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Zurück zu G9?
G8 oder G9: Was sagt die Wissenschaft?

G8 oder G9?
G8 oder G9? FOTO: dpa / Armin Weigel
Bildungsforscher Olaf Köller hält eine Rückkehr zu G9 für wenig sinnvoll: „Elternwille und Wissenschaft stehen beim Thema G8 im Widerspruch.“

Olaf Köller, Direktor des Kieler Leibniz-Instituts für Pädagogik, hat im Auftrag der Mercator-Stiftung alle belastbaren Studien zur Verkürzung der Gymnasialzeit analysiert. Dabei konnte er fast keine Nachteile von G8 feststellen.


Herr Professor Köller, Sie kommen in Ihrer Analyse zu dem Ergebnis: Eine Rückkehr zu G9 hätte keine positiven Effekte. Warum nicht?

KÖLLER Die Argumente, die gerne vorgebracht werden, sind, dass die Schüler stärker gestresst seien durch G8, dass sie weniger Zeit hätten, dass sie nicht so gut auf das Studium vorbereitet würden und dass ihre Leistungen deutlich schlechter würden. Für alle Faktoren gilt, dass empirische Studien keine Unterschiede zwischen G8- und G9-Schülerinnen und -Schülern zeigen.



Lassen Sie uns einige Argumente gegen G8 genauer betrachten: So wird etwa kritisiert, dass die Schüler nicht richtig auf ein Studium vorbereitet würden.

KÖLLER Die existierenden Schulleistungsvergleiche zwischen G8 und G9 zeigen, dass die Leistungsstände identisch sind. Die schlechte Vorbereitung der jungen Leute ist vor allem ein Phänomen, das wir in der Mathematik haben. Dass unsere Abiturienten Probleme in Mathematik haben, ist allerdings ein Befund, den wir schon Mitte der 90er Jahren festgestellt haben – damals gab es in Westdeutschland nirgends G8.

Oft wird auch kritisiert, dass die Schüler keine Zeit mehr hätten, persönlich zu reifen.

KÖLLER Auch da zeigen alle Indikatoren, für Persönlichkeit beispielsweise, dass G8- und G9-Schüler sich nicht signifikant unterscheiden. Man muss auch im Kopf haben, dass unsere G8-Schüler im Vergleich mit denen aus anderen OECD-Staaten relativ alt sind, wenn sie die Schule verlassen. Man würde mit solchen Argumenten unterstellen, dass in den meisten anderen OECD-Staaten die Schüler unreif die Schule verlassen. Das ist natürlich eine gewagte These.

Wie sieht es bei den schulischen Leistungen aus? Schneiden G8-Schüler schlechter ab als G9-Schüler?

KÖLLER Es gibt kein konsistentes Bild. Es gibt zum Beispiel eine Studie der Universität Tübingen, die kleine Vorteile der G9-Schüler gezeigt hat. Auf der anderen Seite gibt es eine Hamburger Studie, bei der die G8-Schüler ein bisschen besser abschnitten, vor allem in den Fremdsprachen. Wenn man die existierenden Studien zusammenfasst, kann man sagen, es gibt keine Evidenz dafür, dass die eine oder andere Beschulung Leistungsvorteile oder -nachteile erbrächte.

Auch der hohe Zeitdruck wird bemängelt. Sind G8-Schüler gestresster als G9-Schüler?

KÖLLER Man hat diese Frage anhand des Stresshormons Kortisol untersucht und festgestellt, dass es im Stresserleben keine Unterschiede zwischen G8- und G9-Schülern gibt. Auch in der Selbsteinschätzung des Stresses und bei den körperlichen Symptomen – Übelkeit, Schwindelgefühle, Kopfschmerzen – ist es verblüffend, wie hoch die Werte generell unabhängig von G8/G9 sind. Gymnasiasten berichten zu über 80 Prozent von solchen körperlichen Stresssymptomen – aber im G9 genauso wie im G8. Das heißt, das Gymnasium stresst die Schüler generell.

Aber die G8-Schüler haben ja ein Jahr weniger, um den gleichen Stoff zu lernen. Das heißt logischerweise, dass sie weniger Freizeit haben.

KÖLLER Ja, das ist das Einzige, wo die Ergebnisse auf einen möglichen Nachteil hinweisen. Die Freizeit muss natürlich abnehmen, wenn Schülerinnen und Schüler täglich eine halbe Stunde länger in der Schule sind. Interessanterweise schlägt sich die geringere Freizeit aber nicht darin nieder, dass sich die Jugendlichen seltener im Sportverein anmelden oder seltener ins Ausland gehen.

Jetzt ist es ja offenbar so, dass die Schüler trotzdem nicht früher in den Beruf starten, was das ursprüngliche Ziel von G8 war.

KÖLLER In der Tat hat sich das Verhalten der Schüler nach dem Abitur deutlich verändert. Das hat vielerlei Gründe: einmal der Wegfall der Wehrpflicht, aber auch, dass die Schüler das Jahr, das sie gewonnen haben, oft für Auslandsreisen oder ,Work and Travel’ nutzen, was ja für die Entwicklung der jungen Leute durchaus positiv sein kann. Die offene Frage, die keiner beantworten kann, ist, ob dieses Reiseverhalten der Jugendlichen von heute auf morgen weg ist, wenn man zu G9 zurückkehrt.

Einer Studie zufolge würden 80 Prozent der Eltern ihre Kinder lieber auf ein G9-Gymnasium schicken. Kann die Politik diesen deutlichen Willen der Bevölkerung ignorieren?

KÖLLER Das ist wirklich schwierig. Die Logik von Politik ist natürlich, dass man gewählt werden will und deshalb den Wählerwillen nicht ignorieren kann. Insofern stehen hier Elternwille und Wissenschaft ein bisschen im Widerspruch. Aber wenn man zu G9 zurückkehrt, muss man auch ehrlich sein und skizzieren, dass damit erhebliche Kosten verbunden sind. Für Bayern schätzt man die Kosten der G9-Rückkehr auf circa eine Milliarde Euro. Im Saarland wäre es weniger, aber sicherlich auch ein zwei- bis dreistelliger Millionenbetrag. Und wenn man sich überlegt, was das Ganze kostet, und die empirischen Studien zeigen, dass sich bei der Studierfähigkeit, beim Stresserleben et cetera nichts ändert, fragt man sich schon, warum man zum G9 zurückkehren sollte.

Würde eine Rückkehr nicht auch Unruhe ins Schulsystem bringen?

KÖLLER Ja, Schulen tut man generell keinen Gefallen damit, organisatorisch alles umzukrempeln. Es würden neue Lehrpläne und Fachanforderungen entstehen, Lehrerinnen und Lehrer müssten sich wieder neu mit Lehrplänen, Schulbüchern und Stundentafeln auseinandersetzen. In Schulen sorgt jede Reform eher für Unruhe.

Die Fragen stellte Nora Ernst

Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für Pädagogik
Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für Pädagogik FOTO: IPN / Britta Huening