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Intelligenz
Wo kluge Kinder Köpfchen zeigen können

An der Grundschule in Hassel werden vier Fördergruppen aus hochbegabten Schülern unterrichtet.
An der Grundschule in Hassel werden vier Fördergruppen aus hochbegabten Schülern unterrichtet. FOTO: Teresa Bauer
Saarbrücken/Hassel. Seit dem Jahr 2000 gibt es eine Beratungsstelle für Eltern von (hoch-)begabten Kindern im Saarland. Doch nicht immer wird die Begabung richtig erkannt. Von Teresa Bauer

Vieles hat sich in den vergangenen Jahren im Bildungssystem getan. Inklusion steht ganz oben auf der Agenda. Dadurch ist es Kindern mit einer Beeinträchtigung – egal welcher Art – möglich, am Unterricht in einer Regelschule teilzunehmen. Wer in der Diskussion um Inklusion aber oft außer Acht gelassen wird, sind (hoch-)begabte Schüler – also Kinder mit einer besonderen Begabung in einem oder mehreren Bereichen.


Seit dem Jahr 2000 gibt es im Auftrag des Saar-Bildungsministeriums ein landeszentrales Kompetenzzentrum. Die Beratungsstelle Hochbegabung im Saarland berät Eltern, Erzieher und Lehrer. Sie konzipiert ein Förderangebot für die Schüler und bietet Qualifizierungsmaßnahmen für Pädagogen. Begabt ist ein Kind, wenn es einen Intelligenzquotienten (IQ) zwischen 120 und 130 aufweist, erklärt Sandra Behrend vom Bildungsministerium. Von einer Hochbegabung spricht man ab einem IQ von 130. Das betrifft rund zwei Prozent der Bevölkerung. Das Problem: Das Potenzial, das ein (hoch-)begabter Schüler eigentlich hat, entspreche im Schulalltag oft nicht den gezeigten Leistungen, sagt Behrend. So führen beispielsweise Unterforderung, Langeweile und daraus resultierende Unaufmerksamkeit zu Konflikten. „(Hoch-)Begabte Schüler haben sehr häufig auch keinen Notendurchschnitt von 1,0“, sagt Behrend. Es seien im Grunde „normale“ Kinder, die leider in bestimmten Bereichen ihr Potenzial nicht ausschöpfen können.

Die Beratungsstelle entwickelt gemeinsam mit den Pädagogen geeignete Förderstrategien für einen differenzierten und individuellen Unterricht integriert in der Regelschule und unterstützt bei der Zusammenstellung entsprechender Arbeitsmaterialien. Darüber hinaus organisiert die Beratungsstelle spezielle Fördermaßnahmen außerhalb des Regelunterrichts. So gibt es Studientage, (Ferien-)Akademien und die „Querdenkertage“ für Grundschulen und weiterführende Schulen. Die umfassen grundsätzlich 30 Termine im Schuljahr, unterteilt in drei Blöcke. Um an all diesen Angeboten teilnehmen zu können, genügt eine Empfehlung der Schule.



Letztlich gibt es noch die Fördergruppen für Grundschulen und Gymnasien. Der Schüler nimmt über die Dauer des gesamten Schuljahrs einmal pro Woche statt im Regelunterricht im Förderunterricht teil. Voraussetzung: Die Hochbegabung muss durch einen Schulpsychologen nachgewiesen werden. An der Grundschule in St. Ingbert/Hassel, dem Haupt-Standort für Fördergruppen Grundschule im Saarland, werden zum Beispiel aufgeteilt an zwei Tagen pro Woche vier Fördergruppen unterrichtet. Die Kinder gehen regulär in die zweite, dritte oder vierte Klasse und kommen aus dem Saarpfalz-Kreis sowie dem Stadtverband Saarbrücken nach Hassel. Weitere Standorte sind die Laurentiusschule in Hülzweiler und die Grundschule St. Michael in Lebach. Für höhere Klassenstufen gibt es Fördergruppen am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Lebach.

Der Unterrichtstag in Hassel beginnt immer um 8:45 Uhr. „Da die Kinder von ihren Eltern gebracht werden müssen und teilweise lange Anfahrtswege haben, beginnt der Unterricht in den Fördergruppen später als in den Regelschulen“, erklärt Sandra Behrend. Der Unterricht läuft jede Woche nach dem selben Schema ab. Zuerst gibt es einen Erzählkreis und anschließend dürfen die Kinder ein Rätsel lösen. Danach bearbeiten sie ihr selbst gewähltes Thema – auf ganz unterschiedliche Weise. In Texten, Grafiken oder Experimenten beispielsweise. „Es ist ein offenen Unterricht“, sagt Nadine Müller, Schulleiterin der Dependance-Grundschulen in Rohrbach und Hassel. Also kein Frontal-Unterricht von Seiten der Lehrkraft.

Die Lernmethoden und -strukturen, die sie in den Fördergruppen erarbeiten, können die Kinder anschließend auch im Regelunterricht anwenden. Die Klassenlehrer können auf die erarbeiteten Fähigkeiten aufbauen und diese im Regelunterricht integrieren. Sie und auch die Eltern geben regelmäßig Rückmeldung an die Förderlehrer. „Sie berichten uns unter anderem, dass die Kinder viel ausgeglichener seien“, sagt Carolin Eifler, Pädagogin der Fördergruppe.

In kleinen Gruppen können sich die „Kinder einen Tag auspowern“. Sie werden ihrem Potenzial entsprechend gefordert und können sich mit ihrem Mitschülern messen. Welche Themen sie dabei erarbeiten, dürfen die Kinder selbst entscheiden. Im Vordergrund stehe aber letztlich die Methodenvermittlung, also unterschiedliche Lernstrategien und Arbeitstechniken, sagen Eifler und Behrend.

Dass die (Hoch-)Begabten Förderung die zwei Klassenräume in Hassel nutzen kann, ist nicht selbstverständlich. Die Stadt St. Ingbert stellt als Schulträger den Fördergruppen den Platz kostenlos zur Verfügung. „Es ist schön zu sehen, wie die Schüler hier entsprechend ihrer Bedürfnisse gefördert werden. Das wollen wir unterstützen“, sagt St. Ingberts Oberbürgermeister Hans Wagner (parteilos).

Insgesamt nehmen nach Angaben von Sandra Behrend 2500 Schüler jedes Jahr an den Fördermaßnahmen teil. Allein 40 Kinder besuchen den Förderunterricht für Grundschule. Bei den Querdenkertagen gibt es jedes Jahr 250 Plätze, die mit rund 350 Anmeldungen dieses Jahr sehr gefragt sind – Tendenz weiter steigend, betont Behrend.

Weitere Infos unter www.iq-xxl.de