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Interview Andreas Nachama
„Es sollte auch einen Rassismus-Beauftragten geben“

Der Rabbiner Professor Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin.
Der Rabbiner Professor Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. FOTO: Thomas Seeber/EKIR / Thomas Seeber
Berlin. Antisemitismus-Beauftragte sind auch auf Landesebene sehr wichtig, sagt der Rabbiner Andreas Nachama. Aber sie könnten nicht alle Probleme lösen. Von Silvia Buss

Im Januar hat der Bundestag die Einführung eines Antisemitismus-Beauftragten beschlossen. Während der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn das für eine ‚gut gemeinte, aber völlig naive Bürokratenidee‘ hält, hat sich Rabbiner Professor Andreas Nachama, dafür ausgesprochen, auch auf Landesebene einen solchen Beauftragten zu bestellen.


Warum brauchen wir Antisemitismus-Beauftragte in Deutschland?

NACHAMA Naiv wäre zu glauben, dass ein Antisemitismus-Beauftragter die Probleme alle wegschafft. Wir brauchen ihn auf Bundes- wie Landesebene, um die Programme gegen Antisemitismus, die in den verschiedenen Ministerien, Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung, in Kirchen und an anderen Stellen laufen, zu koordinieren. Und er ist wichtig hauptsächlich auch, um Betroffenen einen Weg zu zeigen, was man tun kann, etwa wenn an einer Schule plötzlich Antisemitismus auftaucht. Wer hat denn dann mal eben Mittel und Wege parat, um den Leuten Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen?

Es gibt ja bereits sehr viele Programme, etwa Schulen ohne Rassismus. Trotzdem gibt es auch an Schulen Antisemitismus. Brauchen wir mehr, brauchen wir bessere Programme?

NACHAMA Wir haben uns in der Kommission des Deutschen Bundestages ja mit all diesen Fragen beschäftigt. Natürlich gibt es hier und dort Programme und hier und dort auch erfolgreiche Wege. Aber es ist eben doch nicht so, dass man sagen kann, die Dinge sind nicht unproblematisch oder sie bedürften nicht einer Koordination. Es entstehen auch neue Bedarfe. Die Stiftung Topographie des Terrors hat seit März 2017 einen Mitarbeiter, der Programme in arabischer Sprache und Farsi für Geflüchtete entwickelt. Wir werden dafür noch einen zweiten Mitarbeiter einstellen. Meiner Ansicht nach lassen sich diese Programme erfolgreich an. Aber würde es einen Antisemitismus-Beauftragten geben, könnte der zum Beispiel mal Evaluierungen starten, könnte diese Dinge zusammentragen, damit sie sich schneller verbreitern als wir das können.



Wie ist es mit anderen Gruppen, die über Diskriminierung klagen, zum Beispiel Sinti und Roma, die auch in der Nazizeit verfolgt wurden. Sollten die auch einen Beauftragten bekommen?

NACHAMA Gerade was Sinti und Roma anbelangt, habe ich das in der Stiftung Topographie des Terrors auch immer im Blick. Ich bin auch mit der Landesvorsitzenden der Sinti und Roma im ständigen Kontakt. Das sind am Ende ähnliche und doch andere Fragen. Rassismusbeauftragte sind noch mal etwas anderes. Das sollte es auch geben, weil ich der Meinung bin, es gibt auch einen gegen Geflüchtete gerichteten Rassismus. Aber das kann man nach meinem Dafürhalten nicht auf der gleichen Ebene abhandeln. Wenn man diese Geschichte hier oder auch die Europas sieht, dann ist Antisemitismus noch mal eine andere Dimension und sollte anders bekämpft werden.

Vorstellbar ist, dass man eines Tages, wenn die verschiedenen Bedrohungszenarien nachlassen und die Programme erfolgreich sind, man nur noch einen braucht, der die Dinge zusammenführt. Am liebsten wäre es mir, wenn man eines Tages weder über Rassismus, noch über Antisemitismus noch über Antiislamismus reden müsste, sondern alle drei einfach verschwunden wären. Aber das wird noch eine Weile dauern.

Die Fragen stellte Silvia Buss