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Missstände in Krankenhäusern
„Insgesamt ethisch nicht mehr tragbar“

Krankenpfleger und Ärzte haben viel zu wenig Zeit, um sich um die Patienten zu kümmern, klagt Markus Hardt. Stattdessen müssten sie immer höhere Dokumentationsanforderungen erfüllen.
Krankenpfleger und Ärzte haben viel zu wenig Zeit, um sich um die Patienten zu kümmern, klagt Markus Hardt. Stattdessen müssten sie immer höhere Dokumentationsanforderungen erfüllen. FOTO: dpa / Philipp Schulze
Völklingen. Ein saarländischer Krankenhaus-Arzt schildert den Alltag auf den Stationen – und klagt über Pflegenotstand und Bürokratie-Wahn. Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Wenn Markus Hardt das deutsche Gesundheitswesen des Jahres 2018 in einem Bild darstellen müsste, dann sähe es so aus: „Am Rand stehen Patienten, Pflegekraft und Arzt, umringt von zahlreichen Kontrolleuren, EDV-Kräften, Codierern, Case-Managern, Qualitätsbeauftragten und so weiter, die alle zunehmend Ansprüche stellen und die Zeit für das Patientenwohl rauben.“


Seitdem Markus Hardt im Jahr 1982 seinen ersten Patienten vor sich hatte, hat sich das Gesundheitssystem stark verändert. Nicht immer zum Besseren, wie der Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie (Nierenheilkunde) findet. Hardt, Leitender Oberarzt an den SHG-Kliniken in Völklingen, ist Vorsitzender des Marburger Bundes im Saarland, der einen Großteil der rund 2700 Klinikärzte hierzulande organisiert. Im SZ-Gespräch schildert Hardt ungeschminkt die Missstände des Krankenhaussystems.

Zu diesen Missständen zählt er, dass Ärzte und Pflegekräfte sich immer stärker mit der Bürokratie herumschlagen, immer höhere Dokumentationsanforderungen erfüllen müssten. Für den Patienten bleibe immer weniger Zeit. Kontrolliert und bezahlt werde die Dokumentation, die Gesundheitsleistung gerate in den Hintergrund. „Das ist insgesamt ethisch nicht mehr tragbar. Ein solches System ist nicht mehr zu verantworten“, sagt Hardt. Pflegekräfte und Ärzte wollten Patienten behandeln, keine Akten.



Das Gesundheitssystem, so sieht es Hardt, wurde den Gesetzen der freien Wirtschaft unterworfen – mit planwirtschaftlichen Elementen. „Der Patient und seine Krankheiten wurden zur Ware und einem Wirtschaftsfaktor“, so Hardt. „Das Gesundheitssystem sollte aber immer billiger werden, gleiche Leistungen wurden immer geringer bezahlt. Beim Personal, das meist direkt am Menschen arbeitet und bis zu 70 Prozent der Gesamtkosten ausmacht, wurde zuerst gespart. Das war sicher der falsche Weg.“

Ohne dass mehr Personal zur Verfügung stehe, sei ein „zeitraubendes Finanzierungssystem“ samt Kontrollen und Qualitätsdokumentationen aufgebaut worden. Der Mediziner spricht von „teils menschenverachtend wirkenden Anfragen, von sich verselbständigenden Prüfungsroutinen“. Entscheidungen fielen an irgendwelchen Schreibtischen, ohne Rücksicht auf die individuellen Erfordernisse des einzelnen Patienten. „Der Formalismus ist plötzlich entscheidend.“ An dieser Überbürokratisierung leide das deutsche Gesundheitswesen.

Für die eigentliche Aufgabe der Gesundheitserbringung sei immer weniger Personal da. Weniger Bürokratie und wieder mehr Zeit für die eigentliche Aufgabe von Pflegern und Ärzten könnten die Personalnot ein wenig lindern, sagt Hardt. Der demografische Wandel und Fachkräftemangel machten auch vor dem Gesundheitssystem nicht halt. Umso wichtiger sei es, die Patientenbehandlung wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

Dadurch, dass das Gesundheitssystem den Regeln der Marktwirtschaft unterworfen werde, sei nicht mehr wichtig, was dem Patient helfe, sondern was Geld bringe. „Das ist aber nicht immer das, was der Patient braucht, sondern das, was das Krankenhaus braucht, um weiter existieren zu können.“ Da sei ein ganz großes Konfliktpotenzial entstanden, findet Hardt. Werden also Leistungen erbracht, die nicht immer bedarfsgerecht sind? „Wenn wir die Gesetze des Marktes anwenden, wäre es falsch zu sagen, dass die nicht eine solche Wirkung entfalten können“, sagt Hardt.

Die von der Gewerkschaft Verdi angestoßene Diskussion über die Personalnot in der Pflege bezeichnet Hardt als berechtigt. Er bekräftigt, dass es einen „Notstand“ in der Pflege gibt. Weil beim System der Fallpauschalen die Schraube jedes Jahr enger gezogen werde, bleibe den Kliniken gar nichts anderes übrig, als immer mehr Patienten zu behandeln. Das sei eine enorme Belastung für das Personal. „Ich habe das gleiche Personal, aber viel höhere Fallzahlen – das kann nicht gutgehen.“ Unabhängig von festen Personaluntergrenzen für jede Station schlägt er eine dynamische Personalverfügbarkeit vor: Zusätzliche Pflegekräfte sollen in einem Klinikum dann dort eingesetzt werden, wo gerade Bedarf besteht.

Wie Verdi fürchtet auch der Marburger Bund, dass die Qualität der Versorgung leidet, wenn nicht genügend Personal vorhanden ist – mit möglicherweise weitreichenden Folgen für die Patienten: „Wenn ich weniger Zeit für den Patienten habe, bekomme ich weniger mit, was sein Problem ist. Die Gefahr ist, dass ich deshalb etwas übersehe, dass ich etwas zu spät bemerke. Das könnte von Nachteil für den kranken Menschen sein“, so Hardt.

Er wehrt sich dagegen, dass Krankenpfleger und Ärzte die Situation im eigenen Interesse schlimmer darstellen, als sie wirklich ist, und Gefahren für Patienten übertreiben: „Wenn eine Berufsgruppe wie die Pflege oder die Ärzte diese Sorge äußert, dann glaube ich nicht, dass es Stimmungsmache ist, weil man entspannter arbeiten will. Ich glaube nicht, dass eine Gewerkschaft so unseriös ist, dass sie solche Aussagen nutzt, weil sie mehr Personal will. So einfach ist das nicht.“

Markus Hardt, Leitender Oberarzt, ist Landeschef der Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund.
Markus Hardt, Leitender Oberarzt, ist Landeschef der Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund. FOTO: Ärztekammer