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Interview zu Esperanto
„Es wäre vieles sehr viel einfacher“

Die internationale Kunstsprache Esperanto ist einfach zu erlernen. Es gibt nur wenige Regeln. Nach Angaben des Deutschen Esperanto-Bundes sprechen weltweit etwa zwei Millionen Menschen die Sprache.
Die internationale Kunstsprache Esperanto ist einfach zu erlernen. Es gibt nur wenige Regeln. Nach Angaben des Deutschen Esperanto-Bundes sprechen weltweit etwa zwei Millionen Menschen die Sprache. FOTO: picture-alliance/ dpa / Uwe Anspach
Saarbrücken. Der Vorsitzende des Esperanto-Bundes wirbt in der Saarbrücker Jugendherberge für die Vorzüge der Sprache. Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

An der Europa-Jugendherberge in Saarbrücken treffen sich derzeit eine Woche lang rund 200 Esperanto-Sprecher. Mit dabei ist auch der Vorsitzende des Deutschen Esperanto-Bundes, Ulrich Brandenburg. Der 67-jährige ehemalige Diplomat war bis zu seiner Pensionierung 2016 unter anderem deutscher Botschafter bei der Nato, in Russland und in Portugal. Er ist einer der wenigen Esperanto-Muttersprachler in Deutschland.


Herr Brandenburg, wie wird man zum Esperanto-Muttersprachler?

BRANDENBURG Ich bin als Baby und als Kleinkind nicht gefragt worden. Mein Vater hat nach dem Krieg – wie viele andere auch – Esperanto gelernt. Seine Motivation war: Nie wieder Krieg und ein Interesse an internationalen Kontakten, die 1945/46 nicht so selbstverständlich waren. Meine Geschwister und ich sind zweisprachig aufgewachsen. Aber wir sind kein Einzelfall. Es gibt inzwischen weltweit ungefähr 1000 Menschen, die Esperanto als Muttersprache gelernt haben



Warum sollte man heute überhaupt noch Esperanto lernen?

BRANDENBURG Es ist eine Sprache, die man sehr schnell lernen kann. Sie hat nur wenige Regeln und keine Ausnahmen. Man kann Wörter nach dem Baukasten-System neu bilden. Es macht einfach Spaß, und es ist eine sehr interessante und nette Gemeinschaft von Leuten weltweit, die Esperanto sprechen.

Wünschen Sie sich, dass Esperanto auch an den Schulen eine Rolle spielen soll?

BRANDENBURG Es wäre sehr gut, wenn an den Schulen die Möglichkeit angeboten würde, sich darüber zu informieren, dass es Esperanto gibt, was es ist und wie es funktioniert. Die weitergehende Forderung wäre, Esperanto zumindest als Wahlfach anzubieten. Im nächsten Jahr läuft ein von der EU finanziell unterstütztes Schulexperiment in Kroatien und Ungarn an, bei dem Esperanto als Vorstufe zu anderen Fremdsprachen unterrichtet wird. Das Argument ist: Wenn man Esperanto lernt, fällt es viel leichter, andere Fremdsprachen zu lernen. Das ist richtig, diese Erfahrung habe ich selbst gemacht.

Es gibt aber sonst keinen gesellschaftlichen Nutzen – oder?

BRANDENBURG Es gibt keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen. Nur wenige verdienen Geld damit. Es gibt aber gelegentlich Möglichkeiten, Esperanto beruflich zu nutzen.

Haben Sie es als Diplomat beruflich nutzen können?

BRANDENBURG Nicht sehr viel. Allerdings gibt es unter den Diplomaten prozentual wahrscheinlich mehr Esperanto-Sprecher als in der Bevölkerung im Allgemeinen. Ich kenne einige Kollegen, mit denen ich ab und zu über dienstliche Dinge in Esperanto gesprochen habe.

Wäre die Welt friedlicher, wenn sich alle in einer Sprache unterhalten könnten?

BRANDENBURG Das war die Vorstellung von Esperanto-Begründer Ludwik Zamenhof, der vor 100 Jahren gestorben ist: Wenn die Leute sich untereinander verstehen, ist zumindest eine Konfliktursache beseitigt. Dass das nicht die einzige Konfliktursache ist, ist klar. Aber es wäre vieles sehr viel einfacher in der Welt, wenn es eine einfache, leicht zu lernende Sprache gäbe, in der sich alle verständigen.

Zamenhof hätte sich gewiss mehr Esperanto-Sprecher gewünscht. Die Zahl ist überschaubar.

BRANDENURG Es sind mehr, als man gemeinhin annimmt. Die Schätzungen gehen von bis zu zwei Millionen Menschen weltweit aus, die Esperanto mal gelernt haben. Einige Hunderttausend nutzen es mehr oder weniger regelmäßig. Das sind mehr als bei kleinen Nationalsprachen. Die Esperanto-Version von Wikipedia liegt auf Platz 32. Die dänische Version wird zum Beispiel weniger oft genutzt.

Die Fragen stellte
Daniel Kirch.

Der ehemalige Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg, ist Chef des Deutschen Esperanto-Bundes.
Der ehemalige Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg, ist Chef des Deutschen Esperanto-Bundes. FOTO: Esperantoland