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Nach Ansiedlung des Helmholtz-Zentrums
Internationale Schule soll Forscher locken

In Ballungsgebieten wie Frankfurt, München, Berlin oder – wie hier auf dem Foto – Hamburg gibt es längst internationale Schulen. Erste Unterrichtssprache ist dort Englisch. Die Eltern müssen für den Schulbesuch ihrer Kinder aber tief in die Tasche greifen.
In Ballungsgebieten wie Frankfurt, München, Berlin oder – wie hier auf dem Foto – Hamburg gibt es längst internationale Schulen. Erste Unterrichtssprache ist dort Englisch. Die Eltern müssen für den Schulbesuch ihrer Kinder aber tief in die Tasche greifen. FOTO: dpa / A3833 Bodo Marks
Saarbrücken. Politik, Forscher und Unternehmer sind sich einig, dass das Land eine internationale Schule braucht. Erste Standorte sind schon im Rennen. Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Professor Michael Backes hat Großes vor. Der Informatiker mit saarländischen Wurzeln baut im Saarbrücker Stadtwald gerade das Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit auf. Wenn es 2026 komplett fertig ist, soll es eine Einrichtung von Weltrang sein und rund 800 Wissenschaftler aus aller Welt beschäftigen. Experten aus Indien oder den USA nach Saarbrücken zu locken, könnte schwierig werden, wenn das Saarland ihnen und ihren Familien nichts bietet. Wo sollen zum Beispiel die Kinder der internationalen Wissenschaftler in die Kita oder zur Schule gehen?


Das Problem ist in der Landespolitik erkannt. Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) erläuterte kürzlich in seiner ersten Regierungserklärung, mit den neuen Forschern entstehe im Umfeld der Saar-Uni „so etwas wie ein großes Global Village, für das wir natürlich auch die entsprechende Infrastruktur mit ausreichendem Wohnraum und internationalen Kita- und Schulangeboten bereitstellen müssen“.

Wie wichtig dies ist, macht IT-Professor Backes dem Regierungschef nun in einem Brief („Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Tobias“) klar. Zu seiner Allianz für eine internationale Schule, in dessen Namen er den Brief schrieb, gehören auch der Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), Professor Wolfgang Wahlster, sowie die Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU) und der Handwerkskammer (HWK), Hanno Dornseifer, Oswald Bubel und Bernd Wegner.

Nach der Vorstellung von Backes & Co. soll die Schule bereits ab dem Schuljahr 2019/20 eingerichtet werden. Dies ist jedoch äußerst ambitioniert und dürfte schwierig werden. Räumlich soll sie im Umfeld des Helmholtz-Zentrums liegen, maximal 15 Autominuten entfernt. Infrage kämen also die Saarbrücker City, Stadtteile wie Dudweiler und Scheidt oder auch St. Ingbert. Spekuliert wird etwa über die Nutzung des ehemaligen Dudweiler Gymnasiums, in dem seit 30 Jahren das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) einquartiert ist. Backes kann sich den Aufbau einer Schule nach dem Modell des deutsch-luxemburgischen Schengen-Lyzeums vorstellen, aber auch die Einrichtung eines englischsprachigen Zweigs an einer vorhandenen Bildungseinrichtung.

In der Saar-Wirtschaft fällt daher der Name Rotenbühl-Gymnasium. Dort gibt es bereits einen bilingualen Englischzweig, in dem Erdkunde, Geschichte und Biologie vorwiegend in englischer Sprache unterrichtet wird. An der Schule, wie sie Backes und seinen Unterstützern vorschwebt, soll Englisch erste Unterrichtssprache sein.



Backes und seine Mitstreiter haben eine klare Erwartungshaltung an Hans formuliert: Der Ministerpräsident möge die Einrichtung einer internationalen Schule „im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder zur Chefsache“ machen und einen entsprechenden Kabinettsbeschluss herbeiführen. Letzteres hat die Staatskanzlei gestern in Aussicht gestellt.

Den Bedarf an Plätzen in einer solchen Schule will die Saar-Wirtschaft in Kürze per Umfrage unter mehreren tausend Unternehmen im Land ermitteln. IHK-Hauptgeschäftsführer Heino Klingen sieht die Schule auch als Angebot für Mitarbeiter größerer Unternehmen, in denen Englisch bereits Firmensprache ist. Man brauche aber erst eine belastbare Zahlenbasis.

Das Handwerk setzt ebenfalls auf eine solche Schule: Wenn hunderte Wissenschaftler ihren Lebensmittelpunkt ins Saarland verlegten, sagt HWK-Präsident Bernd Wegner, „dann ist das für uns ein wirtschaftlicher Faktor“. Denn auch diese (in der Regel solventen) Menschen müssen mal in die Auto­werkstatt, brauchen einen Elektriker oder kaufen beim Metzger ein.

In deutschen Großstädten, auch in Luxemburg, gibt es längst internationale Schulen, die aber in privater Hand sind. Plätze kosten dort schnell um die 15 000 Euro im Jahr. Das passt schlecht zum Saarland, das mit seinen vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten wirbt. Zumal die Helmholtz-Forscher, für die der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes gilt, keine Manager-Gehälter verdienen: Ein Wissenschaftler in der Gehaltsklasse eines W2-Professors erhält um die 70 000 Euro im Jahr. Deshalb ist klar, dass eine internationale Schule nur als öffentliche Einrichtung denkbar ist. Das größte Problem dürfte dann aber die Finanzierung sein. An Ideen hat es im Saarland noch selten gemangelt.