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Stiftung Weisser Ring
Entführungsopfer wirbt für Weissen Ring

Jürgen Lennartz (CDU), Chef der Staatskanzlei, Peter Gillo (SPD), Regionalverbandspräsident, Margarita von Boch, Kinderhilfe Saar, Richard Oetker, Gerhard Müllenbach (CDU) und Eugen von Boch bei dem Benefiz-Dinner.
Jürgen Lennartz (CDU), Chef der Staatskanzlei, Peter Gillo (SPD), Regionalverbandspräsident, Margarita von Boch, Kinderhilfe Saar, Richard Oetker, Gerhard Müllenbach (CDU) und Eugen von Boch bei dem Benefiz-Dinner. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Unternehmer Richard Oetker berichtete bei einem Benefiz-Dinner im Saarbrücke Schloss über seine Opferrolle in der Mitte der 1970er-Jahre. Von Udo Lorenz

Mit vorgehaltener Pistole entführt, dann zwei Tage lang in einer unter Strom gesetzten kleinen Holzkiste gefangen gehalten und schließlich schwer verletzt gegen Zahlung von 21 Millionen DM (10,7 Millionen Euro)  Lösegeld freigelassen: Der aus dem Bielefelder Oetker-Lebensmittelimperium kommende Unternehmer Richard Oetker war als junger Mann im Jahr 1976 Opfer eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Kriminalgeschichte. Als heute 67-Jähriger kam er am Wochenende - links und rechts gestützt auf zwei Gehstöcke - ins Saarbrücker Schloss, um dort bei einem Benefiz-Dinner als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Stiftung Weisser Ring für die Arbeit des gemeinnützigen Opferhilfevereins und seiner Stiftung zu werben.


Zwischen den drei Gängen eines vom saarländischen Sterne-Koch Alexander Kunz kreierten und mit Livemusik umrahmten Menüs, dessen Erlös (75 Euro pro Person) vollkommen der Stiftung zufloss, schilderte Oetker in einem unter die Haut gehenden 40-Minuten-Vortrag noch einmal detailreich seine Entführungsgeschichte. Diese reichte bis hin zur Festnahme des Entführers Dieter Zlof zwei Jahre nach der Tat und der späteren Entdeckung eines Großteils des Lösegeldes. Entführer Zlof war damals zunächst in einem reinen Indizienprozess zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Nach Verbüßung dieser Strafe hatte er 1997 - beobachtet von einem Undercover-Agenten - in einem kleinen Londoner Absteige-Hotel versucht, 12,4 Millionen DM Lösegeld zu „waschen“. Dabei war er erneut verhaftet und nochmals zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Ein großer Rest des Millionen-Lösegeldes wurde in Koffern mit 1000-DM-Scheinen von Würmern zerfressen in einer Waldschneise zwischen München und Bad Aibling gefunden.

„Ich hatte als Opfer das große Glück die Familie, einen Freundeskreis und die Firma im Hintergrund zu haben, aber viele andere Kriminalitätsopfer haben das nicht. Das war für mich der Grund, Mitte der 1980er Jahren in den Weissen Ring einzutreten“, betonte Oetker im SZ-Gespräch. Inzwischen führt er die 2014 ins Leben gerufene Stiftung,  die mit den bislang eingeworbenen zwei Millionen Euro laut Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer aktuell dabei ist, die Arbeit des Opferhilfe-Vereins abzusichern und eine Akademie zur Schulung der Mitarbeiter einzurichten. Zudem wurde gerade erst ein Forschungsbericht über die Belastung von Opfern in Strafverfahren erstellt und für die vielen Stalking-Opfer ist eine später als Beweissicherung dienende Handy-App in Vorbereitung, die im September ans Netz gehen soll.



Gegründet wurde der Weisse Ring bereits 1976 in Mainz von Fernsehjournalist Eduard Zimmermann („Aktenzeichen XY...“). Im Saarland wird er seit zwei Jahrzehnten vom früheren Innen-Staatssekretär Gerhard Müllenbach als Vorsitzendem geführt und zählt neben rund 800 Mitgliedern auch knapp 60 ehrenamtliche Helfer, deren Tätigkeitsfeld von Opferhilfen bei Taschendiebstählen unter Obdachlosen, über Einsätze bei häuslicher Gewalt bis hin zur Unterstützung von Opfern von Gewaltverbrechen reicht. Letztes Beispiel dabei: Die zurückgelassenen Kinder des Mannes, der in Bischmisheim mit einer Axt seine Frau erschlagen haben soll. Im vergangenen Jahr hat der Weisse Ring im Saarland zudem in 148 Fällen rund 58 000 Euro finanzielle Hilfen für Kriminalitätsopfer geleistet.

Entführungsopfer Oetker will allen Leidtragenden Mut machen. „Wir Menschen halten viel mehr aus, als wir glauben“, sagte er in Saarbrücken.