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"Geschichte muss sichtbar bleiben"

Völklingen. Der Völklinger Stadtrat hat im Juni die Entscheidung vertagt, ob der Stadtteil Hermann-Röchling-Höhe umbenannt werden soll. Die Debatte aber geht weiter. Ein Argumentationsstrang betrifft die Alte Völklinger Hütte: Eine Umbenennung könne deren "Pufferzone" berühren, hatte Weltkulturerbe-Chef Meinrad Grewenig gewarnt. Wie wichtig sind der Stadtteil und sein Name fürs Denkmal? Es zähle vor allem, dass die Geschichte bekannt bleibe, sagt Josef Baulig, der Leiter des Landesdenkmalamtes. Von SZ-Redakteurin Doris Döpke

Völklingen. Wie frei ist der Völklinger Stadtrat bei Entscheidungen über Stadtplanung und Kommunalpolitik? Oder, anders herum: Wie weit schränkt die Tatsache, dass die Stadt eine Weltkulturerbe-Stätte besitzt - und als solche behalten will -, die Freiheit des Rates ein? Die Unesco, Kulturorganisation der Vereinigten Nationen, verlangt, dass künftig rund um jedes Welterbe eine so genannte Pufferzone ausgewiesen wird. Ziel: besserer Schutz fürs Welterbe. Damit es für die Nachwelt kenntlich bleibt, soll die Nachbarschaft Rücksicht nehmen auf die hohe Denkmal-Würde: keine formlose Schuhschachtel-Architektur neben dem Barockschloss; keine riskante Industrie neben dem sensiblen Biotop. Bezüge des Umfelds zum Denkmal sollen sichtbar bleiben, Modernisierungen die Geschichte durchscheinen lassen.Gilt das auch für die Hermann-Röchling-Höhe und ihren Namen? Nein und ja, sagt Josef Baulig, als Leiter des Landesdenkmalamtes zuständig für die - eben erst beginnende - Arbeit an der Völklinger Pufferzone. Nein, denn wegen der räumlichen Distanz hätten städtebauliche Veränderungen im Stadtteil "in gestalterischer Hinsicht weder positive noch negative Auswirkungen auf das Welterbe". Die Hermann-Röchling-Höhe sei bei der Ausweisung der von der Unesco geforderten Pufferzone nicht zu berücksichtigen, unabhängig davon, wie ihr Name denn nun sei. Andererseits: Die Namensgebung von 1956 sei ein historisches Ereignis, also "Bestandteil der Geschichte des Ortes". Das dürfe man nicht durch eine Namensänderung "absolut negieren", sonst drohe Geschichtsfälschung. Und: Für das Völklinger Welterbe sei die Ära Hermann Röchling "unverzichtbarer Bestandteil der Unternehmensgeschichte".

Dennoch macht sich Baulig nicht stark dafür, den jetzigen Namen beizubehalten, sieht ihn auch nicht als "ideellen" Teil der Pufferzone. Eine Änderung durch den jetzigen Stadtrat, "das akzeptiere ich", sagt er. Aber: "Die historische Tatsache muss bekannt bleiben", und sei es durch einen Zusatz auf dem Schild, der vermerke, dass von 1956 bis zum Tag X Hermann Röchling Namenspate war. Einfach zurückzukehren zum alten Namen "Bouser Höhe" - mit der Begründung, dass dieser Name ja zu Röchlings Zeit galt -, ist für Baulig keine Lösung: "Wir leben heute." Foto: Becker & Bredel

Foto: Iris Maurer

Hintergrund

Weltkulturerbe-Chef Meinrad Grewenig hatte im Juni an eine Forderung der Unesco erinnert: Rund um alle Welterbe-Stätten müssen künftig "Pufferzonen" ausgewiesen werden. Bei ihrer Gestaltung ist Rücksicht zu nehmen aufs Welterbe. Nach Grewenigs Ansicht hat Völklingens Stadtrat 1956 ein "immaterielles Denkmal" errichtet, als er der "Bouser Höhe" den Namen des - als Kriegsverbrecher verurteilten - früheren Hüttenchefs Hermann Röchling gab. Dieser Name beziehe sich auf die Alte Hütte, sei daher im ideellen Sinne der Pufferzone zuzurechnen - eventuell: Die Völklinger Pufferzone ist noch nicht definiert. dd

Umstrittener Stadtteilname Hermann-Röchling-Höhe. Foto: Jenal
Umstrittener Stadtteilname Hermann-Röchling-Höhe. Foto: Jenal
Josef Baulig
Josef Baulig
Meinrad Grewenig
Meinrad Grewenig