kulturellen Bruch, bei dem die bis dahin vorherrschende Kultur vernichtet wurde. Ebenso entwickelte sich aber ebenfalls zwei Mal in einem solchen Epochenwandel aus einer bestehenden Kultur etwas Neues. Laut Peter endete die letzte, die "europäische" Epoche, 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heute nun stehe man am Beginn einer neuen Epoche. Sie werde bestimmt durch die USA als verbleibende Supermacht, aber auch durch den Aufstieg neuer Staaten wie China, Russland, Indien und Brasilien. Durch die Erfahrung der europäischen Integration ist für Manfred Peter ein vereintes Europa zum Modell für andere Regionen geworden, zum Beispiel für Südamerika (Mercosur) oder Südostasien (Asean).

Heute digitale Revolution

Die Machtverschiebungen unserer Zeit liegen nach seiner Ansicht in der rasanten technischen Entwicklung in Verbindung mit der digitalen Revolution begründet. Sie seien die Vorbedingung für die Globalisierung. An den ländlichen Regionen liege es nun, diesen Epochenwandel nicht zum Kulturbruch werden, sondern durch Veränderung des Bestehenden etwas Neues entstehen zu lassen, und zwar in einer "Entwicklung von unten".Dies war das Stichwort für Klaus Brill, der am Beispiel Alsweilers ergründete, "wie sich die Globalisierung auf unseren Alltag und unser Zusammenleben auswirkt: Alte Häuser, Geschäfte, Gaststätten, aber auch Wörter aus dem Dialekt verschwinden. Lebensmittel aus dem Ausland kauft man im Supermarkt, statt sie daheim zu ernten. Schulen schließen und Vereine, früher das Zentrum dörflichen Lebens, kämpfen um ihr Überleben". Gleichzeitig seien für die meisten von uns Hunger und Kälte, wie sie die Generation der heute 80- oder 90-Jährigen kannte, Geschichte. Auto, Flugreisen und Urlaub seien für viele selbstverständlich. Und Telefon, Fernsehen und Internet tun das Ihre, dass die Menschen auf dem Land heute besser informiert und in vielen Dingen offener und toleranter sind als früher.

"In allen Lebensbereichen hat sich der Austausch über Kontinente hinweg beschleunigt und vervielfacht. Und es geht dabei nicht nur um Waren, Arbeitsplätze und Finanzprodukte, sondern auch um Informationen, um Denkweisen, um Moden und Sehnsüchte. Es geht um unseren ganzen Lebensstil", sagte Brill. Drei Bereiche haben für Brill nach wie vor entscheidende Bedeutung für den ländlichen Raum: das Vereinsleben, die Migration und die Vernetzung. Aus eigener Erfahrung berichtete Klaus Brill aus Tschechien oder Rumänien, wo es ein Vereinsleben, wie wir es kennen, nicht gibt. Und es damit auch unendlich mühsam für die Menschen sei, eine Bürgergesellschaft aufzubauen. Ohne Vereine oder Bürgerinitiativen blieben die Bürger den Eliten und Geschäftemachern ihres Landes ausgeliefert. Der ländliche Raum in Deutschland dürfe etwas so Wertvolles nicht verspielen.

Die meisten Vereine entstanden im 19. Jahrhundert und entsprangen dem Freiheitsdrang der Menschen. Der heutige Trend zur Freizeitgesellschaft und Individualisierung bringe so manche Vereine an ihr Ende. Dabei böten sie gerade Jugendlichen einen Halt und Gemeinschaftsgefühl. Was tun? Die Kultur des Helfens und der Gemeinschaft könne zum Beispiel durch Bürgerinitiativen oder Projekte, die idealerweise von bestehenden Vereinen angeboten werden, in einer neuen Form weitergeführt werden. Daran könnten sich Mitglieder unterschiedlicher Vereine und vor allem diejenigen beteiligen, die keiner Organisation angehören wollten, so Brill. Hauptsächlich Jugendliche, Rentner, Frauen und Migranten sind diejenigen, die richtig angesprochen werden müssten, um ehrenamtliches Engagement zu erhalten. Neben den Menschen, die sowieso im St. Wendeler Land leben, seien Migranten in Zeiten schwindender Bevölkerungszahlen enorm wichtig. Das Phänomen der Ein- und Auswanderung gebe es in unserer Region nicht erst seit gestern. Schon vor 2000 Jahren mischte sich die keltische Bevölkerung mit Einwanderern: römischen Legionären, Händlern oder Handwerkern, die aus einem Reich kamen, das von Spanien über Nordafrika bis Rumänien reichte. Heute genüge oft ein Blick in die eigene Familiengeschichte oder auch nur ins Telefonbuch, um zu sehen, wie viele Deutsche ursprünglich nicht aus dem Gebiet stammen, das heute Deutschland heißt. Sie brachten Errungenschaften mit, die das heutige Deutschland prägen, zu den ältesten gehören beispielsweise das Christentum und die Schrift. Diese Entwicklung werde sich fortsetzen.

Landflucht seit 30 Jahren

Vor etwa 30 Jahren setzte allerdings auch die stärkste Auswanderungswelle der Geschichte aus den deutschen Dörfern ein: Die Menschen suchten in der Stadt bessere schulische und berufliche Möglichkeiten, neue Chancen. Beide Gruppen, die Ein- und Auswanderer aus einem Dorf, müssten einbezogen werden, um das Leben auf dem Land zukunftsfest zu machen. Dabei müsse klar sein: Es gibt ein Menschenrecht auf Migration, aber es gibt auch ein Menschenrecht auf Respekt gegenüber der eigenen (heimischen) Kultur und Identität und ihrer Aufrechterhaltung. Hier störten Heimatdödelei und Volkstümelei ebenso wie blauäugiges Multi-Kulti-Getue, so Brill.Der dritte Punkt betraf die Globalisierung der Dorfpolitik, womit die politische Beteiligung aller, auch parteiloser Bürger, gemeint ist. Dabei seien das Fehlen von Vernetzung, Austausch und Information das größte Handicap für alle, die sich engagieren wollen. Ein Internetportal für kleine Städte und Dörfer mit Berichten über Forschungsergebnisse, Informationen über Politik für den ländlichen Raum und praktische Erfahrungen wären ein erster Schritt, um diesen Mangel zu beheben. Schlagkräftigere Lobby- oder Aktionsbewegungen für das Dorf wie in England, Frankreich, Skandinavien oder manchen osteuropäischen Ländern könnten das Image des ländlichen Raumes heben, mehr Menschen hierhin ziehen und vor allem Verbesserungen für das Leben auf dem Land bewirken.

Dörfer und Kleinstädte abgedrängt

Tatsächlich würden heute allerdings Dörfer und kleine Städte unter dem Druck der Globalisierung immer stärker abgedrängt, so Brill, der eine "lautlose Revolution" forderte. Vor allem Frauen, aber auch Zugezogene und rüstige Rentner könnten dazu beitragen, dass die Dörfer lebendig bleiben. Dabei müssten Bürgerinitiativen und Dorfvereine mit Kommunalpolitikern und ortsansässigen Unternehmen zusammenwirken.

Kerstin Adam

Im Gespräch (von links): Klaus Brill, Werner Feldkamp, und Michael Matern, Studienleiter der Europäischen Akademie. Foto: Eva Henn
Im Gespräch (von links): Klaus Brill, Werner Feldkamp, und Michael Matern, Studienleiter der Europäischen Akademie. Foto: Eva Henn