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Bundeswehr
„Fallschirmjäger wollen kämpfen“

 Der stürzende Adler ist das Symbol der Fallschirmjägertruppe. Die Soldaten tragen dieses Abzeichen an ihrem bordeauxroten Barett. 
Der stürzende Adler ist das Symbol der Fallschirmjägertruppe. Die Soldaten tragen dieses Abzeichen an ihrem bordeauxroten Barett.  FOTO: Kirch
Saarbrücken. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel sieht in der Traditionsdebatte auch einzelne Wehrmachtssoldaten als Vorbilder.
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

An dieser Stelle kam am 12. Juli der Militärsoziologe Detlef Bald mit seiner Kritik an der Traditionspflege der Fallschirmjäger zu Wort. Diese Truppengattung ist vor allem in unserer Region präsent: mit der Luftlandebrigade 1, der einzigen der Bundeswehr, und ihren Standorten in Saarlouis, Merzig, Lebach, Zweibrücken und Seedorf (Niedersachsen). Eine andere Auffassung als Detlef Bald vertritt der Potsdamer Militärhistoriker Professor Sönke Neitzel, der in den Jahren 2010/11 den Lehrstuhl für westeuropäische Geschichte an der Saar-Uni vertrat.


Herr Neitzel, welche Rolle spielt die Wehrmacht heute noch für die Tradition der Bundeswehr, speziell in der Fallschirmjägertruppe?

NEITZEL Generell spielt die Wehrmacht eine viel geringere Rolle als noch in den 1990er Jahren. Das ist weit in den Hintergrund gerückt, auch durch eine neue Generation von Soldaten und durch die Kampfeinsätze in Afghanistan. Bei den Fallschirmjägern spielt die Wehrmacht wahrscheinlich noch mit die größte Rolle. Aber auch dort ist sie längst nicht mehr so präsent wie noch in den 1990er Jahren.



Können die Fallschirmjäger der Wehrmacht ein Vorbild für heutige Fallschirmjäger sein?

Neitzel Für bestimmte Bereiche können sie meines Erachtens natürlich Vorbild sein. Es ist allen klar, dass damals die Fallschirmjäger in Kriegsverbrechen verwickelt waren. Aber wir können die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nicht nur auf Verbrechen reduzieren, auch wenn sie natürlich ein ganz wichtiger Punkt sind. Die entscheidende Frage ist: Welche Vorbilder gebe ich heute einem Hauptfeldwebel und Zugführer der Fallschirmjäger an die Hand?

Die Bundeswehr verweist auf die preußischen Reformer, den militärischen Widerstand gegen Hitler und auf die eigene Geschichte.

NEITZEL Das ist ja alles richtig und gut. Aber was soll ein Fallschirmjäger-Zugführer, der in Mali in den Einsatz geht, bitteschön konkret mit den preußischen Reformern verbinden? Was folgt denn für die Truppe in Mali aus dem Widerstand gegen das Dritte Reich? Das ist doch reichlich abstrakt. Die soziale Realität der Fallschirmjäger im Saarland ist: Kämpfen. Dafür sind sie ausgebildet, das sollen sie im Ernstfall auch tun. Dafür sollte man ihnen auch Vorbilder zugestehen.

Und wer kann das sein? Die Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht als Ganzes sicher nicht.

NEITZEL Völlig einverstanden, aber der einzelne Fallschirmjäger der Wehrmacht kann Vorbild sein, und zwar auch und gerade in seinem militärischen Handwerk, auch wenn manche Militärsoziologen, Politiker und Journalisten das nicht zugestehen wollen, weil es in ihren Referenzrahmen nicht recht reinpasst. Wir müssen gewissermaßen artgerechte Vorbilder finden. Dazu gehören die preußischen Reformer, der militärische Widerstand und die eigene Geschichte, zum Beispiel das Karfreitagsgefecht von Isa Khel oder die Operation „Halmazag“, gewiss dazu. Aber im Traditionsmix würde ich immer auch Elemente aus der Zeit vor 1945 und auch von der Wehrmacht sehen.

