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Er war der Manager des städtischen Umbruchs

Oberbürgermeister Peter Neuber mit Amtskette und seiner berühmten Fliege. So kannte man ihn. Fotos: Willi Hiegel (4)/privat
Oberbürgermeister Peter Neuber mit Amtskette und seiner berühmten Fliege. So kannte man ihn. Fotos: Willi Hiegel (4)/privat
Zuletzt hat ihm der Herrgott noch eine längere Zeit gewährt, als ihm die Mediziner vor drei Jahren prophezeit hatten. Jetzt aber war es für Peter Neuber Zeit geworden, zu gehen. Von SZ-Mitarbeiter Gerd Meiser



Abschied hatte er schon lange genommen, hatte seinen Trauergottesdienst und seine Beerdigung selbst vorbereitet und den Monolith für sein Grab persönlich in Polen ausgesucht. All das, was es aktuell über Peter Neubers langes Abschiednehmen in seiner schweren Krankheit zu berichten gäbe, ist typisch für den "Pflichtmenschen" Neuber. Er, der "keineswegs fröhlich war", stets dem "Lübecker Dom näherstand als der Trierer Basilika" und dennoch die "saarländische Mentalität schätzen und lieben" gelernt hat, zeigte auch in diesen letzten Jahren in seinem schweren Krebsleiden Tapferkeit, Beharrungswillen, Durchsetzungsvermögen und emotionale Stärke.

Mit diesen Tugenden (allerdings auch mit Schwächen) hat er sich auch in seiner Neunkircher Zeit dargestellt.

Oberbürgermeister Peter Neuber war ein Sonderfall für Neunkirchen. Dabei lief nicht alles rund in seiner Neunkircher Zeit. Die saarländische, beziehungsweise Neunkircher Mentalität stand quer zu der Lebensart des norddeutschen Protestanten und seiner Familie. Die Neunkircher Parteipolitik mit ihren Winkelzügen lag ihm nicht. Das "Durchwurschteln", für ihn ein "sympathisches Talent des Saarländers", musste er erst lernen. Sein knallhartes, offenes Wort im Rathaus, im Nebenzimmer der Parteikneipe oder auch auf privater Bühne, verärgerte und verletzte manchen in seinem Umfeld. Auch über sein Grab hinaus wird der eine oder andere in Neunkirchen Peter Neuber keine Träne nachweinen, viele andere aber werden es tun. Neuber wusste nicht, in welche Turbulenzen er geraten würde, als er vom Bonner Venusberg zum Neunkircher Hüttenberg wechselte.

Zwischen den bieder-bürgerlichen Häusern in Neunkirchen war die Luft rauer als zwischen den Villen der Bonner Anhöhe, wo Neuber als Leiter des Referates "Durchführung des Städtebauförderungsgesetzes" tätig war. Unmittelbar nach seiner Ankunft in der Stadt der Kohle und des Stahles musste der damals 38-Jährige tiefe Wunden heilen, die der Handstreich einer Gruppe aus Genossen, aus CDU- und FDP-Mitgliedern während der OB-Wahl ein Jahr zuvor partei- und fraktionsintern geschlagen hatte. Der Ministerialrat im Bundesministerium für Städtebau, Raumordnung und Bauwesen musste auch schneller als erwartet seine Bonner Beziehungen nutzen, um die Stadt, in der er nun die Nummer eins war, vor dem Untergang zu retten. Denn das der gesamten Region Arbeit spendende Eisenwerk geriet kaum ein Jahr nach dem Regierungsantritt Neubers in eine wirtschaftliche Schieflage. Rat und Verwaltung mussten wenige Jahre später die Verschrottung genehmigen.

Nur ein Walzwerk konnte im Verlauf dramatischer Rettungsbemühungen von Gewerkschaften, Parteien und verschiedener Persönlichkeiten erhalten werden. "Das Eisenwerk war die größte Herausforderung meiner Amtszeit", hat er zu seinem Abschied von Neunkirchen im SZ-Interview versichert. Der dadurch notwendig gewordene Stadtumbau war gleichzeitig die Antwort auf die große Herausforderung Eisenwerk.

