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Hilfe für Ber soll nur vorübergehend ruhenWie alles begann

Erst im September 2010 waren Sidi Brahim Ould Sidat, Tuareg und Bürgermeister von Ber, sowie Bernhard Zunino (rechts), Bürgermeister von St. Michelle, in Püttlingen, um gemeinsam mit Püttlingens Bürgermeister Martin Speicher die Partnerschaft zu erneuern. Foto: Jenal
Erst im September 2010 waren Sidi Brahim Ould Sidat, Tuareg und Bürgermeister von Ber, sowie Bernhard Zunino (rechts), Bürgermeister von St. Michelle, in Püttlingen, um gemeinsam mit Püttlingens Bürgermeister Martin Speicher die Partnerschaft zu erneuern. Foto: Jenal
Püttlingen. In Mali werden derzeit die Islamisten, die den Norden unter ihre Kontrolle gebracht hatten und nach Süden vorrückten, vom französischen Militär wieder zurückgedrängt. "Mit großer Betroffenheit verfolgen auch die Partnerstädte Püttlingen und Saint Michel sur Orge schon seit einigen Wochen die Entwicklung

Püttlingen. In Mali werden derzeit die Islamisten, die den Norden unter ihre Kontrolle gebracht hatten und nach Süden vorrückten, vom französischen Militär wieder zurückgedrängt. "Mit großer Betroffenheit verfolgen auch die Partnerstädte Püttlingen und Saint Michel sur Orge schon seit einigen Wochen die Entwicklung. Beide Kommunen pflegen schon seit über 22 Jahren eine äußerst fruchtbare und erfolgreiche Unterstützungspartnerschaft zu der Gemeinde Ber, nordöstlich der Stadt Timbuktu gelegen", heißt es dazu in einer Presseerklärung der Stadt Püttlingen. Mit Spendengeldern seien in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Projekte unterstützt worden, um die Lage der Menschen in Ber nachhaltig zu verbessern. So seien, mit tatkräftiger Unterstützung der einheimischen Bevölkerung, Brunnen und Bewässerungsfelder zum Anbau von Reis angelegt worden, zudem habe man die medizinische Versorgung, den Ausbau des Schulwesens und die Ausbildung Jugendlicher unterstützt. "Hilfe zur Selbsthilfe war und ist immer noch die Maxime unserer gemeinsamen Hilfestellung", sagen Bürgermeister Martin Speicher und die Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses der Stadt Püttlingen, Marianne Lück.


Speicher weiter: "Was nun die aktuelle Lage in Ber anbetrifft, so liegen uns derzeit keine oder nur wenige gesicherte Erkenntnisse vor. Die Lage vor Ort ist momentan zu angespannt und unübersichtlich, so dass uns aus erster und gesicherter Hand keine detaillierten Informationen über die Versorgungslage, die Flüchtlingssituation oder gar mögliche Kampfhandlungen in der Region in und um Ber erreichen können."

Das Gleiche gelte für die Verantwortlichen in Saint Michel sur Orge. Man sei jedoch bemüht, mit Hilfe von Bürgermeister Bernard Zunino und dem Partnerschaftsausschuss von Saint Michel sur Orge Informationen aus Ber zu erhalten. Dass sich dies momentan als äußert schwierig erweise, dafür solle jeder das notwendige Verständnis aufbringen.



Weiter heißt es in der Mitteilung: "Bereits im vergangenen Jahr, als sich abzeichnete, dass das Land immer mehr dem Einfluss von radikalen Islamisten ausgesetzt war, hatten sich die beiden Partnerschaftsausschüsse aus Püttlingen und Saint Michel darauf verständigt, vorerst keine weiteren Hilfsgelder mehr nach Mali zu senden." Die Hilfskonvois aus Timbuktu und Bamako mit Baumaterialien und Hilfsgütern seien Berichten zufolge immer wieder von Rebellen überfallen und ausgeraubt oder nur gegen Zahlung von hohen "Schutzgeldern" durchgelassen worden. So sahen sich "beide Kommunen außer Stande, weitere Hilfezahlungen zu leisten."

