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Chansonstar Julien Doré
„Ich will raus aus der Komfortzone“

Bei einem Bummel durch die Saarbrücker Innenstadt nahm sich Chanson-Star Julien Doré am Sonntag Zeit für ein paar Selfies mit Fans aus dem benachbarten Lothringen.
Bei einem Bummel durch die Saarbrücker Innenstadt nahm sich Chanson-Star Julien Doré am Sonntag Zeit für ein paar Selfies mit Fans aus dem benachbarten Lothringen. FOTO: Hélène Maillasson
Saarbrücken. Chanson-Star Julien Doré spricht in Saarbrücken über Rock als musikalische Heimat und erklärt, warum auch Männer seine Konzerte besuchen. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Sein letztes Album „&“ hat sich bereits 500 000 Mal verkauft, seine Single „Sublime & Silence“ wurde 20 Millionen Mal gestreamt: In Frankreich ist Sänger Julien Doré ein Star und füllt die Hallen. Mit seiner neuen Akustik-CD „Vous & Moi“ (deutsch: „Ihr und ich“) will der 35-Jährige nun Deutschland erobern, wo er noch völlig unbekannt ist. Die erste Etappe der Promo-Tour führte ihn nach Saarbrücken. Zur großen Freude mancher lothringischer Fans, denen er bei einem Spaziergang in der Innenstadt über den Weg lief. Im SZ-Interview blickt er auf seine bisherige Karriere in Frankreich zurück und spricht darüber, was er sich in Deutschland erhofft.


Julien Doré, Ihr Auftritt in der Casting-Show „Nouvelle Star“ verhalf Ihnen 2007 zum Durchbruch. Im Gegensatz zu den meisten Kandidaten solcher Fernsehsendungen zählen Sie elf Jahre später immer noch zu den Künstlern mit den höchsten Verkaufszahlen. Was ist bei Ihnen anders gelaufen?

DORÉ Ganz genau kann ich das auch nicht erklären. Aber ich denke, dass es damit zusammen hängt, dass ich in meiner künstlerischen Arbeit immer frei geblieben bin. Vor zehn Jahren genauso wie heute. Mir ist es wichtig, genau das zu machen, worauf ich Lust habe, was mir Spaß macht und zwar auf die Art und Weise, wie ich es mir vorstelle und nicht wie es mir von anderen diktiert wird. Diese Freiheit und diese Einstellung haben mich wahrscheinlich bis heute davor geschützt, für die Menschen uninteressant zu werden.



Als Sänger und Songwriter haben Sie vor Ihrer Solo-Karriere als Mitglied einer Rockband angefangen. Warum sind Sie auf Chansons umgestiegen? Zeugt das von einer persönlichen Entwicklung oder passen solche Lieder einfach besser in die heutige Zeit?

DORÉ Diese Band wurde tatsächlich aus einem sehr rockigen Impuls gegründet. Es gab eine Gruppendynamik, die zwangsläufig zu einer anderen Musik und Klängen führte. Als Solo-Künstler trage ich meine musikalischen Projekte alleine. Das hat mich und meine Lieder verändert. Diese Entwicklung zu meiner jetzigen Musik kam aber auch dadurch, dass ich angefangen habe, selbst die Texte meiner Lieder auf Französisch zu schreiben. Die Lieder sind andere, aber die Energie auf der Bühne, die Lust an der Musik sind die gleichen geblieben. Ich bin nur zwischendurch 15 Jahre älter geworden.

Der Rocker von damals lebt also nach wie vor in Ihnen?

DORÉ Ja, klar. Das eine schließt das andere nicht aus. Wer weiß, vielleicht werde ich eines Tages wieder eine Band gründen und Rock spielen. Es ist auf jeden Fall meine musikalische Heimat.

Bis Ende Juni spielen Sie Konzerte in Frankreich. Diese waren innerhalb von ein paar Tage ausverkauft. Ist das Publikum Ihnen über die Jahre treu geblieben? Die meisten Ihrer Fans sind Frauen. Kommen auch Männer zu Ihren Auftritten? Ich meine damit nicht diejenigen, die ihre Freundin begleiten.

DORÉ Das stimmt schon, am Anfang bestand das Publikum vor allem aus Frauen, welche die Lieder des entsprechenden Albums live erleben wollten. Von Tour zu Tour hat sich das Publikum verändert. Die Hallen sind größer geworden, und bei den letzten Konzerten waren auch viele Männer dabei. Das ist aber relativ neu. Ich denke, dass sie vor allem die Bühnenperformance interessiert.

Welche Künstler sind für Sie eine Inspirationsquelle?

DORÉ Das ist sehr breit gefächert. Natürlich bin ich vom Variété-Genre berührt, aber darauf beruht nicht meine Lust, Musik zu machen. Diese kam vielmehr durch Folk und Rock’n’Roll, durch Elvis, Black Rebel Motorcycle Club, Neil Young, Nick Drake. Später kamen auch Künstler dazu, die in meiner Muttersprache gesungen und mir sehr gut gefallen haben wie Jacques Brel, Serge Gainsbourg und Alain Bashung. Heute höre ich außerdem viel Hip-Hop. Ich finde es wichtig, für alle Musikrichtungen offen zu bleiben.

Sie bringen zum ersten Mal eine CD in Deutschland heraus. Warum jetzt und ausgerechnet dieses Akustikalbum?

DORÉ Ich glaube, dass es für mich einfach der richtige Zeitpunkt ist. Ich will damit anfangen, meine Musik auf Reisen zu schicken. Ich möchte mich für neue Zuhörer öffnen, die diese Musik entdecken werden. Ich will mich zu etwas Neuem begeben und in Bewegung bleiben. Wenn man einen gewissen Erfolg hat, besteht die Gefahr, stehen zu bleiben. Das ist schlecht für den kreativen Prozess, und man muss ständig dagegen steuern. Dazu gehört auch der Weg nach Deutschland. Ich hatte bisher viel Glück, und deshalb ist es meine Pflicht, immer wieder neue Sachen auszuprobieren, egal ob sie funktionieren oder nicht. Ich will raus aus der Komfortzone. Wenn ich stehen bleibe und mich nicht weiterentwickle, habe ich das Gefühl, die Menschen zu verraten, die mir die Chance gegeben haben, mich in der Musik auszuleben.

Das Gespräch führte Hélène Maillasson

Zum ersten Mal in Deutschland auf Promo-Tour: Julien Doré.
Zum ersten Mal in Deutschland auf Promo-Tour: Julien Doré. FOTO: Hélène Maillasson