| 21:11 Uhr

Bilanz 2017
Im Dschungel des Sozialrechts

Ellen Treller-Günther musste mehrere Verfahren überstehen, bis ihr Anspruch auf einen Schwerbehinderten-Ausweis anerkannt wurde.
Ellen Treller-Günther musste mehrere Verfahren überstehen, bis ihr Anspruch auf einen Schwerbehinderten-Ausweis anerkannt wurde. FOTO: VdK Saarland
Saarbrücken. Der Verband VdK berät Menschen in sozialrechtlichen Fragen und hilft ihnen vor Gericht. Der Bedarf an Unterstützung ist groß. Von Christian Leistenschneider

Die Arbeit mit Schwerstbehinderten hat Ellen Treller-Günther immer Spaß gemacht. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal selbst als schwerbehindert gelten und mit 52 Jahren nicht mehr würde arbeiten können. Und doch ist die Pflegekraft inzwischen froh, dass ihr nach zehn Jahren chronischer Schmerzen endlich aufgrund einer Polyarthritis ein Grad der Behinderung von über 50 zugesprochen wurde. Zuvor wurde ihr Antrag auf diese Einstufung zweimal abgelehnt. „Ich habe eine jahrelange Odyssee hinter mir, bis ich endlich Ärzte gefunden habe, die die richtigen Diagnosen stellten und die meine Symptome nicht als rein psychosomatisch abstempelten.“


Treller-Günthers Fall sei nicht spektakulär, aber repräsentativ, sagt Peter Springborn, Landesgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK. Es gebe zahlreiche kranke Menschen, die mit Fehleinschätzungen von Behörden und Versicherungen leben müssten und die ihre Ansprüche nicht alleine durchsetzen könnten. „Recht haben und Recht bekommen sind zwei Paar Schuhe“.

Menschen wie Treller-Günther soll die „Soziallobby“ VdK, wie Springborn den Verband nennt, zur Seite stehen. Gestern stellte er in Saarbrücken seine Bilanz für das Jahr 2017 vor. 3425 abgeschlossene sozialrechtliche Verfahren hat der VdK Saarland demnach im vergangenen Jahr gegen Behörden und gesetzliche Versicherungsträger geführt. Dabei hat er für seine Mitglieder rund 1,6 Millionen Euro an Nachzahlungen und Rentenansprüchen erstritten. Einstufungsentscheide in Sachen Schwerbehinderung bildeten zusammen mit Fragen der gesetzlichen Rentenversicherung den größten Einsatzbereich. Es folgen Krankenversicherung, gesetzliche Unfallversicherung sowie Pflegeversicherung.



Direkte monetäre Zahlungen als Ertrag seien nur die Spitze des Eisbergs, so Springborn. „Der größte Teil der Verfahren endet nicht mit Geldleistungen, sondern mit einer Anerkennung. Daraus ergeben sich wiederum Ansprüche“. Für Ellen Treller-Günther etwa bedeutet die Anerkennung als Schwerbehinderte, dass sie in ihrem 400-Euro-Job, mit dem sie ihre Erwerbsminderungsrente ergänzt, fünf Tage mehr Urlaub und einen erweiterten Kündigungsschutz erhält. Auch Steuererleichterungen oder ein Parkausweis für Schwerbehinderte können Betroffenen zugesprochen werden. „Auf was genau Anspruch besteht, hängt immer von der individuelle Situation ab“, erläutert Raphael Collet, einer von neun hauptamtlichen Juristen und zwölf ehrenamtlichen Beratern in Diensten des VDK.

Oft sei der Rechtsweg aber langwierig, sagt Collet. Trotz Unterstützung sei nicht jeder in der Lage, ihn bis zu Ende zu gehen, ergänzt seine Kollegin Sandra Metzen: „Das sind schwerkranke Mensch. Viele haben nicht die Energie, um mehrere Verfahren durchzustehen.“ Ellen Treller-Günther aber hat immer weiter gekämpft.