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Saarbrücken ist Amphetamin-Hochburg
Experten rätseln über Drogen im Abwasser

„Erschreckend“ nennt Stephan Kolling (CDU), Gesundheits-Staatssekretär und Drogenbeauftragter, die Ergebnisse.
„Erschreckend“ nennt Stephan Kolling (CDU), Gesundheits-Staatssekretär und Drogenbeauftragter, die Ergebnisse. FOTO: dpa / Christian Charisius
Saarbrücken. Nirgendwo konsumieren die Deutschen so viel Amphetamin wie in Saarbrücken. Eine Langzeitstudie soll neue Erkenntnisse liefern. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Saarbrücken – eine Drogen-Hochburg? Dieser Schluss lag nahe, als im März die Ergebnisse einer europaweiten Studie bekannt wurden. Demnach wurde in keiner anderen deutschen Stadt so viel Amphetamin im Abwasser gefunden wie in Saarbrücken. Europaweit landete die Stadt damit sogar auf Rang 3.


„Erschreckend“ nennt Stephan Kolling (CDU), Gesundheits-Staatssekretär und Drogenbeauftragter, die Ergebnisse. Um auszuschließen, dass es sich bei der Studie, die nur eine Woche lang lief, um einen „Einmaleffekt“ handelte, hat das Land nun gemeinsam mit dem Entsorgungsverband Saar (EVS) eine Langzeituntersuchung in Auftrag gegeben. Fünf Wochen lang wird an vier Kläranlagen im Saarland jeweils dienstags und freitags Wasser entnommen, das an der Universität Dresden analysiert wird. Mit Ergebnissen rechnet man im Herbst.

Bei der Frage, warum im Saarland so viel Amphetamin konsumiert wird, können selbst die Experten nur Vermutungen anstellen. Die Clubdichte im Saarland sei besonders hoch, meint Kolling. Amphetamin hat eine aufputschende Wirkung und kursiert als „Speed“ oder „Pep“ auch als Partydroge.



Der EVS hatte schon 2014 eine eigene Untersuchung durchgeführt, in Städten ebenso wie auf dem Land. Dabei fand man in Städten wie Saarbrücken und Neunkirchen zwar mehr Amphetamin, „aber dass auf dem Land die Welt noch in Ordnung ist, kann man nicht sagen“, so Ralf Hasselbach vom EVS. Auch dort stießen die Experten auf Amphetamin im Abwasser.

Deutlich wurde auch, dass die Drogen nicht überwiegend am Wochenende genommen werden. „Es ist nicht so, dass Amphetamine vor allem am Samstag konsumiert werden, damit die Party kracht“, sagt Hasselbach, sondern eben auch unter der Woche, was den Verdacht nahelegt, dass die Drogen zur Leistungssteigerung genommen werden. Laut Karin Berty, im Gesundheitsministerium zuständig für Suchtkrankenhilfe, sind Amphetamine vor allem an Industriestandorten verbreitet und bei Menschen, die auf der Arbeit lange durchhalten müssen.

Die Zahl der Drogentoten im Saarland hat in den vergangenen Jahren immer traurigere Dimensionen angenommen. Waren es 2014 noch acht, zählte das Landespolizeipräsidium im vergangenen Jahr bereits 29 Menschen, die an Drogen starben. In diesem Jahr sind es bislang zwölf. Eine Studie der Universität des Saarlandes legt nun den Schluss nahe, dass es an der höheren Reinheit der Drogen liegen könnte.

In den Jahren 2015 und 2016 stellten die Rechtsmediziner bei sichergestelltem Heroin einen Wirkstoffgehalt von annähernd 50 Prozent fest. In den Vorjahren hatte er noch bei rund 20 Prozent gelegen. „Das sieht man dem Material aber nicht an“, sagt Rechtsmediziner Andreas Ewald. Nimmt der Abhängige die gleichen Mengen wie gewohnt zu sich, kann es schnell zu einer Überdosis kommen.

Dass so viele Menschen im Saarland an Drogen sterben, liegt der Studie zufolge auch daran, dass viele gleichzeitig verschreibungspflichtige Medikamente nehmen: Neuroleptika, Antidepressiva und Antiepileptika. „Die Gefahr von Wechselwirkungen steigt und damit auch das Risiko, dass es fatal endet“, sagt Ewald. Viele der Drogentoten seien in ärztlicher Behandlung gewesen. Gesundheits-Staatssekretär Kolling will nach der Sommerpause Gespräche mit der Ärztekammer führen.

Auffallend ist auch: Zwischen 2014 und 2015 stieg die Zahl der Erstkonsumenten von 227 auf 323 – eine Steigerung um 42 Prozentpunkte. Woran das liegt? „Eine gute Frage“, sagt Ewald. Es gebe immer Schwankungen. Die Zahl habe auch schon mal bei über 500 gelegen. Kolling zufolge hängt dies immer auch mit der Verfügbarkeit von Drogen zusammen. Er sieht auch einen „Zusammenhang zwischen jungen Flüchtlingen und Drogenhandel“. Näher dazu äußern wollte er sich nicht, verwies stattdessen auf die Studie des Instituts für Therapieforschung, die das Nutzerverhalten untersucht und deren Ergebnisse im Herbst vorliegen sollen.

1,5 Millionen Euro gibt das Land laut Kolling für die Drogen- und Suchthilfe aus. Der Staatssekretär will die Suchthilfe nun auf neue Beine stellen. Notwendig sei eine stärkere Vernetzung der Hilfsangebote zwischen den einzelnen Landkreisen, aber auch den Bundesländern: „Wir brauchen Hilfepläne, die nicht an Landkreisgrenzen und Kostenzusagen unterschiedlicher Träger scheitern.“ Ein bundesweites Gesetz könnte dafür den Rahmen schaffen und für mehr Rechtsklarheit sorgen. Das Saarland werde im Gesundheitsausschuss des Bundesrates einen entsprechenden Antrag einbringen.