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PCB-Belastung
„Es besteht kein Grund zur Panik“

In Fischbach wird unter der Brücke (Quierschieder Straße) Grubenwasser in den Fishcbach eingeleitet.
In Fischbach wird unter der Brücke (Quierschieder Straße) Grubenwasser in den Fishcbach eingeleitet. FOTO: Robby Lorenz
Saarbrücken. Toxikologe sieht in PCB-Belastung saarländischer Flüsse keine lebensbedrohliche Gefahr. Opposition attackiert Umweltminister Jost.

Angesichts der Grenzwertüberschreitungen des Umweltgifts PCB (Polychlorierte Biphenyle) in drei saarländischen Flüssen hat der Toxikologe Professor Dieter Schrenk vor Panikmache gewarnt. „Es besteht kein Grund zur Panik“, erklärte der Leiter der Fachrichtung Lebensmittelchemie und Toxikologie an der Technischen Universität Kaiserslautern gegenüber unserer Zeitung. Würde man „in den betroffenen Flüssen etwa barfuß herumwaten, wäre das eine nur minimale Belastung und unbedenklich“, so der Toxikologe.


Professor Dieter Schrenk.
Professor Dieter Schrenk. FOTO: Dieter Schrenk

Das in den Gewässern nachgewiesene PCB 52 (typisch für den Bergbau) zähle zudem zu der Familie der nicht-dioxinartigen PCBs. „Diese sind in hoher Dosis bei Versuchsratten krebsfördernd. Beim Menschen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aber nicht. Es gibt keine ernstzunehmenden Hinweise für eine krebserregende Wirkung von PCB 52 beim Menschen“, erklärte Schrenk. Abraten würde der Wissenschaftler vorsichtshalber jedoch von einem regelmäßigen Verzehr der dort lebenden Fische. Vom Verzehr fettreicher Fische wie große Weißfische oder Welse rät das saarländische Umweltministerium offiziell bereits seit dem Jahr 2012 ab.

Laut Schrenk nimmt der Mensch täglich ohnehin in geringen Mengen PCB über fettreiche Nahrung auf. Bei einer 60 Kilogramm schweren Person seien dies etwa 600 Nanogramm am Tag. Theoretisch würde jemand, der jeden Tag einen Löffel voll Sediment (Ablagerungen im Flussbett) aus dem belasteten Fischbach esse, „auf die Größenordnung der Belastung kommen, die ich ohnehin schon aus der Nahrung habe“.

Eine Untersuchung des saarländischen Umweltministeriums hatte ergeben, dass der Grenzwert für PCB in Sinnerbach, Fischbach und in der Rossel deutlich überschritten wird (wir berichteten). In alle drei Flüsse wird direkt oder indirekt Grubenwasser eingeleitet. PCB war unter anderem in Hydraulikölen enthalten, das bis Ende der 80er Jahre unter Tage eingesetzt und dort teilweise zurückgelassen wurde. PCB zählt zu den zwölf als dreckiges Dutzend bekannten organischen Giftstoffen und wurde 1989 in Deutschland und 2001 weltweit verboten. PCB haftet sich an Schwebstoffe an.



Zulässig in Gewässern sind 20 Mikrogramm pro Kilo Schwebstoff. Im Fischbach betrug der Wert im vorigen Jahr jedoch 153 Mikrogramm, im Sinnerbach waren es rund 53 Mikrogramm. Das Umweltministerium hat den Bergbaukonzern RAG verpflichtet, bis Jahresende ein Konzept vorzulegen, wie die Grenzwertüberschreitungen abzustellen sind (für die Belastung der Rossel soll Frankreich verantwortlich sein).

Das Umweltministerium teilte gestern auf SZ-Anfrage mit: „Eine konkrete Gesundheitsgefährdung für den Menschen durch PCB besteht weder bei Sinner- und Fischbach noch bei der Rossel oder bei einem Besuch der Wassergärten in Reden.“ Auch das Trinkwasser sei nicht gefährdet. Dieses werde zu 100 Prozent aus den Grundwasservorkommen gewonnen – und „das Grundwasser fließt in die Bäche und Flüsse und nicht umgekehrt“. Entsprechend seien auch an die Gewässer angrenzende Gärten und dort gezogenes Gemüse „nicht gefährdet“. Die sogenannten Umweltqualitätsnormen, „die in der öffentlichen Diskussion oft als Grenzwerte bezeichnet werden, beziehen sich allein auf die im Wasser lebenden Organismen (Fische, Würmer, Insekten, Schnecken etc.)“, hieß es.

Nach Ministeriumsangaben wurden Sinnerbach und Fischbach erstmals 2006 und 2007 auf die Auswirkungen des Grubenwassers hin untersucht. 2010/11 wurde das Ausmaß der PCB-Belastung dann bilanziert. Einen entsprechende Studie stellte der damalige Umwelt-Staatssekretär Klaus Borger (Grüne) vor.

Grüne, Linke und FDP forderten den heutigen Umweltminister Jost (SPD) unterdessen auf, die Einleitung des Grubenwassers unverzüglich zu stoppen oder dieses zu filtern. Eine entsprechenden Antrag will die Linke nächste Woche in den Landtag einbringen. Jost müsse zudem sicherstellen, dass kein PCB in die Nahrungskette des Menschen gelange. „Ein weiteres Unterlassen könnte auch strafrechtlich relevant sein“, erklärte Grünen-Landschef Markus Tressel.

Axel Schäfer von der RAG teilte der SZ gestern mit: „13 Millionen Kubikmeter Grubenwasser umzulenken oder eine Fliteranlage zu entwickeln und zu bauen, geht sicher nicht von heute auf morgen.“ Es gebe bislang auch nur „Überlegungen“ über Methoden zur PCB-Reduzierung.