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Fluglärm
Jets über Saarland länger in der Luft

Ein F-16 Kampfflugzeug startet. Eine Bürgerinitiative beklagt derzeit eine Zunahme des Fluglärms im Saarland.
Ein F-16 Kampfflugzeug startet. Eine Bürgerinitiative beklagt derzeit eine Zunahme des Fluglärms im Saarland. FOTO: dpa / Reiner Voß
Saarbrücken. Es gibt über dem Saarland nicht mehr Flüge als andernorts, aber die Jets sind hier länger in der Luft: 787 Stunden nämlich im vergangenen Jahr. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Seit Jahren donnern Kampfjets über die Köpfe der Saarländer hinweg, seit Jahren zerrt der militärische Fluglärm an ihren Nerven. In den vergangenen Wochen machten wieder viele Bürger ihrem Ärger Luft. Die Wut auf die Politik wächst, der Ton wird schärfer. „Ekelhaftes Gedröhne“, „unverschämte Belästigungen“ sind noch die harmloseren Formulierungen, die Betroffene auf der Website der Bürgerinitiative gegen Fluglärm, Bodenlärm und Umweltverschmutzung posten.


Auswirkungen auf den Tourismus hat der Krach aber offenbar noch nicht – eine Befürchtung, die Politiker von SPD und Grünen geäußert hatten. Grundsätzlich sei Lärm zwar ein wesentlicher Störfaktor im Urlaub, sagt Susanne Renk von der Tourismus Zentrale Saarland, aber: „Bei uns sind weder von Seiten der Hotellerie und Gastronomie noch von Gästen Beschwerden zum Fluglärm eingegangen.“

Bei einer Gästebefragung, die ein Jahr lang von 2016 bis 2017 lief, sei der Fluglärm ebenfalls nicht angesprochen worden. Auch Frank Hohrath, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands im Saarland, sind bisher keine Beschwerden zu Ohren gekommen.



Acht „Sonderlufträume“, sogenannte TRAs („Temporary Reserved Airspace“), gibt es über Deutschland, die für Übungsflüge vom Militär gebucht werden können. Der Großteil der Flüge entfällt auf die vier größten Gebiete: die TRA Allgäu im Süden Deutschlands, die TRA Weser und die TRA 401 VPA im Norden sowie die TRA Lauter über dem Saarland und der Westpfalz.

„Im Vergleich zum Vorjahr hat der Lärm in der TRA Lauter wieder zugenommen“, sagt Holger Marzen von der Bürgerinitiative. Besonders ärgert ihn, dass die Bundeswehr argumentiert, die Übungsflüge würden gleichmäßig auf die vier größten Lufträume verteilt.

Das trifft zwar zu, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Markus Tressel vom Juni zeigt: Auf die TRA Lauter entfielen im vergangenen Jahr rund 23 Prozent der Übungsflüge, auf die TRA Allgäu 22 Prozent und auf die TRA Weser sowie die TRA 401 VPA jeweils 21 Prozent.

Betrachtet man jedoch die Nutzungsstunden, liegt die TRA Lauter mit 787 Stunden deutlich vor den anderen, wo nur zwischen 402 und 558 Stunden geflogen wurde (siehe Grafik). Es gibt über dem Saarland also nicht mehr Flüge als andernorts, allerdings sind die Jets hier länger in der Luft. „Da wird eine gerechte Verteilung herbeigeredet, die keine ist“, ärgert sich Marzen. Auch Tressel hatte im Juni kritisiert: „Die Bundeswehr rechnet sich die Verteilung der Lärmbelastung schön.“

Marzen wirft der Landesregierung vor, „auf Tauchstation“ zu gehen statt sich für eine Reduzierung des Lärms einzusetzen. Untätig war die Landesregierung in der Vergangenheit nicht. 2016 setzte Innenminister Klaus Bouillon (CDU) immerhin eine „freiwillige Selbstbeschränkung“ der Bundeswehr und der alliierten Streitkräfte durch. Man einigte sich, die Flughöhe fallweise anzuheben, allerdings nur wenn dies keine „unverhältnismäßigen Auswirkungen auf den Übungs- und Ausbildungserfolg“ hat. Eine spürbare Entlastung brachte das nicht: 2017 wurde gerade einmal in fünf Prozent der Fälle die Flughöhe angehoben.

Deshalb sagt auch die Linken-Landtagsabgeordnete Barbara Spaniol, sie erkenne die Fortschritte zwar durchaus an, doch „so wie bisher kann es nicht weitergehen“. Sie ruft die Landesregierung dazu auf, ihre Kontakte in die Bundespolitik zu nutzen.

Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Magnus Jung fordert, die Landesregierung müsse nochmal bei Bundeswehr und alliierten Partnern vorstellig werden, um eine gleichmäßigere Verteilung zu erreichen. Das Bundesverteidigungsministerium hält daran fest, dass die Flüge nötig seien, um eine „kontinuierliche Einsatzvorbereitung für alle Streitkräfte sicherzustellen“, wie eine Sprecherin sagt. Man verfolge aber stets das Ziel, eine „annähernde Gleichverteilung“ auf die vier großen Übungsräumen sicherzustellen. Das sei aber nicht immer möglich. Verschiedene Faktoren spielten dabei eine Rolle: unter anderem die meteorologischen Bedingungen und die Entfernung vom Startflugplatz.

Die Landesregierung wiederum verweist darauf, dass ihr im Grunde die Hände gebunden sind, weil die Angelegenheit in der Verantwortung des Bundes liegt. Eine Sprecherin des Innenministeriums beteuert aber, dass man immer wieder das Gespräch suche und schon „deutliche Verbesserungen“ erzielt habe. Zuletzt setzte das Ministerium durch, dass die alliierten Streitkräfte freitags nur noch bis 13 Uhr fliegen dürfen statt bis 17 Uhr.

Ein Ende des Lärms ist nicht in Sicht – im Gegenteil. In der Antwort der Bundesregierung auf Tressels Anfrage heißt es: „In den nächsten Jahren wird grundsätzlich eine bundesweite Zunahme des militärischen Flugbetriebs erwartet.“