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Saar-Geschichte
Kluger Saar-Fürst und Schuldenkönig

Lebensfroh, aber auch mal streng: Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken gab der Region auch deshalb ein Gesicht, weil er mit Friedrich Joachim Stengel einen grandiosen Baumeister an seiner Seite hatte.
Lebensfroh, aber auch mal streng: Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken gab der Region auch deshalb ein Gesicht, weil er mit Friedrich Joachim Stengel einen grandiosen Baumeister an seiner Seite hatte. FOTO: sz
Saarbrücken/Ottweiler . Vor 300 Jahren wurde Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken geboren: Vieles, was das Saarland noch heute prägt, geht auf ihn zurück. Aber auch das Geld saß ziemlich locker. Von Klaus Friedrich

„Er war groß als Baumeister auf Erden, größer aber war er in den Herzen der Bürger“: So verkündet es eine Inschrift auf dem Grabmal des Fürsten Wilhelm Heinrich in der Saarbrücker Schlosskirche. Flankiert von der Allegorie der Gerechtigkeit und der Klugheit, erinnert es eindrucksvoll an einen Mann, der das Land zwischen Blies und Saar nachhaltig prägte. Und so bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung blieb. Darüber hinaus erinnern zahlreiche Relikte seiner Regierungszeit, Straßennamen in Saarbrücken, Ottweiler und Wiebelskirchen, aber auch eine viel befahrene Brücke in der Landeshauptstadt an den bedeutendsten Fürsten von Nassau-Saarbrücken.


Geboren wurde Wilhelm Heinrich exakt vor 300 Jahren, am 6. März 1718, im hessischen Usingen als zweitältester Sohn des kurz zuvor verstorbenen Fürsten Wilhelm Heinrich von Nassau-Usingen und seiner Frau Charlotte Amalia. Einige Jahre nach seiner Geburt fielen die Grafschaften Saarbrücken und Saarwerden, Anteile an den Herrschaften Ottweiler und Homburg sowie die Ämter Jugenheim und Wöllstein durch Erbfolge an seine Mutter, die die rechtsrheinischen Besitzungen dem erstgeborenen Sohn Karl überließ, während Wilhelm Heinrich das linksrheinisch gelegene Nassau-Saarbrücken zugedacht wurde. Somit regierte er als 23-Jähriger ab 1741 über etwa 22 000 Untertanen, die sich auf wenige Städte, rund 140 Dörfer und über ein sich auch ins „Krumme Elsass“ erstreckendes Territorium verteilten. Damit zählte sein Herrschaftsgebiet zwar zu den kleinen in den deutschen Landen, stand jedoch in seinem Repräsentationsanspruch und Regierungsverständnis den großen in nichts nach.

Wie seine Standesgenossen sah sich Wilhelm Heinrich dabei als Herrscher von Gottes Gnaden, als Vertreter des aufgeklärten Absolutismus, zugleich aber auch als erster Diener seines Landes. Bei all dem vollführte er einen bemerkenswerten Spagat zwischen dem im fernen Wien regierenden Kaiserhaus und dem Wilhelm Heinrich in vielerlei Hinsicht näher stehenden König von Frankreich, der ihn mit Ehrungen und Geldzuwendungen bedachte.



In den 27 Jahren, in denen er Nassau-Saarbrücken regierte, gelang es dem zielstrebigen Fürsten, die Verhältnisse in dem zuvor jahrzehntelang von Kriegen heimgesuchten und entsprechend verarmten Land zu konsolidieren und in vielen Bereichen nach den Ideen eines modernen Staatswesens grundlegend zu verbessern. Damit einher ging eine Fülle von sinnvollen, mitunter aber auch unnütz erscheinenden Verordnungen, die Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und Bildung ebenso betrafen wie Zoll-, Verkehrs- und Steuerfragen, Sozialwesen und Militär, Bau- und Katasterwesen, Forst- und Landwirtschaft. Unter anderem führte er den planmäßigen Kartoffelanbau, bessere Düngemittel und Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung ein.

Zugleich veränderte sich während seiner Regentschaft das Gesicht der Saar-Städte grundlegend – dank eines spürbaren Bevölkerungsanstiegs – und weil Baumeister Friedrich Joachim Stengel an seiner Seite wirkte. Im Auftrag seines ambitionierten Landesherrn schuf dieser ein städtebauliches Juwel von europäischem Format, das schon 1770 den jungen Goethe begeisterte. Ausgangs- und Mittelpunkt der barocken Residenzstadt war das Schloss, das Knigge 1792 als eine der „schönsten Fürsten-Wohnungen Teutschlands“ bezeichnete und über dessen Einrichtung Goethe schrieb: „… das Kostbare und Angenehme, das Reiche und Zierliche deuteten auf einen lebenslustigen Besitzer, wie der verstorbene Fürst gewesen war … “. Des Weiteren erwähnte der Großdichter in seinen Lebenserinnerungen Wilhelm Heinrichs „mannigfaltige Anstalten, die er getroffen, um Vorteile, die ihm die Natur seines Landes darbot, zu benutzen.“ Damit nahm er Bezug auf dessen wirtschaftlichen Bestrebungen, die prestigeträchtige Luxusunternehmungen wie die Porzellanmanufaktur in Ottweiler ebenso einschloss wie den Aufbau eines vorindustriellen Montanreviers: So wurden auf Veranlassung Wilhelm Heinrichs zahlreiche frühindustrielle Betriebe gegründet, darunter die Halberger Hütte sowie eine der ersten Kokereien Europas. Auch wurden die Kohlegruben verstaatlicht. Somit legte er nicht zuletzt einen Grundstein für das später so bedeutsame Industrierevier zwischen Blies und Saar und sorgte dafür, dass Nassau-Saarbrücken auch in dieser Hinsicht als vielschichtiges Spiegelbild des barocken Europas zwischen Mittelalter und Moderne, Aufbruch und Umbruch angesehen werden kann.

Ein weiteres von ihm angestoßenes und bis heute nachwirkendes Projekt war 1761 die erstmalige Herausgabe eines Wochenblattes, aus dem später die Saarbrücker Zeitung als eine der ältesten noch existierenden Tageszeitungen Deutschlands hervorging.

All diese Vorhaben, verbunden mit einer für Neubürger und Bauwillige attraktiven Steuerpolitik und einer dem Stil der Zeit geschuldeten, auf Pracht und Repräsentanz bedachten Hofhaltung ließen jedoch die Staatsschulden spürbar anwachsen. Als Wilhelm Heinrich am 24. Juli 1768 an den Folgen eines erneuten Schlaganfalls verstarb, sah sich sein Sohn Ludwig als Thronfolger mit einem gewaltigen Schuldenberg konfrontiert, der in den nächsten Jahren allerdings konsequent reduziert werden konnte. Geblieben indes ist das durchaus populäre Andenken an eine markante Persönlichkeit der Saar-Geschichte, mit der man sich gerade 2018 vor dem Hintergrund des 300. „Geburtstags“ und zugleich 250. Todesjahres Wilhelm Heinrichs von Nassau-Saarbrücken wieder verstärkt befassen sollte. Dabei ist noch immer der bislang eher unbekannte Mensch hinter dem Fürsten zu entdecken, der lebensfroh und gütig sein, aber auch herrisch-strenge Züge an den Tag legen konnte. Ungeachtet dessen hat, wie es Winfried Dotzauer in seiner biografischen Betrachtung Wilhelm Heinrichs treffend beschrieb, „das ihm durch Zufälligkeiten anvertraute Land, dem er nicht entstammte, viel zu verdanken.“