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Große Solidarität mit Karstadt

Saarbrücken. Er kennt das Haus von allen, die gekommen sind, wohl am längsten: Siegfried Konrad (77). "Ich habe gestern alle Rentner angerufen, die ich noch erreichen konnte", erzählt der ehemalige Lagerhausleiter von Karstadt. Vor 38 Jahren sei er mit dem ersten Geschäftsführer aus Bochum gekommen. "Da war die Filiale noch gar nicht fertig Von SZ-Redakteur Thomas Sponticcia

Saarbrücken. Er kennt das Haus von allen, die gekommen sind, wohl am längsten: Siegfried Konrad (77). "Ich habe gestern alle Rentner angerufen, die ich noch erreichen konnte", erzählt der ehemalige Lagerhausleiter von Karstadt. Vor 38 Jahren sei er mit dem ersten Geschäftsführer aus Bochum gekommen. "Da war die Filiale noch gar nicht fertig. Mit anderen zusammen habe ich die ersten Waren eingeräumt. Am Tag der Eröffnung standen die Leute Schlange wie beim Schlussverkauf", erinnert sich Konrad. Am Freitag war wieder eine lange Schlange von Leuten da: diesmal aus Solidarität.Die Schließung aller Karstadt-Standorte droht. Doch so einfach lassen sich die Mitarbeiter nicht abfertigen. Sie kämpfen. Die 350 Saarbrücker Karstadt-Leute sehen sich an ihrem Aktionstag vor der Filiale einer erstaunlich großen Solidarität gegenüber. Die ausliegenden Unterschriftenlisten werden immer voller. Adressen aus dem gesamten Saarland sind dabei: von Homburg bis Merzig. Aber auch solche aus Rottweil, Essen, Dresden. Zahlreiche Franzosen unterschreiben ebenfalls. Viele, die vorbeikommen, wünschen spontan "viel Glück". Überall in der Filiale vermitteln kleine Schilder klare Botschaften wie: "Wir sind ein Stück Saarland" oder auch "Wir sind das Herz der Innenstadt". Iris Buchheit (44) aus Mandelbachtal bestätigt dies. Auch sie hat unterschrieben. "Karstadt ist für mich der zentrale Anlaufpunkt in Saarbrücken. Ohne Karstadt wird die Innenstadt an Reiz verlieren."Klaudia Stornowski (31) aus Brandenburg arbeitet in der Abteilung Miederwaren. Sie erzählt von einer großen Traurigkeit unter jungen Beschäftigten, "weil wir unsere Auszubildenden nicht übernehmen können". In ihrer Abteilung stehe gerade eine junge Frau vor dem Ende ihrer Lehre "und bekommt auf ihre Bewerbungen hin nur Absagen. Das ist so deprimierend."Christel Ravaglia (61) aus der Abteilung Damenkonfektion war schon mit zur Demo vor dem Bundes-Wirtschaftsministerium in Berlin. Sie hofft, dass es doch noch zu einem guten Ende kommt. Und meint: "Die Unterstützung aus der Politik haben wir, so gut es geht."Auch die Saar-Politik ist am Aktionstag fleißigst vertreten. Wirklich alle sind gekommen: Ministerpräsident Peter Müller (CDU), SPD-Landeschef Heiko Maas, Hubert Ulrich (Grüne), Rolf Linsler (Die Linke), Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD), Friedhelm Fiedler (FDP) und viele weitere. Parteiübergreifend versichern alle, ihr Möglichstes dazu beizutragen, dass die Saarbrücker Filiale gerettet wird.Überraschend signalisiert Ministerpräsident Peter Müller darüber hinaus die Bereitschaft der Landesregierung, sich finanziell an einer Staats-Bürgschaft zur Rettung von Karstadt in Saarbrücken zu beteiligen. Der Bund habe extra einen Fonds mit einem Sondervermögen zur Rettung von Unternehmen aufgelegt, die durch die Wirtschaftskrise in Not geraten sind. Wenn der Vorstand des Arcandor-Konzerns, zu dem auch die Karstadt-Häuser gehören, nachweisen könne, dass die aufgetretenen Finanzprobleme wirklich nur auf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zurückzuführen sind, dann könnte laut Müller 80 Prozent der Bürgschaft der Bund übernehmen, das Saarland 20 Prozent für den Standort Saarbrücken.Spannend auch, wie die "Promis" selbst zu Karstadt stehen. Oberbürgermeisterin Charlotte Britz sagt unserer Zeitung, sie kaufe dort Kleidung und Lebensmittel, "weil das Kaufhaus so nah zum Rathaus liegt".Ministerpräsident Peter Müller verfolgt zwei Einkaufsstrategien. Ist die Frau dabei, entscheidet die. Alleine unterwegs ziehe es ihn schon mal in die Parfümerie-Abteilung, um ein Geschenk zu kaufen: für seine Frau. Heiko Maas hat sich bei Karstadt jüngst eine komplette Fahrrad-Ausrüstung gekauft und einen Laufdress. Rolf Linsler greift gerne auf Kleider und Lebensmittel aus diesem Haus zurück. Saar-DGB-Chef Eugen Roth baut seine "Haupt-Einkaufsmotivation" humorvoll in sein Grußwort ein. Und erntet spontan schallendes Gelächter aus der Menge: "Ich will auch weiter in die Kosmetikabteilung gehen." "Ich habe vor der Eröffnung die ersten Waren mit eingeräumt."Siegfried Konrad (77), ehemaliger Lagerhaus-Verwalter