Zum Glück hatte der Jurist eine gute Mannschaft um sich, zu der neben CDU-Bürgermeister Ewald Groß, sein späterer Nachfolger Friedrich Decker, Hauptamtsleiter Gerd Bund, Kämmerer Erich Klee, Beigeordneter Wilfried Heidenmann und andere gehörten. Dazu kam ein Stadtrat, in dem alle Fraktionen im Interesse der von Medien bereits tot geschriebenen Stadt an einem Strang zogen. Kommunale Restrukturierung, die gemeinsamen Anstrengungen, Neunkirchen "auf das Gleis zu bringen", konnte Neuber nach seinem Weggang als Erfolg definieren. Auch den Umbau des Kolpinghauses zum Bürgerhaus, Einrichtung von Fußgängerzonen, Bau von Umgehungsstraßen und so weiter fielen in seine Ägide. Vor allem die Ansiedlung des heutigen Saarpark-Centers war ein Erfolgskapitel in Neubers Ära. Bauliche Verbesserungen in sozialen Problemgebieten schlugen ebenfalls zu Buche. Es wurde hart gearbeitet. Nie verlangte Neuber von seinen Mitarbeitern mehr, als er von sich selbst gefordert hat. Dem Rathaus aber klebte niemand mehr in Neunkirchen das Attribut "Schlafhaus" an die Fassade.

Die Amtskette legte der "große Zampano", wie die Lokalpresse Neuber taufte, ebenfalls gerne an. Den Empfang prominenter Personen und Einweihungsfeierlichkeiten konnte er zelebrieren. So wurde er beispielsweise vom DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zum seltenen Interview anlässlich der Leipziger Messe gebeten. 1987 war er selbst Gastgeber im Bürgerhaus für den SED-Generalsekretär bei dessen historischem Besuch in der Bundesrepublik. In dieses Kapitel passte auch die Organisation der Städtepartnerschaft mit Lübben, die zweite in der Reihe dieser historischen Partnerschaften zwischen Gemeinden der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik. Zuvor aber hatte Neuber sich auch um die Partnerschaft mit Mantes-la-Ville gekümmert. Doch dem gebürtigen Berliner (Wilmersdorf) standen zwangsläufig die Niederlausitzer näher als die Menschen aus der Ile de France.

Mehrfach wurde es Neuber zu viel in Neunkirchen. Er wollte Neunkirchen verlassen. Seinen harten Stuhl im saarländischen Rathaus hätte er gerne mit dem Chefsessel im Kieler Verwaltungsgebäude vertauscht. Das Vorhaben ging schief. Ebenso der Abwahlversuch einer Gruppe von Parteifreunden, die mit seinem menschlichen Führungsstil nicht mehr einverstanden waren. Der Versuch misslang, weil die Öffentlichkeit frühzeitig davon erfuhr und sich hinter den kantigen Neuber stellte.

1990 kam der Stabwechsel mit Friedrich Decker, der sich in enger Zusammenarbeit mit Neuber die Sporen verdient hatte. "Die Herberge" Neunkirchen war Neuber zwar "fast zur Heimstatt" geworden. "Aber", so verriet er in einem SZ-Gespräch, "am Ende ist es mir lang geworden, weil ich nichts mehr als Herausforderung ansehen konnte", begründete der im Volk als "Miggepitt" recht bekannte Oberbürgermeister. Der fast liebevoll gemeinte Neckname "Miggepitt" wurde bundesweit von den Medien aufgenommen. Dieser "Kriegsname" bezieht sich darauf, dass Neuber statt des in der ehemaligen Hüttenstadt unter Arbeitern verschrienen Schlipses, das Markenzeichen der Elitären, die "Fliege", trug.

