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Erinnerungen an einen Mord

Eine private Aufnahme aus dem Sommer 1943 vom Lager im Völklinger Schulzenfeld: Russinnen füllen vor dem Tor ihre Strohsäcke mit frischem Stroh. Die Sollbelegung betrug 1420 Personen, darunter 772 Frauen. Foto: Sammlung Hubert Kesternich
Eine private Aufnahme aus dem Sommer 1943 vom Lager im Völklinger Schulzenfeld: Russinnen füllen vor dem Tor ihre Strohsäcke mit frischem Stroh. Die Sollbelegung betrug 1420 Personen, darunter 772 Frauen. Foto: Sammlung Hubert Kesternich
Völklingen. Über 200 Menschen starben in der Zeit des Zweiten Weltkriegs während ihrer Zwangsarbeit bei den Röchling-Werken. An sie erinnert die Ausländergedenkstätte auf dem Völklinger Waldfriedhof. Auf dem Gedenkstein findet sich auch der Name Nina Kolos. Laut Liste des Friedhofsamtes wurde die Russin nicht einmal 18 Jahre alt Von SZ-Redakteur Bernhard Geber

Völklingen. Über 200 Menschen starben in der Zeit des Zweiten Weltkriegs während ihrer Zwangsarbeit bei den Röchling-Werken. An sie erinnert die Ausländergedenkstätte auf dem Völklinger Waldfriedhof. Auf dem Gedenkstein findet sich auch der Name Nina Kolos. Laut Liste des Friedhofsamtes wurde die Russin nicht einmal 18 Jahre alt. Als offizielle Todesursache ist bei ihr "Zertrümmerung des Schädels" ausgewiesen, als Todesdatum der 16. August 1942.Der Inschrift auf dem Gedenkstein hat unversehens Gestalt gewonnen. Über die Internetseite der Stadt hat Werner Schiel (74), ein früherer Völklinger, der in Brüssel lebt, von der Aktion Stolpersteine erfahren. Schiel war damals, als Nina Kolos ums Leben kam, vier Jahre alt und in Begleitung seines Großvaters Ludwig Menzler in der Nähe des so genannten Russenlagers im Völklinger Schulzenfeld unterwegs. Und er sagt heute: "Ich habe dieses Ereignis noch wie einen Film vor Augen. Da war eine Ansammlung von Leuten. Mein Großvater sah, wie einer der Hüttenwächter mit dem Gewehrkolben auf eine Frau einschlug. Mein Großvater schlug daraufhin auf einen der Wächter ein und wurde festgenommen. Ich lief weinend nach Hause." Er und sein Großvater wohnten in Nähe des Schulzenfeldes, in der Etzelstraße.


Soweit sich Schiel erinnert, kam sein Großvater unbeschadet davon - wohl auch deshalb, weil der Vorfall den Nazi-Schergen selbst politisch zu peinlich wurde. Doch zu verschweigen war er nicht mehr. Er wurde 1948 auch im Kriegsverbrecherprozess in Rastatt gegen Hermann Röchling vorgetragen. Aus den den damaligen Aussagen und den verfügbaren Akten ergibt sich folgender Ablauf: Die Russinnen hatten im Lager Schlange gestanden, um ihre Suppe zu holen. Eine Köchin ging vorbei und schlug eine Russin. Diese schlug zurück, gab der Köchin eine Ohrfeige. Daraufhin rief die Köchin den Werksschutz. Dieser kam mit mehreren Leuten und nahm die Russin mit. Sie wurde dann mit Gewehrkolben totgeschlagen. "Ich sah, wie die Leiche in den Sarg gelegt wurde", sagte ein französischer Zwangsarbeiter als Zeuge im Röchling-Prozess.

Werner Schiele hat sich an Caroline Conrad, Sprecherin des Aktionsbündnisses Stolpersteine in Völklingen, gewandt. Conrad geht nun davon aus, dass es sich bei dem Opfer um Nina Kolos handelte. Schiel hat angeregt, einen Stolperstein für diese junge Russin zu setzen. > Seite C 3: Weiterer Bericht



Hintergrund

Im Völklinger Stadtgebiet erinnern bereits sieben Messingtafeln in Gehsteigen vor ihren früheren Wohnhäusern an Opfer der Nazizeit. Den nächsten dieser so genannten Stolpersteine will nun das Völklinger Aktionsbündnis am Montag, 18. März, neun Uhr, in der Bahnhofstraße 4 in Luisenthal verlegen. Es handelt sich hier um das frühere Haus von Dr. Rudolf Fromm. Dieser beliebte jüdische Arzt war in der Reichspogromnacht im November 1938 aus Luisenthal vertrieben worden und dann ins KZ Dachau gekommen. er