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Mobilfunkversorgung im Saarland
Im Kampf gegen die Funklöcher

Vor allem im Saargau und im Hochwald kann es noch immer vorkommen, dass man keinen Handyempfang hat. Einem Mann aus Gerlfangen wäre das fast zum Verhängnis geworden.
Vor allem im Saargau und im Hochwald kann es noch immer vorkommen, dass man keinen Handyempfang hat. Einem Mann aus Gerlfangen wäre das fast zum Verhängnis geworden. FOTO: Inga Kjer/dpa / Inga Kjer
Saarbrücken/Berlin. Kein Netz? In einigen ländlichen Teilen des Saarlands und Regionen in Grenznähe ist das Realität. Die Politik sucht nach Lösungen. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Anfang des Jahres kam ein pflegebedürftiger Mann in Gerlfangen, der plötzlich nicht mehr ansprechbar war, nur knapp mit dem Leben davon – seine Frau hatte keinen Handyempfang, um den Notarzt zu alarmieren. Das Festnetztelefon funktionierte nicht, wegen Wartungsarbeiten war der Strom abgestellt worden. Die Frau musste im Dorf umherirren, bis sie jemanden fand, der Empfang hatte. Nach wie vor gibt es im Saarland auf dem Land und in Grenzregionen Funklöcher, was – wie in Gerlfangen – zum echten Problem werden kann.


Wie sich die letzten Löcher im deutschen Handynetz schließen lassen, darüber beraten heute Vertreter der Länder und der großen Mobilfunkunternehmen in Berlin bei einem Gipfeltreffen. „Die Zeit drängt für konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Mobilfunkversorgung“, hatte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) Anfang der Woche gesagt.

Die letzte Erhebung zur Abdeckung im Saarland durch den TÜV Rheinland stammt von Ende 2017: Demnach verfügten 99,9 Prozent der Haushalte über einen einfachen Mobilfunkstandard (Sprache). Um im mobilen Internet zu surfen, ist mindestens der Standard der 3. Generation (3G) nötig, UMTS: Hier liegt die Abdeckung bei 90,3 Prozent. Die aktuell schnellste Übertragungsrate mit der LTE-Technologie (4G) erreichen 93,3 Prozent. Beschwerden aus der Bevölkerung zeigen laut Staatskanzlei, dass es vor allem in Gerlfangen, Löstertal, Sitzerath, Ihn und Leidingen Versorgungsprobleme gibt. Bis Herbst will die Staatskanzlei mit Messungen des Breitbandbüros und Meldungen aus der Bevölkerung ein aktuelles Bild der Versorgungslücken zeichnen. Am 26. Juni hatte die Landesregierung ein neues Meldeportal (www.breitband-saarland.de) eingerichtet, rund 1300 Meldungen sind seitdem eingegangen.



„Funklöcher in den Mobilfunknetzen aller Betreiber haben meist entweder physikalische oder ökonomische Gründe“, sagt Florian Streicher, Sprecher von Telefónica. Liegt ein Ort in einer Senke, können die Funkwellen ihn schlichtweg nicht gut erreichen. Ein neuer Sendemast in ländlichen Regionen kostet laut Vodafone rund 150 000 Euro, hinzu kommen Betriebskosten für Strom, Wartung, Reparaturen und ähnliches. „Es gibt leider Gegenden, in denen sich eine solche Investition angesichts der zu erwartenden Nutzung niemals rentieren würde“, sagt Volker Petendorf, Sprecher von Vodafone.

Als die Bundesnetzagentur 2015 für mehrere Milliarden die begehrten Frequenzen für den Mobilfunkstandard LTE versteigerte, mussten sich die Unternehmen im Gegenzug verpflichten, 98 Prozent der Fläche in Deutschland zu versorgen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) würde die Betreiber gerne auf 100 Prozent verpflichten – doch das würde die eben einiges kosten. Einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge, der sich auf Regierungs- und Branchenkreise beruft, dürfte der heutige Gipfel deshalb auch ergebnislos enden.

Ein Druckmittel hat die Politik jedoch: die begehrten Frequenzen für den neuen Mobilfunkstandard 5G. Die Technologie, die zehn Mal so schnell sein soll wie LTE, befindet sich noch im Entwicklungsstadium und soll 2020 marktreif sein. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD im Bund auf Folgendes geeinigt: „Neue Frequenzen nur gegen flächendeckende Versorgung.“

Der saarländische FDP-Bundestagsabgeordnete Oliver Luksic sieht indes auch das Land in der Pflicht im Kampf gegen Funklöcher: „Wieso folgt die Landesregierung nicht dem Beispiel von Nordrhein-Westfalen? Auf Initiative der FDP wurde dort ein Mobilfunkpakt mit Mobilfunkbetreibern abgeschlossen.“ Telefónica, Telekom und Vodafone haben unter anderem zugesagt, bis 2020 rund 1350 neue Mobilfunkstandorte zu errichten und 5500 zu modernisieren, um Lücken im Netz zu schließen. Im Gegenzug setzt sich das Land für beschleunigte Genehmigungsverfahren im Netzausbau ein – und drängt bei der Bundesnetzagentur  auf eine frühzeitige Vergabe der 5G-Frequenzen.

Luksic fordert, das Saarland müsse Vorreiter bei 5G werden. „Insbesondere neue Technologien wie autonomes Fahren und Telemedizin benötigen das bestmögliche Netz.“ Tatsächlich gibt es bereits Überlegungen, das Saarland zur Pilotregion zu machen (siehe Hintergrund).

Zwei der drei großen Mobilfunkbetreiber zeigten sich interessiert an einem Pakt mit dem Saarland: Man sei selbstverständlich offen für eine engere Kooperation mit der Politik, sagte der Sprecher von Telefónica. Entscheidend seien aber die Bedingungen: So erwarte man zum Beispiel Unterstützung bei der Vergabe neuer Standorte. Ein Sprecher der Telekom erklärte, konkrete Pläne über einen Pakt gebe es zwar nicht, grundsätzlich begrüße man aber Vorschläge zur weiteren Verbesserung der Mobilfunkversorgung.