Mit "Fliege" bilanzierte Neuber vor seinem Abschied: "Ich bereue nichts. Ich würde es wieder tun. Wir haben versucht, tiefer zu pflügen. Uns aber erging es wie in der Bibel, einiges fiel auf den Fels und verdorrte."

Die Neunkircher aber verloren nach 1990 Neuber aus den Augen und aus dem Sinn. Bis auf die Radsportler des Vereins "Blitz" in Bexbach, seine Neunkircher Freunde, unter ihnen Verleger Hans-Egon Lutz und Friedrich Decker und gute Bekannte, die dem Ex-OB die Treue hielten, auch während der schweren Krankheit. Sie war plötzlich während einer Bergwanderung des rüstigen Siebzigers in Österreich ausgebrochen.

Nach seiner Neunkircher Zeit aber war Neuber 1990 in Hannover Staatssekretär im Finanzministerium geworden. Er kam noch einmal in die Medien, als ihn Oskar Lafontaine für den Posten des Finanzdirektors der Dillinger Hütte vorschlug. Nach einem politischen Streit schied er aus den Landesdiensten Hannovers als Staatssekretär aus und verwaltete von Hannover aus für ein Krankenhauskonsortium Immobilien, darunter Honeckers Wandlitz, bis er als Alleingeschäftsführer der Landesnahverkehrsbetriebe Hannover in den Ruhestand ging. Leerlauf hat es im Leben des Peter Neuber nie gegeben.

Stets bot ihm seine Familie mit Ehefrau Elke, Tochter und zwei Söhnen in guten und in schlechten Tagen Halt.

Vieles wäre noch zu berichten aus den Neunkircher Jahren des Peter Neuber, von großen Radtouren, handfesten Stammtischereignissen, von kulturellem Geschehen der besonderen Art, von seinen Freund- und Feindschaften, auch mit Oskar Lafontaine, von seiner Impulsivität, seiner manchmal nur schwer zu ertragenden Wortgewalt und Konfliktbereitschaft. Als er 1990 Neunkirchen verließ, sagte er nicht ohne Traurigkeit in der Stimme, sarkastisch: "Nun werden sie den Hut vor einem anderen ziehen." Auch wenn Peter Neuber mit dieser Feststellung recht hatte, sei festgehalten: Ohne einen Peter Neuber in den Jahren 1975 bis 1990 wäre Neunkirchen nicht einmal mehr das, was es heute immer noch ist, eine Stadt, in der Bürger und Bürgerinnen leben können.


Zum Thema:

Zur PersonName: Peter Hartmann Neuber. Geboren: 13. März 1937 in Berlin-Wilmersdorf. Ausbildung: Jurist. Familienstand: Verheiratet, drei Kinder. Werdegang: 1967 bis 1969 im Niedersächsischen Landesdienst. 1969 bis 1975 im Bundesdienst, unter anderem Ministerialrat im Bundesbauministerium und Leiter des Referates Durchführung des Städtebauförderungsgesetzes. Von 1975 bis 1990, Oberbürgermeister der Kreisstadt Neunkirchen. Als solcher in zahlreichen Funktionen tätig. 1990 bis 1994, Staatssekretär im Niedersächsischen Finanzministerium. 1994 bis 1996, Leiter einer Immobilienverwaltung eines Krankenhauskonsortiums des Landes Niedersachsen. 1996 bis 2001 Alleingeschäftsführer der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen. Dann Ruhestand.Freizeit: Sehr kultureller Mensch, als solcher vielseitige Interessen, leidenschaftlicher Radsportler, begeisterter Skatspieler, Neuber liebte Reisen und Wanderungen, er war ein Freund der Toscana. gm

Neuber kannte keine Angst vor großen Tieren.
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Der Umbau des Bürgerhauses fiel in Neubers Ära.
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Prominenz in Neunkirchen (v.l.) Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Peter Neuber und Ministerpräsident Oskar Lafontaine.
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Neubers großes Hobby war das Radfahren.
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