Welche Leistungen der Fallschirmjäger der Wehrmacht wären denn traditionsstiftend?

NEITZEL Die Eroberung des belgischen Sperrforts Eben Emael könnte man nennen. Auch die Eroberung von Maleme auf Kreta war aus der Graswurzel-Perspektive betrachtet natürlich eine große Leistung.

Die Fallschirmjäger haben danach griechische Zivilisten ermordet.

Neitzel Das ist richtig, aber die allermeisten Fallschirmjäger, die über Kreta abgesprungen sind, haben gewiss keine Zivilisten ermordet. Der Stoßtruppführer oder der Spähtruppführer von damals entsprechen in ihrer sozialen Realität des Kampfes durchaus dem, was auch heute ausgebildet wird.

Der Militärsoziologe Detlef Bald hat an dieser Stelle sinngemäß argumentiert: Man darf die Person eines Soldaten nicht aufspalten und sich das, was einem für das Traditionsverständnis passt, herausgreifen – während man problematische Dinge ignoriert.

NEITZEL Doch, das kann man und das machen wir ja auch ständig. Man nimmt sich den Widerstand heraus und ignoriert, was Henning von Tresckow, einer der Mitverschwörer vom 20. Juli 1944, sonst gemacht hat. Man nimmt bei den preußischen Reformern die Wehrpflicht bewusst heraus und ignoriert, dass Scharnhorst und andere natürlich keine Demokraten waren, sondern glühende Franzosen-Hasser und Monarchisten. Das Hauptproblem, das die Bundeswehr hat, zumindest auf höherer Ebene, ist, dass sie den Kampf immer herausdekliniert. Der Widerstand und die Heeresreform sind einer Zivilgesellschaft vermittelbar. Aber es ist nur schwer vermittelbar, dass etliche Soldaten Vorbilder haben wollen, die besonders gut gekämpft haben.

Warum brauchen Soldaten, nehmen wir mal die Fallschirmjäger, überhaupt Vorbilder?

NEITZEL Soziale Gruppen bilden Identitäten, und zu den Identitäten gehören auch Vorbilder. Das beste Beispiel sind Fußball-Fanclubs: Warum gibt es denn dort eine Kaskade von Fahnen, Abzeichen und Gesängen? Es geht um Gruppenkohäsion. Gerade bei den Kampftruppen wie den Fallschirmjägern spielt die soziale Kohäsion eine ganz, ganz wichtige Rolle.

Ist es aus Ihrer Sicht ein Problem, dass diese soziale Realität außerhalb des Militärs kaum verstanden wird?

NEITZEL Das ist in der Tat ein Problem. Man muss diese sozialen Realitäten ja nicht teilen, aber man muss versuchen, sie mit ihren Logiken zu verstehen, wie man zum Beispiel auch versuchen sollte, andere soziale Gruppen zu verstehen, Pfarrer, Diplomaten oder Politiker. Wir können unsere soziale Realität mit unseren Vorstellungen, die wir meinetwegen an der Uni pflegen, nicht eins zu eins auf die Kultur einer Fallschirmjägerkompanie übertragen. Die Kulturen von gesellschaftlichen Gruppen unterscheiden sich natürlich und das ist so lange nicht weiter schlimm, solange wir dieselben Grundwerte teilen. Und da habe ich bei den Fallschirmjägern gar keine Bedenken. Akzeptieren müssen wir freilich, dass sie kämpfen wollen. Wenn sie das nicht wollten, hätten sie ja auch den falschen Beruf.

 Sönke Neitzel  war 2010/11 Geschichts­professor  an der Saar-Uni.
Sönke Neitzel war 2010/11 Geschichts­professor an der Saar-Uni. FOTO: ©Kai Bublitz / Kai Bublitz