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Neues vom Bergbau-Erbe
Grubenfahrt in Fantasy-Welten

Ein Blick in die Ausstellung: Die Wohnküche mit Ziege gehörte zum Alltag der Bergleute. Ebenso die Zeitschrift „Schacht und Heim“, durch die Besucher im Zeitungsmuseum blättern können.
Ein Blick in die Ausstellung: Die Wohnküche mit Ziege gehörte zum Alltag der Bergleute. Ebenso die Zeitschrift „Schacht und Heim“, durch die Besucher im Zeitungsmuseum blättern können. FOTO: Deutsches Zeitungsmuseum Wadgassen
Wadgassen. Ob Computerspiel oder Fahrt durch den Schacht: Die neue Schau im Zeitungsmuseum geht das Bergbauerbe mit neuem Blick an. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Es ist keineswegs so, dass man im Wadgasser Zeitungsmuseum Dinge sehen könnte, denen man andernorts noch nie begegnet wäre. Auch im Historischen Museum Saar am Saarbrücker Schlossplatz gibt es eine „Berschmannskuh“, und selbst die als zu „abgehoben“ kritisierte Landesausstellung „Das Erbe“ im Redener Zechenhaus streifte vor fünf Jahren den Alltag und das Familienleben der Bergleute, samt Arschleder, Limo-Flaschen und Schlafhaus-Etagenbetten. Trotzdem hat die original verpackte Tube „Elektro-Puzzi“, die jetzt in Wadgassen auf der Herdablage steht, eine andere Aura. Vielleicht, weil sie kein durch Glas geschütztes Exponat ist, sondern weil man sie anfassen kann wie alles in dieser urigen Wohnküche, die aus dem Oberwürzbacher Heimatmuseum in das Zeitungsmuseum transportiert wurde. 1958 hörte dort Mutti Caterina Valentes Schlager „Spiel noch einmal für mich, Habanero“, während sie in der Saarberg-Werkszeitschrift „Schacht und Heim“ blätterte. Und auch wir könnten das jetzt tun, wenn wir uns in diesem Original-Setting samt Radio-Beschallung niederließen.


Die Wohnküche ist einer von zwei authentischen Räumen in der neuen Wadgasser Ausstellung „Schacht und Heim“. Der Titel legt eine falsche Fährte, weil man meinen könnte, die Präsentation konzentriere sich auf dieses Publikationsorgan. Statt dessen betritt man eine unterhaltsame Bergbauwelt-Installation. Zur Wohnküche hinzu kommt beispielsweise noch ein weiterer Erlebnisort, eine fabelhaft ausgestattete Arbeiterkneipe, samt Jukebox, Tischfußball-Gerät und „Fahnentod“-Bonbon-Automat. Außerdem wird neueste Computer-Technik eingesetzt. Im letzten Raum findet sich ein „Escape Room“, in dem Besucher in Teamarbeit der simulierten Gefahr einer Schlagwetter-Explosion entkommen müssen. 20 Minuten Zeit kann man in der Dunkelkammer verbringen mit einem sehr anspruchsvollen Abenteuer-Computerspiel, das man mit sehr reellen Geschicklichkeits-Übungen zu absolvieren hat. Direkt nebenan geht’s dann ähnlich aufregend mit einer simulierten Unter-Tage-Fahrt weiter. In einem Förderkorb wird man durchgerüttelt und durchgeschüttelt, bis das Blut in den Ohren klopft. Danach saust man mit der Lore durch die Schächte in Ensdorf und Landsweiler, die über dokumentarische Filme eingespielt werden. Wobei man hier jedoch irgendwann in einer Fantasy-Unterwasser-Welt landet, als öffne sich die Gruben-Enge Richtung Science-Fiction-Kosmos.

Überhaupt ruft „Schacht und Heim“ durchaus viel zum Thema auf, was man kennt: Titelblätter der „Saarbrücker Zeitung“ zum Luisenthaler Grubenunglück von 1962, Förderturm-Modelle und Ingenieurzeichnungen, Arbeitsgerät und Zeitzeugen-Interviews. Doch in dieser Ausstellung gewinnt all dies neue Frische. Das liegt an einem recht „wilden“ Stil- und Inszenierungs-Mix und kleinen künstlerischen Interventionen. Für die Präsentation ging das Zeitungsmuseum eine Kooperation mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) ein, mit den Professoren Matthias Winzen (Kuratieren) und Burkhard Detzler (3D-Computeranimation, interaktive Systeme). Deren Studenten gingen ohne eine sentimentale Träne im Auge an die Recherche, sie wollten eine „zeitgemäße Vergegenwärtigung“. Von wissenschaftlichem Vollständigkeits-Eifer also keine Spur, statt dessen schauten die angehenden Künstler unter ästhetischen Gesichtspunkten auf die „versunkene“ Gruben-Welt, auch auf die Zeitschrift „Schacht und Heim“. In ihr entdeckten sie kreative, qualitätvolle Fotos, die sie in Wadgassen just so zeigen, als Kunstwerke in einer Galerie. Mag sein, man erfährt zu wenig über den eigentlichen Gegenstand, über „Schacht und Heim“ (1955-1971). In diesem Magazin lernten die Bergleute nicht nur, wie sie sich am Arbeitsplatz oder Frauen gegenüber korrekt zu benehmen haben, sondern auch über Heldentaten. Etwa, dass ein bei der Arbeit schwer verunglückter Kollege doch sein Haus bauen konnte, denn: „Die Kameraden stellten ihm den Rohbau hin“, so die Überschrift über einem Artikel. Diese Zeitschrift spiegelte also nicht nur die soziale Welt der Bergleute, sie überformte sie auch mit einem Ethos. Es ging um Gemeinschaft, Solidarität und Leistungsbereitschaft. Was die Studenten darüber lernten, erzählen sie in einer Sonderausgabe „Schacht und Heim. Dezember 2017“, die als Alternative zu einem Ausstellungskatalog entwickelt wurde – nein, das Thema Bergbau muss man keinesfalls unter Nostalgie ablegen.

Eintritt frei. Bis 30. Juni, Di bis So zehn bis 16 Uhr, Am Abteihof 1, 66787 Wadgassen.

Adventliches Titelbild der Saarberg-Zeitung "Schacht und Heim", die in den 50er und 60er Jahren zum Alltag der Bergleute gehörte. Unter diesem Titel wird im Wadgasser Zeitungsmuseum ihre Lebenswelt wieder erlebbar.
Adventliches Titelbild der Saarberg-Zeitung "Schacht und Heim", die in den 50er und 60er Jahren zum Alltag der Bergleute gehörte. Unter diesem Titel wird im Wadgasser Zeitungsmuseum ihre Lebenswelt wieder erlebbar. FOTO: Zeitungsmuseum Wadgassen