| 22:17 Uhr

Gespräche sind vorerst beendet

Im ehemaligen Internat des Johanneums fanden die Missbräuche statt, die Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen. Foto: Heitz
Im ehemaligen Internat des Johanneums fanden die Missbräuche statt, die Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen. Foto: Heitz
Homburg. Bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle am ehemaligen Internat des Homburger Johanneums stockt es. Der Mann, der vermitteln sollte zwischen Betroffenen und dem Orden der Hiltruper Missionare, hat aufgegeben. Wie es jetzt weitergeht, ist völlig unklar. Von SZ-Redakteurin Ulrike Stumm

Homburg. Knapp zwei Jahre und acht Monate ist es nun her, dass die Missbrauchsfälle am ehemaligen Internat des Homburger Gymnasiums Johanneum bekannt wurden. Auch wenn es manchmal stiller geworden ist um die Betroffenen: Die Aufarbeitung war bislang noch in Gange, zumindest der Versuch, dies zu tun. Allerdings hat nun der eingesetzte Vermittler Professor Bernhard Haupert das Handtuch geworfen (wir berichteten). Er sollte zwischen dem Orden und einer Initiative von Betroffenen schlichten, allerdings seien ihm vom Anwalt eines Paters rechtliche Konsequenzen angedroht worden, hatte er selbst als Grund für seinen Rückzug angeführt. Hintergrund waren angebliche Äußerungen Hauperts aus den Schlichtungsgesprächen.Unklar ist jetzt, wie und ob es überhaupt weitergeht. "Wie ich mitbekommen habe", lehne die Initiative jede weiteren Gespräche mit dem Orden ab, sagte gestern Christoph Basler, Geschäftsführer der gemeinnützigen Schul-GmbH. Der Orden sei aber sicherlich bereit für weitere Gespräche, wenn die Gruppe auf ihn zukomme. Dies könne entweder mit einem neuen Mediator geschehen oder aber weiter mit Haupert, wenn dieser umgestimmt werden könne. Dieser habe seine Sache gut gemacht, unterstrich Basler. Der neue Provinzial der Hiltruper Herz-Jesu-Missionare, Martin Kleer, der auch Missbrauchsbeauftragter des Ordens ist, war gestern nicht zu erreichen, da er im Urlaub sei, hieß es aus Münster, dem Hauptsitz des Ordens.

Die Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg, die sich gegründet hat, um die Missstände auszuräumen und den Skandal aufzuarbeiten, reagiert verärgert. "Dies ist eine Verdrehung der Tatsachen", machte sie klar. "Dass wir nicht reden wollen, ist eine Reaktion auf das Verhalten des Ordens, der in keiner Weise bereit ist, irgendeine Form der Verantwortung zu übernehmen." Dieser bestehe auf zwei Einzeltätern und zehn Fällen. Zudem werde jedes Wissen über die Geschehnisse und das Fehlverhalten von Mitbrüdern abgestritten. Grundsätzlich könne eine Institution nicht ihr eigenes Fehlverhalten aufklären, zumal dann, wenn eine Aufklärung offensichtlich nicht in ihrem Interesse ist, so die Initiative.

Zwei Patres, die ihre Taten gestanden hatten, waren im Sommer kirchenrechtlich bestraft worden. Strafrechtlich sind die Taten aus den 70er und 80er Jahren allerdings verjährt. Die Initiative geht hingegen von bis zu 18 Betroffenen und bis zu acht "übergriffigen Ordensmitgliedern" aus. Auch Mediator Haupert hatte mitgeteilt, dass wohl einige weitere Ordensmitglieder als Täter in Betracht kämen, zumindest im Sinne von "pädagogischen Grenzverletzungen".

Komplett schlägt die Initiative die Tür aber noch nicht zu: Wenn wieder eine dritte Person vermittle und auch Befugnisse habe, dann könne es weitergehen. Andererseits fragten sich die Betroffenen schon: "Wie oft sollen wir unsere Berichte noch einschicken?" Das sei nämlich bereits an sehr vielen Stellen geschehen. Entschädigt worden seien vom Orden mittlerweile drei Personen, "die wir aber nicht kennen". Sie hätten ihre Berichte, den Richtlinien entsprechend eingereicht - aber an den Orden direkt.

Und wie wirken sich die neuerlichen Vorkommnisse auf das Johanneum aus? Sicherlich nicht gut, bestätigte Basler. Welche Faktoren allerdings letztlich maßgeblich waren für die Anmeldezahlen, sei schwer zu beurteilen. Diese waren bekanntlich fürs aktuelle Schuljahr regelrecht eingebrochen.

Am Homburger Johanneum sind zwar heute keine Patres mehr im Schuldienst tätig, das Internat wurde bereits vor vielen Jahren geschlossen. Der Orden ist aber bekanntlich nach wie vor über eine Stiftung Schulträger, und dieser Stiftung zur Seite steht die Schul-GmbH. Hier gibt es ebenfalls eine Personalie zu vermelden: Nachdem Martin Kleer Pater Werner Gahlen, der lange Jahre Schulleiter am Homburger Johanneum war, als Ordens-Provinzial abgelöst hat, habe Gahlen nun auch sein Amt als Geschäftsführer der Schul-GmbH niedergelegt. Gesundheitliche Gründe seien in beiden Fällen ausschlaggebend gewesen. Die Schul-GmbH werde nun allein von ihm als Geschäftsführer vertreten, erläuterte Christoph Basler, das sei nach der Satzung so möglich.

Meinung

Aufklärung auch für die Zukunft

Von SZ-RedakteurinUlrike Stumm

Eigentlich, so sollte man meinen, müssten annähernd drei Jahre ausreichen, um einen so haarsträubenden Missbrauchs-Skandal aufzuklären. Zugegeben, die Taten am ehemaligen Internat des Johanneums liegen mittlerweile viele Jahre zurück, doch keiner kann sich heute mehr darauf berufen, dass die Zeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen, zu knapp gewesen wäre. Es gibt, das ist vielleicht die gute Nachricht, zumindest an der ein oder anderen Stelle jemanden, der das Ausmaß dessen, was passiert ist, sieht. Der Orden gehört nicht dazu - er fährt weiterhin die Taktik, nur zuzugeben, was einfach nicht mehr zu leugnen ist. Er, nicht die Betroffenen, muss dafür sorgen, dass sich beide Seiten wieder miteinander unterhalten - über einen neutralen Dritten. Und er sollte endlich einsehen, dass es dabei nicht nur um die Vergangenheit geht. Für die Betroffenen ist das alles ein Teil ihres Lebens. Und es ist wesentlich für die Zukunft der Schule, die unter dem Starrsinn einiger ganz massiv leidet - ohne etwas dafür zu können.