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Nach Tsunami
Katastrophe hinterlässt tiefe seelische Wunden

Notfallpädagoge Jörg Merzenich (Mitte) aus Rilchingen-Hanweiler hilft nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Indonesien traumatisierten Kindern mit Bewegungsspielen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Notfallpädagoge Jörg Merzenich (Mitte) aus Rilchingen-Hanweiler hilft nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Indonesien traumatisierten Kindern mit Bewegungsspielen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. FOTO: Freunde der Erziehungskunst, Notfallpädagogik.
Rilchingen-Hanweiler/Palu. Pädagoge und Seelsorger Jörg Merzenich aus Rilchingen-Hanweiler war mit einem Team im Notfalleinsatz in Indonesien. Von Teresa Bauer

Vier Wochen sind seit dem schweren Erdbeben und der Tsunami-Katastrophe in Indonesien vergangen. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben, viele werden vermisst. Städte und Dörfer liegen in Trümmern. Die Strom- und Wasserversorgung ist mancherorts noch nicht wiederhergestellt. Schlimmer noch sind allerdings die tiefen seelischen Wunden, die die Opfer und Hinterbliebenen seither quälen. Jörg Merzenich aus Rilchingen-Hanweiler ist Waldorf-Pädagoge und Notfallseelsorger. In Kooperation mit „Aktion Deutschland Hilft“ fuhren er und 14 weitere Experten des Vereins „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ für rund zwei Wochen nach Palu, Hauptstadt der indonesischen Provinz Zentralsulawesi. Dort kümmerte sich das Team ehrenamtlich um hunderte traumatisierte Kinder. Zum Teil sind es Waisen, die bei der Katastrophe ihre Eltern und weitere Angehörige verloren haben.


Bis zu seiner Pensionierung 2011 war Merzenich an der Waldorf-Förderschule für Erziehungshilfe und Lernbehinderung in Friedrichsthal-Bildstock tätig. Im selben Jahr hatte er im japanischen Fukushima seinen ersten Einsatz für den Verein. Viele weitere folgten seitdem, unter anderem in einem Flüchtlingslager in Kenia, nach den Erdbeben in Mexiko und Nepal sowie nach dem Tsunami auf den Philippinen. „Der Einsatz in Palu war nun mein 16.“, sagt der 71-Jährige im Gespräch mit der SZ.

Erdbeben, Erdrutsche und ein Tsunami hinterließen in Indonesien Schäden in unvorstellbarem Ausmaß. „Und dann gab es noch etwas, das auch für mich neu war: Bodenverflüssigung.“ Dabei reißt die Oberfläche auf und die Erde wird binnen kurzer Zeit zu einer breiartigen Masse. „Ganze Siedlungen wurden verschluckt. Die Opfer wird man niemals bergen können.“ Oft gehen die Menschen zu den Stellen, wo zuvor hunderte Häuser standen und nun nur noch eine karge Fläche aus wieder getrockneter Erde zu sehen ist. Es sei für sie eine Art Gedenkstätte, auf der niemals wieder etwas gebaut werde, erklärt der Pädagoge. Im näheren Kontakt habe er von vielen schrecklichen Schicksalen gehört. „An manchen Stellen war noch ein deutlicher Leichengeruch zu vernehmen“, sagt Merzenich und stockt immer wieder in seiner Erzählung. Gleichzeitig hätten die Menschen sich dankbar gezeigt, mit den Seelsorgern über die Geschehnisse und ihren Verlust sprechen zu können. „Das gehört zur Traumabewältigung. Es hilft und entlastet.“



Kindern falle es hingegen schwer, darüber zu sprechen, so der Pädagoge. Das Trauma äußere sich zudem auf verschiedene Arten. „Sie machen wieder in die Hose, haben keinen Hunger, wenn Essenszeit ist, oder können nicht schlafen.“ Vieles hänge mit Rhythmen zusammen, denn diese seien außer Kraft gesetzt. Unbewusst bestimmen Flucht, Angriff und Erstarrung den Körper. Die Pädagogen versuchten daher, den Kindern wieder einen Rhythmus im Alltag zu geben, einen festen Tagesablauf.

Alle Angebote fanden dazu in ritualisierter Form statt. „Jeden Morgen haben wir mit einem Begrüßungskreis mit gesanglichen und rhythmischen Elementen begonnen. Jeder Tag wurde auch mit einem solchen Kreis beendet“, sagt Merzenich. Dazwischen haben die Kinder in Kleingruppen an Bewegungsspielen teilgenommen, gemalt oder Handarbeiten angefertigt. Gerade beim Malen hätten die Kinder die Möglichkeit gehabt, den Schmerz, der sie „furchtbar belastet, auf einer anderen Ebenen zu zeigen und neu wahrzunehmen“. Oberstes Motto der Notfallpädagogik sei es, die Selbstheilungskräfte der Kinder zu fördern und zu steigern. So erlangen sie nach und nach wieder ein Selbstverständnis. Die Angebote in der Gruppe ließen die Kinder zudem soziale Dinge erleben. „Sie merken, dass es Hilfe gibt, Ansprechpartner, mit denen man was zusammen machen kann“.

Die Kinder hätten indes auch den Pädagogen ein klares Signal zurückgegeben. „Sie haben begeistert mitgemacht, gejubelt und geklatscht.“ Unterstützt wurde das Team um Merzenich von einheimischen Lehrern, Pädagogen und Studenten. Die Kooperation mit den Menschen vor Ort sei besonders wichtig, betont Merzenich. Sie wurden von dem Verein geschult, so dass sie das Projekt - auch nachdem das Team wieder abgereist ist - weiterführen.

Und wie ergeht es ihm selbst, wenn er immer wieder mit Trauer und Tod konfrontiert wird? „Man wird teilweise selbst traumatisiert. Dagegen muss man etwas tun. Jeden Morgen und jeden Abend haben wir uns im Team ausgetauscht.“ Außerdem gebe es ein Buddy-Programm. Jedes Mitglied hat einen bestimmten „Kumpel“ aus dem Team, an den es sich wenden kann. Bei seinen Einsätzen wohnt das Team oft in provisorischen Behausungen. Schläft auf Matten auf dem Boden. Rund 50 000 Euro hat den Karlsruher Verein nach Merzenichs Angaben der Einsatz gekostet. In zwei bis drei Monaten möchte der Pädagoge nochmal nach Palu reisen, um zu schauen, wie seine einheimischen Kollegen das Projekt weiterführen.

Spendenkonto Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.: GLS Bank Bochum, IBAN DE06 4306 0967 0800 8007 00, Stichwort „Notfallpädagogik“

Die indonesische Küstenstadt Palu nach dem Tsunami.
Die indonesische Küstenstadt Palu nach dem Tsunami. FOTO: Freunde der Erziehungskunst, Notfallpädagogik.