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Nach Pleite und Gefängnisstrafe
Vom inhaftierten Firmenchef zum Vorarbeiter

Für 3,5 Millionen Euro soll am Saarbrücker Eurobahnhof der Rohbau des Gebäudes entstehen, in das später das Jugendamt und das Sozialamt des Regionalverbandes einziehen sollen.
Für 3,5 Millionen Euro soll am Saarbrücker Eurobahnhof der Rohbau des Gebäudes entstehen, in das später das Jugendamt und das Sozialamt des Regionalverbandes einziehen sollen. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Eine Saarbrücker Gesellschaft musste einen Bau-Großauftrag an den billigsten Bieter vergeben. Dort mischt ein alter Bekannter mit. Von Michael Jungmann
Michael Jungmann

Das Urteil der Wirtschaftsstrafkammer am Saarbrücker Landgericht gegen den früheren Völklinger Bauunternehmer M. lautete 2014 auf vier Jahre und sechs Monate Haft, unter anderem wegen Betrugs, Diebstahl, Brandstiftung und Korruption. Mittlerweile ist der 41-Jährige, um dessen Ex-Firma sich ein Insolvenzverwalter kümmern muss, wieder auf freiem Fuß und offenbar in der Baubranche wieder ein gefragter Mann. Seine Großbaustellen wie früher das Millionenprojekt „Stadtmitte am Fluss“  oder der Neubau der Inneren Medizin an der Homburger Universitätsklinik hatten vor Jahren noch den Staatsanwalt auf den Plan gerufen.


Jetzt ist der Völklinger wieder für einen öffentlichen Bauherren aktiv, allerdings als Vorarbeiter, Maurer und Baggerfahrer, wie sein Anwalt erklärt. Das Unternehmen MBG, das am Saarbrücker Eurobahnhof den Zuschlag für den Rohbau eines Verwaltungsgebäudes erhalten hat, gehört offiziell seiner Ehefrau. Anwalt Professor Guido Britz: „Wenn mein Mandant jetzt bei der Firma MBG, die seiner Ehefrau gehört, tätig ist, ist das Teil seiner Resozialisierung.“ Offiziell steht der Mann noch unter Bewährung.

Wie aber kommt eine junge und bis dahin in der Branche unbekannte Firma an den Auftrag mit einem Volumen von rund 3,5 Millionen Euro allein für den Rohbau? Bauherr ist die GIU, Gesellschaft für Innovation und Unternehmensförderung. Sie gehört der Stadt Saarbrücken. In das Verwaltungsgebäude, das komplett mit 14 Millionen Euro kalkuliert ist, sollen später das Jugendamt und das Sozialamt des Regionalverbandes Saarbrücken einziehen.

GIU-Geschäftsführer Jürgen Schäfer: „Wir mussten das Projekt europaweit ausschreiben.“ Die Völklinger Firma hat sich beworben und lieferte das günstigste Angebot ab. Da Zweifel existierten, ob das Projekt zuverlässig gestemmt werden könne, wurde das Unternehmen aber im ersten Anlauf ausgeschlossen. Eine Beschwerde der GmbH bei der Vergabekammer des Saarlandes war dann erfolgreich. Nach Angaben von Schäfer musste die GIU den Auftrag erteilen. Sogar eine Bürgschaft über 350 000 Euro für den Fall des Vertragsausfalls wurde vorgelegt.

Die Großbaustelle am Eurobahnhof sorgt zwischenzeitlich für Wirbel in der Branche, weil der 41-Jährige  vor Ort kräftig mitmischt. Beobachter glauben zu wissen, dass der Vorbestrafte, der derzeit kein Unternehmen leiten kann, vor Ort die Fäden zieht und auch in der Hand hat. Seine Mittagspause soll der angebliche Vorarbeiter zumindest gelegentlich in einem italienischen Nobelrestaurant verbringen.



Bauherr Schäfer bestätigt, dass der Völklinger selbst vor Ort Präsenz zeigt. Sicher nicht nur deshalb steht die Baustelle, die bislang voll im vorgegebenen Zeitplan sei, bei der GIU unter verschärfter Beobachtung. Täglich werde das Bautagebuch kontrolliert. Der Auftraggeber will demnach genau wissen, welche Arbeiter vor Ort eingesetzt werden. Schäfer: „Das kontrollieren wir selbst.“ Die Firma habe eine Tariftreue-Erklärung unterzeichnen müssen. Auch Verbleib und Verwendung des Bauaushubs wurden vorgeschrieben und überprüft.

Und betoniert werden darf erst, wenn ein Statiker und ein Sondergutachter vom TÜV die vorgeschriebene Verwendung von Baustahl überprüft  haben. Bei früheren Großbaustellen der jetzt insolventen Firma soll es da zu Problemen gekommen sein. Bis jetzt lief nach Schäfers Angaben die Baustelle, die seit mehr als zwei  Monaten in Betrieb ist, jedenfalls problemlos.