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Gerettetes Lebenswerk

Saarbrücken. Er war ein Vollständigkeits-Fanatiker. Für seine zweibändige "Illustrierte Geschichte Saarbrückens", die sein Lebenswerk werden sollte, sammelte der Ex-"Saarheimat"-Verleger Karl August Schleiden über 2000 Bilddokumente. Er investierte sein Privatvermögen, geriet in Finanznöte, bat vergebens um öffentliche Unterstützung Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. Er war ein Vollständigkeits-Fanatiker. Für seine zweibändige "Illustrierte Geschichte Saarbrückens", die sein Lebenswerk werden sollte, sammelte der Ex-"Saarheimat"-Verleger Karl August Schleiden über 2000 Bilddokumente. Er investierte sein Privatvermögen, geriet in Finanznöte, bat vergebens um öffentliche Unterstützung. So lag die Druckvorlage seines Vermächtnisses jahrelang beim Verleger Andreas Krüger (Dillingen) auf Eis. Bis ein Bericht in der Saarbrücker Zeitung vor rund einem Jahr auf den ungehobenen Schatz aufmerksam machte.


"Es kam Bewegung in die Sache", sagt Krüger, dem nach eigenen Angaben 30 000 Euro fehlen, die Schleiden ihm schuldete. Krüger berichtet von zahllosen Anrufen auf Grund des SZ-Artikels, dem Angebot einer ehemaligen Schleiden-Mitarbeiterin, unentgeldlich mitzuhelfen und davon, dass sich Kultusministerium und Stadt aktiv einschalteten. Im Februar 2009, rund sechs Wochen vor Schleidens Tod im Mai 2009, traf man sich bei Kultusministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), einigte sich auf folgende Lösung: Die Stadt sollte für 15 000 Euro Schleidens Bildarchiv erwerben, Saartoto ebenso 15 000 Euro aufbringen, der Verleger nach der Zahlung wieder ins Risiko gehen.

Und genau so kam und kommt es jetzt auch. Postum. Krüger wirbt bereits mit Flyern für Schleidens Lebenswerk, das Ende Oktober erscheint und auf 569 Seiten und mit 1500 Bildern die 1000-jährige Geschichte der Landeshauptstadt ausbreitet. Nicht nur für Wissenschaftler, sondern für alle, die ein Stück verlorene Bau- und Sozial-Geschichte wiederfinden wollen, meint die Leiterin des Saarbrücker Stadtarchivs Irmgard Christa Becker. "Das Buch zeigt Vorkriegs-Aufnahmen von Ecken, die es heute nicht mehr gibt", sagt sie. Nie publizierte Ansichten des später stark kriegszerstörten Alt-Saarbrückens hält sie für eine große Bereicherung. Ebenso die Dokumentation der Aufbau-Phase 1947-1958. Denn Schleiden habe für die "Illustrierte Geschichte" nicht nur auf das "Saarheimat"-Archiv und den Nachlass des Fotografen Otto Plattes zurückgegriffen - es ist das Material, das nun ins Stadtarchiv wandert -, sondern auch auf Fotos, die ihm Privatleute für sein Werk überließen und die er wieder zurückgegeben habe. Becker ist jetzt Besitzerin von sechs Kisten Bildmaterial, die aufgearbeitet werden müssen. Für die Leser hat Schleiden das erledigt, bis ins sublokale Detail. So wird es zukünftig für alle Spurensucher wohl heißen: "Schlag nach bei Schleiden...".



Illustrierte Geschichte Saarbrückens (Krüger Verlag, 69 Euro, ISBN 978-3-00-028569-1). Vorbestellung Tel.: (06831) 9750; bestellung@krueger-bookshop.de

Meinung

Gratulation zu

einer guten Tat

Von SZ-Redakteurin

Cathrin Elss-Seringhaus

Überraschung: Es gibt noch gute Nachrichten, die nicht an die Wahlkampf-Glocke gehängt werden. Geräuschlos haben sich die ewigen Streithähne Stadt und Land engagiert und geeinigt, um das einzig Richtige zu tun: Schleidens Buch auf den Markt zu bringen. Nicht, um ihm ein Denkmal zu setzen, auch nicht, weil revolutionär Neues über die Stadtgeschichte zu vermelden wäre. Sondern weil Schleidens Bilder-Schatz nicht weg-, sondern ausgepackt gehört. Bilder und Fotos ermöglichen gerade Laien eine unmittelbare Begegnung mit (Regional-)Geschichte. Also: Gratulation zu dieser Rettungsaktion.