Diese Hintergründe seien im Dezember auf Anfrage auch im Stadtrat erläutert worden und hätten die volle Zustimmung des Rates gefunden. Selbstverständlich, so Martin Speicher und Marianne Lück, sei man sich bewusst, dass durch die momentane Einstellung der Hilfsleistungen die jahrelangen Projekte gefährdet seien, "einen anderen Lösungsweg sehen wir aber derzeit nicht".

Vor der vorübergehenden Einstellung der Hilfsprojekte habe man im vergangenen Jahr der Bevölkerung in Ber noch mitgeteilt, dass sich die Partnergemeinden auch weiterhin ihrer Verantwortung für Ber stellen werden. Speicher und Lück: "Sobald sich die Lage in und um Ber wieder stabilisiert und normalisiert hat, werden wir in enger Abstimmung mit unseren französischen Freunden umgehend die Hilfeleistungen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln wieder aufnehmen."

So weise man auch den Vorwurf des Europaabgeordneten Jo Leinen, "Püttlingen sollte sich um das Schicksal seiner Partnerstadt Ber in Mali kümmern", als absolut nicht nachvollziehbar zurück. mr

Püttlingen. Im Jahr 1996 machten zwei französische Journalisten, die durch das Tal des Niger in Mali reisten, Station in einem Lager der Tuareg. Sie wurden vom Krankenpfleger des Ortes untergebracht, der nach Einbruch der Dunkelheit immer gerne französische Sendungen auf seinem kleinen Transistorradio hörte. Dieser Frankreich-Liebhaber beauftragte seine Gäste, bei ihrer Rückkehr nach Frankreich seinen Wunsch nach einer Städtepartnerschaft mit einer französischen Stadt zu übermitteln. Die beiden Journalisten taten dies auch, und zwar bei der französischen Vereinigung für Partnerstädte. Gerade zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt Saint-Michel sur Orge bei Paris ihre Kandidatur, zusammen mit der von Püttlingen, für eine Dreier-Partnerschaft in Afrika eingereicht. Warum sollte das nicht auch ein Dorf in der Sahelzone sein?

Eine erste Delegation aus Saint-Michel und Püttlingen begab sich 1988 nach Ber, um dort einen Partnerschaftsvertrag auf der Grundlage freundschaftlicher Zusammenarbeit zu unterzeichnen. Die Delegation war sich in Ber rasch einig. "Es gab am Ort lediglich eine Krankenstation mit vier Eisenbetten und einem Petroleum-getriebenen Kühlschrank, in dem die - viel zu knappen - Medikamente aufbewahrt wurden, einen dürftig ausgestatteten Schulraum und - weil es keinen Strom gab - eine solargetriebene defekte Bewässerungspumpe für ein kleines Gemüsefeld", erinnerte sich Leo Altmeyer (Anm.d.Red.: der Püttlinger Ehrenbürger verstarb im Mai 2010), Teilnehmer der Reise nach Ber im Jahr 1988. Bereits 2000 durfte Altmeyer erfreut feststellen: "Nach nunmehr zwölf Jahren kommunaler Entwicklungshilfe sind enorme Veränderungen in Ber festzustellen. Nicht nur die Selbstversorgung mit Reis und Gemüse hat erheblich zugenommen, auch die schulischen Verhältnisse sind deutlich verbessert worden." et

Auf einen Blick

In Mali, erst französische Kolonie, seit 1960 unabhängig, gab es 2012 in der Hauptstadt Bamako einen Militärputsch (mittlerweile gibt es wieder Ansätze einer zivilen Regierung). Im Norden erklärten Tuareg-Rebellen einseitig die Unabhängigkeit. In Mali leben etwa 30 Ethnien mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Analphabetentum und Armut sind groß. red