| 20:17 Uhr

Arbeitsmarkt
Fester Job im öffentlichen Dienst blieb ein Traum

Susanne Müller verlor ihre befristete Stelle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Lebach .
Susanne Müller verlor ihre befristete Stelle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Lebach . FOTO: BeckerBredel
Lebach/Eppelborn. Befristete Arbeitsverträge erschweren die Zukunftsplanung und nehmen Millionen Menschen die berufliche und private Perspektive. Von Stephanie Schwarz

Eine Familie gründen, ein Auto kaufen, ein Haus bauen oder einen Kredit beantragen: All das will als befristet Beschäftigter gut überlegt sein. Denn die Angst ohne Beruf und damit ohne finanzielle Grundlage zu enden, ist groß. So geht es auch der 41-jährigen Susanne Müller (Name von der Redaktion geändert) aus Eppelborn. Bis vor kurzem hat die alleinerziehende Mutter als Sachbearbeiterin befristet für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Lebach gearbeitet. Sie hatte einen „ohne Sachgrund“ befristeten Arbeitsvertrag. Dieser Zusatz ermöglicht es einem Arbeitgeber, seine Angestellten völlig ohne Angabe von Gründen befristet anzustellen und danach zu entlassen. Nun ist die gelernte Kauffrau arbeitslos und sucht einen neuen Job. Aber sie findet nur Stellen mit Befristung, etwa beim Jobcenter für ein Jahr: „Es ist schwer geworden, einen unbefristeten Job zu finden. Auf dem Arbeitsmarkt wartet keiner auf mich. Es gibt genug andere.“


Fast jeder neunte Beschäftigte in Deutschland ist laut einer Auswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nur befristet eingestellt. Das heißt: Rund 2,8 Millionen Menschen hatten 2016 in ihrem Vertrag ein Verfallsdatum stehen – etwa 8,5 Prozent. 1996 lag die Quote noch bei 4,6 Prozent. Besonders oft betroffen seien junge Menschen im Alter von 25 bis 34 Jahren. Insbesondere der Staat gibt hier ein schlechtes Bild ab. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wurden in der öffentlichen Verwaltung 2016 mehr als die Hälfte aller Bewerber – 55,7 Prozent – befristet eingestellt. Beim Bamf stehen sich 2000 unbefristete Stellen 3000 befristeten gegenüber, teilte eine Bamf-Sprecherin mit.

Dazu gehörte auch die 41-Jährige. Nach Auslauf des Vertrages habe das Ministerium ihre Stelle neu ausgeschrieben, zusammen mit weiteren befristeten Stellen, die in den vergangenen Monaten ausgelaufen seien. Daraufhin habe sich die alleinerziehende Mutter auf die selbe Stelle erneut beworben. Und wurde abgelehnt. „Man sagte mir, bei einer sachgrundlosen Befristung muss ich drei Jahre warten, bis ich mich erneut auf eine befristete Stelle beim Bund bewerben kann.“ Die 41-Jährige kann diese Regelung nicht nachvollziehen: „Wir waren in unserem Job fit, hätten bei einer Vertragsverlängerung direkt weiter arbeiten können. Die neu Eingestellten müssen erst einmal eingearbeitet werden. Das ist eine Sauerei.“ Man sagte ihr ebenfalls: Sie könne sich jederzeit auf unbefristete Jobs in der öffentlichen Verwaltung bewerben. Aber die hätte sie beim Bundesamt noch nicht gefunden, sagt Müller.



Um die Zahl der befristeten Verträge zu begrenzen, wurde Folgendes im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD festgehalten: Die Dauer von Verträgen ohne Sachgrund solle auf 18 statt bisher 24 Monate begrenzt werden. Dazu kommt: Arbeitgeber mit mehr als 75 Beschäftigten dürften nur noch maximal 2,5 Prozent der Belegschaft sachgrundlos befristen. Damit will die neue große Koalition Befristungsketten am Arbeitsplatz verhindern. Klingt erst einmal gut. Ketten sind jedoch bei sachgrundlosen Befristungen gar nicht möglich. Diese entstehen gewöhnlich bei Befristungen mit Sachgrund. Beispiele für einen solchen Sachgrund sind: „vorübergehender Bedarf“ oder „Befristung im Anschluss an eine Ausbildung oder ein Studium“. In der öffentlichen Verwaltung ist der Sachgrund in vielen Fällen an befristete Mittel aus dem Haushalt gekoppelt. Das gibt der öffentlichen Hand die Möglichkeit, die Befristung immer weiter zu verlängern, sagt Christian Scholz, Professor für Personal- und Informationsmanagement an der Saar-Universität in Saarbrücken.

Befristete Verträge, egal ob mit oder ohne Sachgrund, sind für den Staat ein „bequemes Instrument“, anstatt vorausschauend zu planen, sagt Scholz weiter. „Die öffentliche Verwaltung könnte eine Personalbedarfsprognose erstellen. Aber das ist mit Arbeit verbunden. Die sachgrundlose Befristung macht es dem Staat einfacher, Menschen bei Bedarf einzustellen und wieder zu entlassen.“ Angeblich seien es die Arbeitnehmer die keinen unbefristeten Vertrag wollen, sondern ein flexibles Arbeitsleben vorziehen – das behaupten jedenfalls Wirtschaft und Politik, sagt Scholz. „Flexibilität – heute hier leben und in zwei Jahren woanders – eine Ideologie, die vor allem der jüngeren Generation angedichtet wird.“ Die Realität sehe jedoch anders aus: „Auch junge Leute, genauso wie ältere Menschen, wollen Struktur und Sicherheit in ihrem Leben. Der Ruf nach Flexibilität wurde nicht durch die Jugend ausgelöst, sondern durch die Globalisierung und die wirtschaftlich-liberal ausgelegte Politik.“