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Er will doch nur blödeln

Saarbrücken. Privates gibt er nicht so gerne preis. Dass er sich gerne mit dem Essen oder Schach beschäftigt, dass er freiberuflicher Übersetzer ist - dies erfährt man erst spät. Geburtstag haben, gar noch darüber zu reden, das ist ihm doch sehr "unangenehm", sagt er und verzieht das Gesicht. So, als habe er gerade etwas sehr Saures gegessen Von SZ-Redakteurin Ulrike Paulmann

Saarbrücken. Privates gibt er nicht so gerne preis. Dass er sich gerne mit dem Essen oder Schach beschäftigt, dass er freiberuflicher Übersetzer ist - dies erfährt man erst spät. Geburtstag haben, gar noch darüber zu reden, das ist ihm doch sehr "unangenehm", sagt er und verzieht das Gesicht. So, als habe er gerade etwas sehr Saures gegessen. Statt über die Tatsache, dass er heute 80 wird, spricht er lieber über sein Projekt, den Wahlkampf der anderen Art.Mitten auf dem MarktDie Rede ist vom Saarbrücker Aktionskünstler Wolfgang Will. Seine, wie er sie nennt, "agitatorische Parodie", sorgte in der Landeshauptstadt schon vor Jahren für Aufsehen. Einst schuf Will das "Forum Dicker Hund". Und legte los mit seiner speziellen Politik-Sicht. Er bezeichnete sich als "Wahlkampfmanager" namens "Dr. K. Odie", führte Dauerwahlkampf mit mehreren (inzwischen verstorbenen) Rottweilern, die auf die Namen Barnabas, Juanita I und II hörten. Und damit auch möglichst viele auf seine tierischen Kandidaten und deren Botschaften aufmerksam wurden, platzierte sich der ungewöhnliche Doktor auf dem St. Johanner Markt in der Nähe des Brunnens. Samt vierbeinigen Wahlkampfkandidaten, eigens entworfenen Wahlplakaten und Hinweisen auf das Grundsatzprogramm "Fressen, Saufen, Sex". Diese und andere Provokationen, auch transportiert in einem Magazin, brachten dem skurrilen Saarbrücker nicht nur viel Erstaunen ein, sondern auch Ärger. Unerlaubtes Führen eines akademischen Titels warf man ihm schließlich vor Gericht vor. Das Ganze endete in der Berufungsverhandlung mit einem Freispruch. Das war 1996. Will blickt auf die Zeit vor dem befreienden Urteil zurück: "Das hat mich geärgert, dass man mich nicht blödeln ließ." Den Wahlkampf führt Wolfgang Will, der sich im wahren Leben als "parteipolitisch neutral" bezeichnet, weiter. Einziges Zugeständnis an sein höheres Alter: Er wird nicht mehr ganz so oft wie früher am Markt zu finden sein, sagt er. "Vermutlich so drei Wochen vor der Kommunalwahl wird es losgehen, ich schätze, dass ich etwa zwölf Mal vor dieser ersten Wahl auftreten werde." Erstmals wird es übrigens keinen lebendigen Wahlkampfkandidaten geben, sondern vielleicht einen Roboterhund, oder, was wahrscheinlicher ist, ein Symboltier aus Plastik. Letzteres zierte bislang den Garten des Künstlers und wird noch gestrichen, so Will. Er fügt, ganz Wahlkampfmanager, hinzu: "Die echte Juanita III ist unterwegs. Sie ist aber noch zu unreif für den Wahlkampf."Bissiges und SpottDie Plakate - über 200 hat er aus Plastik mit Klebetechnik gefertigt, nummeriert und mit "Echtheitszertifikat" versehen - wird Will noch den aktuellen Gegebenheiten anpassen. Bissiges und Spott an den bestehenden Verhältnissen wird es hierauf sicherlich wieder geben. "Manche, zum Beispiel zum Thema Steuerzahlen, sind auch zeitlos." Der Aktionskünstler weiß, wie es wieder laufen wird: "Unendlich oft werden die Leute fragen, was das soll." Dann wird er vom "Forum Dicker Hund" erzählen und, dass man sich an die tierische Vorsitzende wenden soll. Das rufe Unglauben hervor, zuweilen auch Lacher, sagt der Doktor, der das Bildnis seines ersten "Kandidaten", Barnabas, um den Hals trägt: "Wenn die Leute über das Ganze diskutierten, dann bin ich froh." Wolfgang Will, ein Weltverbessererer? Nein, so will er sich selbst gar nicht gesehen wissen. Er wolle provozieren, mystifizieren. Und blickt - typisch für ihn - ganz ernst, als er sagt: "Der Verdacht besteht, dass ich wirklich nur blödele."