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Interview Eva Mendgen
„Europa ist nicht mehr die Priorität“

Luxemburg. Saarländische Kunsthistorikerin sieht noch viel Nachholbedarf bei der Entwicklung der Großregion. Am Wochenende Treffen in Luxemburg. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

In Luxemburg treffen sich an diesem Wochenende Bürger und Kulturschaffende aus der Großregion, um eine gemeinsame Zukunftsvision zu entwickeln. Aus dem Saarland nimmt die Kunsthistorikerin Eva Mendgen teil. Im heutigen Stand der Dinge sieht sie großen Nachholbedarf.


Frau Mendgen, wie gut sind Kulturschaffende in der Großregion miteinander vernetzt?

MENDGEN Als die Großregion 2007 zur europäischen Kulturhauptstadt wurde, haben sich viele neue Gruppen gebildet, die tatsächlich heute noch zusammenarbeiten. Es besteht also heute noch eine Basis, auf der man aufbauen kann. In den vergangenen Jahren wurden viele Netzwerke geschaffen auf verschiedenen Ebenen. Jetzt wird es darum gehen, diese Netzwerke miteinander zu verknüpfen. Ich meine damit, dass zum Beispiel Menschen, die Wirtschaftsnetzwerken angehören, sich auch mit Akteuren in Kulturnetzwerken verbinden. Denn es ist oft schwer für grenzüberschreitende Projekte Partner in der Politik und in der Wirtschaft zu finden. 2007 waren alle durch den europäischen Rahmen gezwungen, sich Partner jenseits der nationalen Grenzen zu suchen, weil man für die gemeinsamen Projekte sonst keine Finanzierung bekommen hätte. Das hat seitdem stark abgenommen.



Warum hat sich die Lage so entwickelt und werden seitdem so wenig konkrete Projekte fortgesetzt?

MENDGEN Ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Ich denke, es verhält sich vielleicht ein bisschen wie Europa. Heutzutage meinen viele, dass wir die europäische Idee nicht mehr brauchen. Wir haben jetzt sehr lange Frieden gehabt und sind erst in den letzten Jahren wieder an Grenzen gestoßen. Außerdem gibt es einen Generationenwechsel. Vielleicht hat sich die Generation, die sich stark für europäische Ideale engagiert hat, nicht genug Mühe gegeben, diese an die junge Generation weiterzugeben. Allgemein gibt es auch zu wenig Neugierde, was Kultur angeht. Jeder setzt sein eigenes Projekt um, ohne mögliche Kooperation zu berücksichtigen. Europa ist nicht mehr die Priorität und vieles scheitert leider an diesem Tunnelblick.

Hat sich aus saarländischer Sicht mit der Einführung der Frankreich-Strategie die Lage verbessert?

MENDGEN Auch wenn die bilateralen Beziehungen wichtig sind, denke ich da eher großregional. Die Strategie ist als Rahmen ganz gut, aber die Großregion ist das, was wir wirklich brauchen. Das Saarland ist nicht nur Teil von Deutschland und ein Nachbar Frankreichs, sondern hat eine Tradition in der kulturellen Zusammenarbeit zum Beispiel mit Luxemburg oder Wallonien... Außerdem ist unser Bundesland sehr reich an interkulturellen Erfahrungen und Akteuren. Darum geht es auch bei der Veranstaltung in Luxemburg, um ein Kulturkonzept für die Großregion zu entwickeln.

Mehr Infos zur Veranstaltung unter /www.grossregion.net/Veranstaltungen/2018/Einladung-zur-Diskussionstagung-Kultur-Arbeit-Emanzipation

Das Gespräch führte Hélène Maillasson