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Zivilschutzanlage unter der Autobahn
Ein Atomschutzbunker wird zum Museum

Florian Brunner vom Verein „Unterirdisches Saarland“ stieß vor einigen Jahren auf die fast in Vergessenheit geratene Schutzanlage.
Florian Brunner vom Verein „Unterirdisches Saarland“ stieß vor einigen Jahren auf die fast in Vergessenheit geratene Schutzanlage. FOTO: Rich Serra
Güdingen. Der Verein Unterirdisches Saarbrücken plant, die Anlage unter der Autobahn in Güdingen ab Dezember für Besucher zu öffnen. Von Teresa Bauer

Von Sträuchern umwuchert liegt der Eingang zu einem fast vergessenen Ort. Beim Vorbeigehen fällt er nicht auf, und so wundert es nicht, dass kaum jemand von dem Atomschutzbunker unter der Autobahn in Güdingen weiß. Florian Brunner, Vorsitzender des Vereins „Unterirdisches Saarbrücken“ und Autor des gleichnamigen Buches, stieß vor einigen Jahren bei Recherchen zu seinem Werk auf die zivile Schutzanlage. Nun richtet der Verein den Bunker zu einem Museum her. Die Eröffnung ist für Dezember geplant.


Die Anlage wurde Anfang der 1960er Jahre gebaut. Kalter Krieg, Kuba-Krise – die Angst vor einem atomaren Angriff war allgegenwärtig. Eine Treppe führt zu einer massiven Tür 15 Meter tief unter der Erde. Dahinter verbirgt sich die Dekontaminations-Schleuse mit einer Dusche. Alle Schutzsuchenden hätten sie im Ernstfall durchlaufen müssen. Ebenso eine Zählschranke, in dem über 2000 Quadratmeter großen Bunker hätten höchstens 1800 Menschen Schutz gefunden, erklärt Brunner.

Es ist kühl. Gerade einmal 13 Grad. Man müsse sich aber vorstellen, wie es wäre, wenn 1800 Leute hier unten wären, sagt Brunner. Durch die Körperwärme wäre die Temperatur natürlich gestiegen. In sechs Kavernen, Hohlräumen, finden sich spartanische Feldbetten und Stuhlreihen. Im Wechsel hätten die Menschen hier liegen oder sitzen können. Das Besondere: An jedem Stuhl ist eine Nackenstütze aus Schaumstoff angebracht. „Vollkommen intakt und nicht porös“, sagt der Bunker-Experte. Warum das so ist, kann er nicht erklären. Vielleicht ein besonderer Schaumstoff oder der jahrelange Schutz vor äußeren Einwirkungen, Abnutzung und Luft, mutmaßt Brunner. Trotzdem sehen die „Möbel“ wenig komfortabel aus. Auch die Enge der Kavernen und der Gänge lassen erahnen, wie ungemütlich es hier mit tausend anderen hätte werden können.



Im Ernstfall hätte man ja nur 28 Tage durchhalten müssen. Für einen längeren Zeitraum ist der Bunker nicht ausgelegt. Ob es überhaupt so lange geklappt hätte, bezweifelt Brunner. Die Belüftung hätte vielleicht zwei Stunden funktioniert. Der Bunker verfügt zudem über eine Notküche, eine Elektrizitätsanlage und Dieselgeneratoren. In den Sanitärbereichen gibt es Waschbecken und rund 45 Toiletten. Eine weitere Kuriosität: Es gibt keine Spülung. „Der Bunkerwart in der technische Zentrale hätte entschieden, wann und wie oft gespült wird. Das kann auch nur von dort aus gesteuert werden“, erklärt Brunner. Man muss schließlich mit dem Wasser sparsam umgehen. Die Wasserversorgung wäre über zwei 65 Meter tiefe Brunnen gewährleistet gewesen. Mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 wurde die Anlage letztlich hinfällig.

Der Bunker gehört der Stadt Saarbrücken. Bis 2015 wurde er durch die Landeshauptstadt regelmäßig gewartet. Die Stadt räumte nun dem Verein „Unterirdisches Saarbrücken“ ein Sondernutzungsrecht ein. Seit gut einem Jahr investieren Brunner und seine Vereinskollegen „viel Herzblut und Geld“ – zum Teil auch privates –, um die Anlage in ein Museum zu verwandeln. Es gebe auch ein paar Sponsoren.

Der Verein versucht, den Originalzustand, so gut es geht, zu erhalten. Nach einem Einbruch vor ein paar Jahren hat der Eingang der Anlage über Monate offengestanden. Dadurch sei viel Feuchtigkeit eingedrungen, erzählt Brunner. Im Juni dieses Jahres kam dann das Hochwasser. 60 Kubikmeter Abwasser fluteten den Bunker. Die Feuerwehr rückte mit Pumpen an und beseitigte mit den Vereinsmitgliedern zusammen die Anlage von Schlammresten.

Drei Tage gingen auch Mitglieder der Landesinnung des Gebäudereiniger-Handwerks an die Arbeit – ehrenamtlich. Unter dem Motto „Sauberes Saarland – die Gebäudedienstleister in Aktion“ habe die Innung schon lange nach einem regionalen Objekt gesucht, das aus finanziellen Gründen nicht die Aufmerksamkeit erfahren könne, die es verdient hätte, sagt Innungsmitglied Stefan Rausch. Acht Reinigungskräfte befreiten die Wände und Sitzflächen mit speziellen Saugern und entsprechenden Feinfiltern von Staub und leicht anhaftenden Verschmutzungen. „Während der gesamten Reinigungsmaßnahmen haben wir darauf geachtet, möglichst wenig Wasser einzusetzen, um ein Ansteigen der Luftfeuchtigkeit in der Zivilschutzanlage zu vermeiden“, erklärt Rausch. Florian Brunner und seine Vereinskollegen betonen, wie dankbar sie der Innung für ihre Unterstützung sind. „Es ist ein tolles Geschenk an die Allgemeinheit“, sagt Brunner.

1800 Menschen sollte der unterirdische Atombunker im Falle eines Angriffs Platz bieten. In den vergangenen Monaten wurde er gereinigt, ab Dezember soll er Besuchern offen stehen.
1800 Menschen sollte der unterirdische Atombunker im Falle eines Angriffs Platz bieten. In den vergangenen Monaten wurde er gereinigt, ab Dezember soll er Besuchern offen stehen. FOTO: Rich Serra